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Segeberg Wie bei Christo: St. Jürgen innen verhüllt
Lokales Segeberg Wie bei Christo: St. Jürgen innen verhüllt
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22:24 16.08.2018
Pastor Thomas Meyer und das verhüllte Innenleben von St. Jürgen: Normalerweise haben hier bis zu 400 Personen Platz. Quelle: Fotos: Irene Burow
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Seedorf

Fenster und Putz bröckeln, Wasserschäden wurden sichtbar: Die Sanierung der Schlamersdorfer Kirche geht in eine neue Runde. Schon jetzt ist klar: Es dauert länger als geplant. Im September sollten die neuen Fenster kommen. Jetzt hofft Pastor Thomas Meyer, „dass wir zu Weihnachten wieder in die Kirche können“. Die geplante Goldene Konfirmation wurde bereits von Oktober ins Frühjahr verschoben.

Während das aktuellste Werk des amerikanischen Aktionskünstlers Christo im Londoner Hyde Park zu sehen ist, könnte man meinen, er war auch in Schlamersdorf aktiv. Die Kirche wird innen saniert, dafür sind die Möbel zum Schutz verhüllt – fast wie bei den berühmten Aktionen Christos.

Denn nur den Putz unten zu entfernen, reicht nicht. „Er muss überall runter“, sagt Meyer. „Das Putzervolumen hat sich also verdoppelt, die Sanierung zieht sich. Wir hätten nichts gewonnen, wenn der Maler kommt und noch nicht alles trocken ist.“

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Kanzel und Kreuzigungsgruppe abmontiert

Ende April hatte der letzte Gottesdienst in St. Jürgen stattgefunden. Kurz darauf wurde die Kirche ausgeräumt: Umzugsunternehmer Manuel Lampe aus Seedorf packte mit an, Erinnerungs- und Kriegstafeln wurden abmontiert, Stühle, Kanzel, Altar und die Kreuzigungsgruppe von Otto Flath in einer Halle des Möbelgeschäfts Mojé eingelagert. Nicht alles war transportabel. „Sie haben dann komplett auf Christo gemacht und alles eingepackt“, sagt Meyer und schmunzelt. Die hölzernen Bänke, die Orgel, Geländer, die Treppenstufen und der Originalboden sind nun verhüllt, damit sie von dem staubigen Unterfangen weitgehend verschont bleiben. „Bei der abgepackten Orgel müssen wir sehen, wie aufwendig sie gesäubert werden muss.“ Eine Firma zu finden, war aufgrund der guten Wirtschaftslage nicht einfach. Sieben wurden angeschrieben, unter vier Rückläufen war eine Absage und nur ein realistisches Angebot. „Ein Anstrich hätte ohnehin drauf gemusst“, sagt der 56-Jährige. „Der alte war nicht atmungsaktiv – für so ein historisches Gebäude gar nicht gut.“ Es gibt auch kleinere Schönheitsreparaturen: Vor der ersten Sitzbank soll es mehr Platz geben, genauso wie hinter der letzten Bank, die Aufhängung für die zwei Glocken wird erneuert, derzeit in Kleinstarbeit neue Elektrik in die Kronleuchter gelegt. Im Turm wurden bereits Steine ausgetauscht.

Sanierung wird teurer, als geplant

Die Kosten steigen von geplanten 400000 auf rund 450000 Euro an. Die Kirchengemeinde hat bei der Evangelischen Bank in Kiel einen Kredit über 200000 Euro aufgenommen. 10000 spendierte Dr. Arend Oetker, weitere 10000 Euro kamen von der Rudolf-Dankwardt-Stiftung. Der Rest wird aus eigener Tasche finanziert: „Unsere Baurücklage ist gut gefüllt. Ich und mein Vorgänger haben gut gewirtschaftet“, sagt Meyer. „Man merkt jedoch, dass sie alle 20 Jahre wegschmilzt. Ich hoffe, dass wir wenigstens die nächsten 15 Jahre Ruhe haben.“ Doch bis sich der Staub nach der Erneuerung gelegt hat, wird es bestimmt noch die eine oder andere Überraschung geben. Wie zugemauerte Eingänge zum Beispiel, die sich offenbart haben. „Vielleicht lassen sie darauf schließen, dass der Anbau erst später hinzukam“, sagt Meyer. Aber sicher ist das nicht. Wenn alles fertig ist, sollen alle bekannten Informationen zum Gotteshaus zusammengetragen und in einem Kirchenführer veröffentlicht werden.

Erst wieder aufgebaut, dann immer wieder umgebaut

Die Anfänge gehen angeblich auf einen alten slawischen Wehrturm zurück. Ende des 16. Jahrhunderts kam eine Gruft und das Kirchenschiff hinzu. 1870 brannte ganz Schlamersdorf nieder. Im Westen hatte es eine Schmiede gegeben, die Esse fing wohl Feuer. Ein Frühjahrssturm sorgte dafür, dass die reetgedeckten Häuser schnell in Flammen standen. Einzig das alte Pastorat blieb stehen – bis heute.

Es ist wahrscheinlich das älteste Gebäude im Ort.

Die Kirche wurde 1871/72 wieder aufgebaut und 1931 erstmals renoviert. Das Dach wurde saniert und mit einfachem Schiefer gedeckt. 30 Jahre später wurde der Innenraum des Kirchenschiffs renoviert; die Wände wurden weiß gestrichen, Empore und Kanzel entfernt, das runde Fenster im Altarraum zugemauert. 1976 wurde Vieles wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt.

Seit März 1991 steht die Kirche unter Denkmalschutz.

Bröckelnder Putz, Schwamm im Gebälk sowie Glockenblumen, die aus dem Kirchturm sprießten: 2007 begann die Runderneuerung Schritt für Schritt. Erst wurde der etwa 38 Meter hohe Kirchturm saniert, das Kirchenschiff und der Südeingang kamen hinzu sowie Malerarbeiten im Inneren und eine neue Heizung. Kosten damals: 720000 Euro.

Meyers Vorgänger Pastor Dieter Kuchenbecker hat nach Kirchturm und Dach eine weitere Etappe der Kirchensanierung genommen: 2012 ist die Orgel runderneuert worden. Sie wurde im Jahr 1873 von der Thüringer Orgelbaufirma Schulze gebaut, immer wieder verändert. Die Kieler Orgelbaufirma Paschen hat schließlich den ursprünglichen Klang wiederhergestellt. Kuchenbecker hatte für die Finanzierung den Unternehmer Dr. Arend Oetker gewonnen, Aufsichtsratsvorsitzender der „Schwartauer Werke“ – und Musikliebhaber.

Irene Burow

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