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Segeberg Wieder ein Hausarzt weniger - 900 Patienten müssen sich umorientieren
Lokales Segeberg Wieder ein Hausarzt weniger - 900 Patienten müssen sich umorientieren
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21:47 05.06.2018
Schluss nach 40 Jahren: Dr. Rolf Scheuer hat seine allgemeinmedizinische Praxis geschlossen. Er geht, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben, in den Ruhestand. Für die Räume habe er schon Interessenten: „Mit Medizin haben die aber nichts zu tun“, bedauert er. Quelle: Fotos: Heike Hiltrop
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Bad Segeberg/Wahlstedt

„Liebe Patienten, nach 40 Jahren ärztlicher Tätigkeit schließe ich meine allgemeinmedizinische Praxis am 31. Mai. Leider konnten wir keinen Nachfolger finden. Wir danken ihnen für ihre jahrelange Treue . . .“, sagt die freundliche Stimme des Anrufbeantworters. Rolf Scheuer (64) wirft einen Blick auf das mit grünen Streifen überklebte Praxisschild. „Das fällt einem nicht leicht. Man drückt nach so langer Zeit schon mindestens eine Träne weg.“ Jetzt sind es nur noch fünf Hausärzte beziehungsweise Allgemeinmediziner, die in Wahlstedt praktizieren. Die Lage scheint sich zuzuspitzen, denn von denen stehen mindestens zwei ebenfalls kurz davor, in den Ruhestand zu gehen (die LN berichteten).

Drohender Hausärztemangel treibt selbst größere Kommunen im Kreis um. In Wahlstedt ist die Sorge darum von der Realität eingeholt worden: Dr. Rolf Scheuer hat keinen Nachfolger gefunden und seine Praxis geschlossen. Rund 900 Patienten müssen sich umorientieren.

1900 Hausärzte gibt es etwa in Schleswig-Holstein.

620 Ärzte davon sind mindestens 60 Jahre alt und darüber.

21,5 Hausarztstellen waren Anfang April 2018 in Schleswig-Holstein frei. (Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein)

Ärztezentrum

Das „Büsumer Modell“ ist eine Ärztezentrum gGmbH, die 2015 als bundesweit erste kommunale Eigeneinrichtung gegründet wurde. Das Hauptziel sei, die langfristige hausärztliche Versorgung der Büsumer Bevölkerung und ihrer Gäste auf hohem medizinischem Niveau sicherzustellen. Nach eigenen Angaben arbeiten dort derzeit sechs Ärztinnen und Ärzte sowie zehn medizinische Fachangestellte und eine Case-Managerin.

25 Kilometer zum Arzt sind für gebrechliche Menschen weit

Für Scheuers etwa 900 ehemaligen Patienten bedeutet die Praxis-Schließung, dass sie sich nach einem neuen Hausarzt umsehen müssen. Zwar ist sich die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) sicher, dass die Versorgung in und um die Kreisstadt derzeit gut sei, aber sie steht auf dem Standpunkt, dass 25 Kilometer Entfernung zum nächsten Hausarzt tragbar seien.

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Dem widersprechen ansässige Mediziner wie Michael Orlowski.

Sabine Hansen hat das gerade mit ihrer Mutter, bisher Patientin bei Scheuer, erleben müssen. Die 83-jährige, chronisch kranke Frau habe sich in einer anderen Praxis in Wahlstedt einen ersten Termin geben lassen. „Als sie dann dort war, wurde sie wieder nach Hause geschickt. Es hieß, man nehme momentan keine neuen Patienten“, sagt Sabine Hansen. Ihre Mutter solle sich nach Bad Segeberg orientieren. Nun tritt die Seniorin mit samt Rollator den beschwerlichen Weg mit dem Linienbus in die Kreisstadt an. Zum regelmäßigen Blutabnehmen beispielsweise. Für Schwerwiegendes keine optimale Lösung, findet Sabine Hansen: „Eine Versorgung vor Ort wäre sinnvoll.“

Vor allem für ältere Menschen und jene, die nicht so mobil sind, sei schon der Weg nach Bad Segeberg oder Neumünster ein Angang, weiß auch Wahlstedts Bürgermeister Matthias Bonse. Verwaltung und Politik haben bereits 200000 Euro in den aktuellen Haushalt eingestellt (mit Sperrvermerk), um genau für den jetzt eingetretenen Fall handlungsfähig zu sein und gegebenenfalls selbst in die hausärztliche Infrastruktur zu investieren. In der kommenden Woche tagt der Sozialausschuss auch zu diesem Thema. Ziel sei es, dass nun das Geld freigegeben werde. „Es gab das Angebot der Ärztegenossenschaft, ein Konzept zu erstellen, wie die ärztlichen Versorgung bei uns gestaltet werden könnte“, sagt Bonse, der auf Lösungen hofft, bevor es für die Stadt noch enger wird.

Einfach wird das nicht, denn das Problem ist mehrschichtig. Junge Ärzte zieht es in die Großstädte. Wahlstedt: zu provinziell. Das untermauern nicht nur Zahlen, sonder auch ganz konkrete Aussagen, wie Rolf Scheuer bei seiner Nachfolgersuche erfahren musste. Junge Kollegen hätten bei ihren Absagen auch die ländliche Infrastruktur angeführt.

Und um die zu wenigen Ärzte, die sich fürs Ländliche entscheiden, stehen die Kommunen im harten Konkurrenzkampf. Erschwerend komme hinzu, dass Medizin mehr und mehr eine weibliche Domäne bei den Studierenden sei, sagt Harald Stender, Koordinator für ambulante Versorgung im Kreis Dithmarschen. „Es ist jetzt schon erkennbar: 70 bis 80 Prozent der künftigen Ärztegenerationen werden Frauen sein.

Die nicht das Modell einer Hausarztpraxis vor Augen haben.“ Sie scheuten das wirtschaftliche Risiko einer Selbstständigkeit, favorisierten eine geregelte Arbeitszeit. „Junge Ärzte legen Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeits- und Familienzeit“, bestätigt Bianca Hartz von der KVSH.

Gemeinden können Impulse geben, Strukturen schaffen

„Die hausärztlichen Versorgung in Schleswig-Holstein wird aufgrund der demografischen Entwicklung extrem schwierig“, unterstreicht Experte Harald Stender. Selbst in unmittelbarer Nähe zu Hamburg, Lübeck, Neumünster oder Flensburg werde die Nachbesetzung der Hausarztsitze immer schwieriger. Stender prognostiziert eine dramatische Verringerung in den nächsten 15 Jahren. Er sei überzeugt davon, dass Einzelpraxen keine Perspektive hätten. Dem stimmt auch Dr. Rolf Scheuer zu: „Ich glaube, es wird ein Einzel-Praxensterben geben.“

Das in der Öffentlichkeit so hoch gelobte Büsumer Modell (siehe Info-Text) klingt für manche Kommune wie der rettenden Strohhalm. Doch: „Das ist immer die allerletzte Möglichkeit“, betont Stender. Er ist in etwa 20 Projekte zusammen mit der Ärztegenossenschaft involviert. Wenn das Okay kommt, dann auch in das Konzept für Wahlstedt.

„Auf jeden Fall müssen Hausärzte künftig in größeren Einheiten denken, weil die für den Nachwuchs interessant sind. Die jungen Ärztinnen wollen angestellt sein. Dazu braucht es mehrere Zulassungen, und am Ende muss ein Arzt die unternehmerische Verantwortung übernehmen. Das ist immer die beste aller Möglichkeiten“, sagt der Experte. Die Gemeinde könne dann Impulse geben. Etwa indem sie Räume schaffe und sie womöglich für eine gewisse Zeit unentgeltlich zur Verfügung stelle, damit die Ärzte zusammengebracht werden könnten. Es gehe darum, die vorhandenen Ärzte sozusagen zu ertüchtigen, indem andere Strukturen geschaffen würden. Stender: „Wie die Lösung für Wahlstedt aussehen könnte, das kann man aber jetzt noch nicht sagen.“

 Heike Hiltrop

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