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Segeberg Praxis ohne Grenzen: Vom Unternehmer zum mittellosen Patienten
Lokales Segeberg Praxis ohne Grenzen: Vom Unternehmer zum mittellosen Patienten
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19:00 31.08.2019
Die Praxis ohne Grenzen in Bad Segeberg und anderen Orten behandelt jeden kostenlos, der sich die Krankenkassenbeiträge nicht leisten kann. Quelle: Irene Burow
Bad Segeberg

Alles begann mit diesem Ohrensausen in Istanbul. Das war 2011. Da hatte Manuel Kort (Name geändert) den 60. Geburtstag schon hinter sich. Er erinnert sich an den großen Aufriss, all die Glückwünsche – ganz pompös. Er hatte es geschafft. War Geschäftsführer mehrerer Firmen mit mehreren Mitarbeitern. Er hatte Immobilien, hatte vorgesorgt. „Mir war schon früh klar, dass ich mich selbstständig machen will“, sagt er. „Mit Anfang 20 dachte ich, wenn ich monatlich 8000 Euro hätte, mit Mieteinnahmen und so, würde das im Alter reichen.“ Etwa so war es dann zu seinem 60. Geburtstag auch.

„Und jetzt...“. Er blickt nachdenklich auf einen der Lauenburgischen Seen und tippt schließlich auf den Bildschirm seines Smartphones. „Jetzt möchte ich nur noch gesund bleiben und hoffe, dass ich Beistand habe, wenn alles noch schlimmer wird.“ In dem Telefon steht die Nummer von Uwe Denker. Dem Bad Segeberger Arzt, der in seiner „Praxis ohne Grenzen“ kostenlos hilft – kranken, mittellosen Patienten. „Ohne ihn wäre ich heute nicht mehr hier“, sagt Kort.

Heute lebt er ohne Rente und kann seine Krankenversicherung nicht zahlen. Gerade ist er aus seinem Haus in eine 60 Quadratmeter große Wohnung gezogen. Statt Gärtner und Putzfrau zu beschäftigen, wohnt er heute nahe einer Klinik. „Aus wirtschaftlichen Gründen habe ich mich damals privatversichert“, sagt er. „Es war einfach günstiger.“ Ein großer Fehler. In die Rentenkasse hat er nur drei Jahre eingezahlt, einen Anspruch hat man erst ab fünf.

Schwerhörig und suizidgefährdet

Was war passiert? Zwei Millionen Euro habe er bestimmt verloren, sagt er. Durch wirtschaftlichen Ruin einerseits: Beim Versuch, eine seiner Firmen in neue Hände zu geben, hat er sich täuschen lassen. Den falschen Menschen vertraut. „Die Baubranche ist so gefährlich, so schlimm. Ich hätte nie gedacht, wie missgünstig und durchtrieben die Menschen sind.“ Es ging in die Insolvenz.

Und dann war da dieses Ohrensausen. Erst bei einer Istanbul-Reise. Später, auf einer Rundtour durch Skandinavien, war Schluss. „Ich war schwerhörig. Danach ist mein Leben zusammengebrochen.“ Gleichzeitig die wirtschaftliche Schieflage: Er habe Selbstmordgedanken gehabt und sei psychisch am Boden gewesen.

Die Rechnungen waren gewaltig

Die Hausärztin schickte ihn zum Hals-Nasen-Ohrenarzt. Er bekam Spritzen für den Gehörgang. Doch geholfen hat das nicht. „Dann wurde an mir alles praktiziert, was Geld bringt“, fasst Kort zusammen. Sechs HNO-Ärzte später „musste“ operiert werden. „Die OP wurde dann aber anders vorgenommen als vereinbart“, sagt er.

Die Post brachte Rechnungen, in deren Höhe er jedes Mal Urlaub hätte buchen können. Oder einen Kleinwagen kaufen. „Sie waren gewaltig.“ Medikamente, Hörgeräte, Spritzen – es kostete ihn Zehntausende. „Alles gipfelte in dem Vorschlag, mir ein Implantat einzusetzen.“ So eines, wie es der ehemalige bayrische Ministerpräsident Günther Beckstein trägt – am Schädel. Nur weil der Oberarzt einer Lübecker Klinik sein Veto einlegte, entging er der unnötigen Operation.

„Ich hätte heute ein Loch im Kopf“

„In meinem Beruf muss man sich das Geld verdienen. Ein Arzt muss nur gucken und etwas verschreiben“, sagt er platt. „Was machen die Ärzte da? Ich hätte heute ein Loch im Kopf!“ Wie ein Patient habe er sich selten gefühlt. „Bei Uwe Denker bin ich zum ersten Mal Mensch. Und keine profitable Einnahmequelle.“ Wie er ihn zum ersten Mal anrief, wird er nie vergessen. Durch Bekannte hatte er von der Praxis erfahren.

Menschenrechtspreisträger Dr. Uwe Denker. Quelle: Irene Burow

Als er sie zum ersten Mal betrat, war da ein A4-Zettel für seine Daten. „Ohne Legitimation, ohne Personalausweis, Blutdruck messen. Das war’s.“ Es wurde Diabetes diagnostiziert. Zwar musste er nochmals an den Ohren operiert werden, kann seitdem aber uneingeschränkt Hörgeräte nutzen. Es war ein zweifacher Neustart: Denn während der OP wurde ein Blutzuckerwert von über 600 festgestellt. Bei Gesunden liegt er etwa bei 100, bei Diabetikern bei über 125. „Eigentlich war ich schon tot.“

All die Behandlungen infrage zu stellen, darauf kam er nicht. „Es kam mir komisch vor, aber diese Fragen habe ich nicht gestellt. Ärzte hatten immer ein hohes Ansehen bei mir. Es sind doch Ärzte“, sagt er. „Alles war Humbug. Viele Untersuchungen gab es nur, weil ich Privatpatient war.“

Sieben Praxen im Norden

Aktuell gibt es im Norden sieben Praxen ohne Grenzen. In Bad Segebergwechseln sich bei den Sprechstunden am Mittwoch fünf Ärzte ab. Hinzu kommen acht Arzthelferinnen und ein Netzwerk an Unterstützern, die zum Sachkostenpreis arbeiten.

Was Denker freut: Neuerdings ist auch ein Zahnarzt dabei. Was fehlt, seien Psychologen und Traumatologen – die Suizidgefahr sei nicht zu unterschätzen. „Es ist teilweise dramatisch“, sagt er. In der Hamburger Praxis ist die steigende Fallzahl am besten zu sehen: In der Großstadt kamen 2014 noch 657 Patienten, 2018 waren es 5800 und in diesem Jahr werden es wohl 6500, sagt der Leiter Peter Ostendorf.

„Privatversicherung als Profitmaschine“

Doch ihnen, auch seiner Krankenversicherung, wirft er nichts vor. „Das System Privatversicherung ist das Problem, die Profitmaschine.“ Vielfach betreffe das Selbstständige. „Es ist kein Wunder, dass viele es nicht wagen. In Deutschland ist man mit dem Behörden- und Verwaltungswust schlecht aufgehoben. Selbstständige gelten in Deutschland als Witzfigur. In Kanada, Australien oder Amerika bekommt man eine zweite, dritte, vierte Chance.“

Nun ist Manuel Kort auf seine Tochter angewiesen. „Ich existiere Dank ihr. Sonst ginge es stramm ins Sozialamt.“ Ihr gehört sein Auto. Sie zahlt die Krankenkassenbeiträge. Trotzdem bekommt er als chronisch Kranker in seinem Tarif keine Leistungen. Erst bei Aufwendungen ab 5000 Euro. Was er braucht, bekommt er in der Bad Segeberger Praxis.

„Obdachlose? Wie Sie sehen, ich bin es nicht“

Die Allgemeinheit würde ja denken, sagt er, in die Praxis ohne Grenzen kämen Obdachlose. „Wie Sie sehen, ich bin es nicht. Ich war der berühmte Mittelstand. Ich bin weder Verbrecher noch Sexualstraftäter.“ Doch er sei gebrandmarkt, müsse übles Gerede ertragen. Und den Krankenschwestern immer wieder klar machen, dass „ich im Grunde nicht versichert bin“.

Uwe Denker hat mein Leben gerettet“, sagt Kort. „Ich weiß nicht, was ich für ihn tun kann. Was mir bleibt, ist meine Geschichte zu erzählen. Ich tue alles, damit seine Idee Wind bekommt.“ Könnte er heute noch einmal entscheiden, würde er jedem raten: „Mache dich selbstständig, aber nicht in Deutschland. Bleib in der gesetzlichen Krankenversicherung. Und pass auf Uwe Denker auf.“

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Von Irene Burow

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