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Segeberg Windkraft: Initiativen geben hunderte Einwendungen ab
Lokales Segeberg Windkraft: Initiativen geben hunderte Einwendungen ab
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19:51 03.01.2019
Da die zuständige Abteilung der Landesplanung in der Staatskanzlei untergebracht ist, gaben Mitglieder der Bürgergruppe Radesforde 241 Stellungnahmen dort ab. Von links: Katrin Bernecker, Eike Griese und Aenne Griese. Quelle: Rainer Korn
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Bad Segeberg

Aus dem Kreis Segeberg haben sich mehrere Bürgerinitiativen direkt auf den Weg zum Kieler Landeshaus gemacht: Aus ihrer Sicht zählt jedes Schreiben zu den geplanten Windrädern vor ihrer Haustür. Hunderte Einwendungen sind abgegeben worden. Denn in der Nacht zu Freitag ist die Frist für die Bevölkerung abgelaufen, sachliche Gegenargumente zu liefern.

Renaturiertes Gebiet bei Heidmühlen

„Als wir da waren, war landesweit von 2600 Einwendungen die Rede“, sagt Rainer Korn aus Heidmühlen. „Ich war überrascht, dass es dann doch noch so viele wurden.“ Damit hätte sich die Zahl seit Mitte Dezember etwa verdreifacht. Hunderte dürften es aus dem Kreis Segeberg sein. Wie viele als gültig gewertet werden, bleibt abzuwarten. Die Heidmühlener haben 241 Stellungnahmen von Bürgern gesammelt. Zwar ist Heidmühlen nur ein kleines Dorf, dennoch wehrt sich eine Bürgergruppe seit Herbst 2018 gegen Anlagen östlich von Heidmühlen, im Gebiet der Radesforder Au.

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Mindestens drei Windräder sind auf 28 Hektar geplant. „Es handelt sich um ein Gebiet, das vor einigen Jahren mit EU-Mitteln aufwendig renaturiert wurde“, erklärt Rainer Korn. Die Radesforder Au und die Rothenmühlenau fließen dort zusammen. „Es hat sich zu einem stillen Biotop entwickelt, wo Zugvögel Rast machen. Es bildet einen Korridor zwischen Segeberger und Ricklinger Forst. Diese Vielfalt ist nie dokumentiert worden. Die Bauern und Jäger vor Ort wissen das.“ Er selbst wäre vielmehr von den Anlagen auf Fehrenböteler Gebiet betroffen. „Aber bei Radesforde ist mir das aus Naturschutz-Aspekten wichtiger.“ Die teilweise sehr umfangreichen Stellungnahmen seien am 2. Januar im Ministerium für Raumplanung in Kiel übergeben worden.

Biotope bei Fehrenbötel

Die Bürger von Fehrenbötel haben mindestens 220 Einwendungen abgegeben. Sie waren im Herbst von der neuen Regionalplanung überrascht worden. Südlich von Fehrenbötel wäre demnach auf 83 Hektar Ackerflächen Platz für fünf Anlagen; für zwei sind die Planungen bisher konkret. Die Umweltgerechte Kraftanlagen GmbH (UKA) will dort bauen. „Um das Gebiet herum befinden sich elf Biotope“, moniert Carsten Zieske von der Bürgergruppe Windkraft Fehrenbötel. Die Beteiligung sei besser gewesen als angenommen. „Die Reaktion der Gemeinde zu den Windrädern war zunächst neutral, hat sich dann aber auch eher ,dagegen’ entwickelt“, sagt Zieske. „Wir werden weiter aktiv blieben und Beobachtungen machen. Wir sind vorbereitet, auch weitere Schritte zu unternehmen.“ In Fehrenbötel könne nach seiner Meinung nicht die Rede von guter Bürgerbeteiligung und Akzeptanz sein. Die Lage sei erst spät von den Betroffenen erkannt worden.

Bebensee könnte nicht mehr wachsen

Zwischen Mözen und Bebensee, westlich von Schwissel, soll nach aktueller Planung auf 64 Hektar eine Aufreihung von Windrädern möglich sein. Mindestens zwei sind geplant, eher mehr. Dagegen spricht für einige Einwohner in Bebensee vor allem, dass das Dorf nicht mehr entwickelt werden kann. „Wir könnten nur im Nordwesten bauen“, sagt Dr. Joachim Musehold von der Bürgergruppe Gegenwind Bebensee. „Und das ist auch geplant.“ Im Süden liege Neversdorf, im Westen der Neversdorfer See, im Osten die Autobahn 21 und mehrere Betriebe. „Es ist absolut notwendig, im Nordwesten Freiraum zu haben.“ Er schätzt die Zahl der Einwendungen auf 30 bis 40.

Zudem bringt er einen Bürgerentscheid von 2010 zu Gehör. Damals hatte die Gemeindevertretung sich für Windkraft ausgesprochen. Innerhalb von drei Tagen wurde sie jedoch mit 180 Unterschriften überstimmt – 61 Prozent der Einwohner waren dagegen. „Nach zwei Jahren muss die Gemeindevertretung neu entscheiden, das ist nicht geschehen“, so Musehold. Der Entscheid sei nach wie vor gültig. Darüber hinaus meint er, habe die Windkraftdebatte dem Dorffrieden über die Jahre erheblich geschadet.

Lauter Einzelfälle in Nehms

In Nehms wurden mindestens 130 Einwendungen verfasst. „Ich schätze, es sind aber über die verschiedenen Kanäle noch deutlich mehr“, sagt Daniel Pelzer von der Bürgergruppe Gegenwind Nehms. Auch er hatte sich auf den Weg nach Kiel gemacht. Die Gewi Planung und Vertrieb aus Husum möchte nördlich des Ortes bauen. Nach aktueller Planung wäre dafür auf rund 32 Hektar Platz. „Einige Waldstücke sind bei der Planung nicht beachtet worden“, sagt Pelzer. Die Initiative moniert zudem, dass Nehms keinen echten Dorfkern hat. „Wir wohnen alle verstreut auf Einzel- und Resthöfen. Wir werden als Einzelfälle betrachtet, dabei fällt eine Vielzahl von Familien unter die Abstandsgrenze von 1000 Metern.“ Dennoch sieht er die Lage der Landesplanung: „Es ist verdammt schwierig, alles unter einen Hut zu kriegen. In deren Haut möchte ich wirklich nicht stecken.“

Weil die Beteiligung der Öffentlichkeit noch bis vergangene Nacht um 24 Uhr lief, wollte das Innenministerium am Donnerstag noch keine Zahlen vorwegnehmen. „Zahlreiche Einwendungen sind online eingegangen, aber viele auch in Papierform“, sagte Sprecher Dirk Hundertmark. „Wir werden das auswerten und am Freitag veröffentlichen.“ Mitte Dezember wurden landesweit rund 900 Stellungnahmen gezählt, etwa 120 davon betrafen Vorranggebiete im Kreis Segeberg. „In den vergangenen Tagen ist jedoch noch einiges zusammengekommen“, hieß es vorab.

Irene Burow