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Segeberg Wohnungsnot hat auch Segeberg erreicht
Lokales Segeberg Wohnungsnot hat auch Segeberg erreicht
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21:10 16.11.2017
Auch die von der Wankendorfer in Bad Segeberg angebotenen Wohnungen sind nahezu komplett belegt. ARCHIVFOTO: WGL
Bad Segeberg

„Die Wohnungsnot im Kreis Segeberg ist da“, macht es Siegfried Raabe kurz. Er ist nicht nur Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt im Kreis, sondern auch Vorsitzender der Kreisarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände. Erst kürzlich hat er mit den Mitgliedern zu dem Thema zusammengesessen. Die Verbände sind sich einig: Es fehlen Wohnungen. Und wenn es sie gibt, sind sie zu teuer – und das nicht nur für Geringverdiener. „Der jahrelange Kampf ist spürbar. Im Südkreis haben wir mit rund 8,50 bis 11 Euro pro Quadratmeter fast Hamburger Mieten bei Neubauten“, sagt Raabe. „Wie soll sich ein junger Handwerker das kurz nach der Abschlussprüfung leisten?“ Auch Alleinerziehende hätten es schwer. Es werde immer mehr spürbar, dass „junge Ehepaare, die finanziell eigentlich noch ganz gut dastehen, sich mit dem Problem konfrontiert sehen, ob das Geld für die Miete reicht“.

„Bezahlbarer Wohnraum im Kreis ist knapp, vor allem in den Ballungszentren “, sagt auch Melanie Popp, die beim Diakonischen Werk Altholstein den Fachbereich Wohnungslosenhilfe leitet. Die Berater „bedienen die ganze Fläche, der Bedarf ist da“. Und das betrifft längst nicht mehr nur Menschen, die vom Sozialamt und Jobcenter betreut werden, sagt sie. „Es kommen inzwischen auch Normalverdiener.

Wir schicken niemanden weg.“ Immer mehr Menschen hätten mehrere Jobs, um den Lebensstandard halten zu können. Darüber hinaus habe die Zahl der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen einen Höchststand erreicht. Erst im Frühjahr hatte das Diakonische Werk Schleswig-Holstein Alarm geschlagen. „Die Zahlen steigen dramatisch“, sagt Melanie Popp.

„Den Trend können wir durchaus bestätigen. Die Nachfrage ist hoch“, sagt Gregor Bunde, Prokurist bei der Wankendorfer, einem der größten Wohnungsunternehmen im Norden. „Man kann an vielen Standorten von Vollvermietung sprechen“ – bis über die Kreisgrenzen hinaus. In Wahlstedt könne die Nachfrage noch bedient werden, in Bad Segeberg werde es schon schwieriger. „Es gibt nur wenige Restwohnungen zwischen Eckernförde und dem Hamburger Rand.“

Der Kreis hatte im vergangenen Jahr bei den Kommunen nachgefragt: Dringend gesucht wird vor allem in den Städten. Das gilt besonders für kleine Wohnungen bis 50 Quadratmeter für Einpersonenhaushalte und Wohnungen von 50 bis 60 Quadratmetern für Zweipersonenhaushalte, auch gekoppelt an die Barrierefreiheit. Speziell die Unterbringung von Senioren über 60 sowie Singles und Auszubildenden stellt die Kommunen vor Herausforderungen. Wie groß die Nachfrage genau ist, dazu gibt es keine Daten. Sucht man jedoch direkt in Bad Segeberg nach einer Einzimmerwohnung oder Vierzimmerwohnung, herrscht bei den gängigen Wohnungsportalen im Internet gähnende Leere. Kaum mehr als ein Dutzend sind es jeweils überhaupt, die zur Auswahl stehen.

Marco Thiede, Inhaber der Immobilien Agentur Sarau in Klein Rönnau, hat zwar nicht den Eindruck einer erhöhten Wohnungsnachfrage in der Region. „Es sind aber jede Menge Hauskäufer unterwegs“, sagt er. Gute Angebote seien sofort wieder weg. „Bei Neubauten liegt die Miete schon bei bis zu 11 Euro Kaltmiete, das ist relativ hoch für den Kreis Segeberg. Da lohnt es sich schon eher, etwas zu kaufen“.

 Einerseits würden Lohnniveau und Kosten kollidieren, erklärt Siegfried Raabe die Wohnungsnot. Es mangele aber auch an sozialem Wohnungsbau. Dieser wird staatlich gefördert; die Miethöhen sind begrenzt. „900 solcher Wohnungen sind es momentan noch in Kaltenkirchen“, sagt Raabe, gleichzeitig Politiker der örtlichen SPD. „Noch vor ein paar Jahren waren es 1600, wir haben etwa 100 pro Jahr verloren.“ Sozialwohnungen zu schaffen, sei politisch in der Vergangenheit nicht so einfach gewesen. Mit neuen Wohnungen, in die Böttcher Immobilien investiert hat, komme zumindest etwas Bewegung in die Problematik in Kaltenkirchen.

Es sei versäumt worden, genug neue Wohnungen zu bauen, meint Melanie Popp. Drei Mitarbeiter der diakonischen Wohnungslosenhilfe beraten im Kreis mit 1,5 Stellen an sieben Standorten akut Wohnungssuchende. Ihre Kollegen seien an der Belastungsgrenze: Statt 200 vorgesehenen Beratungen pro Jahr seien es real um die 300. „Das klingt erst mal nicht viel. Die Fälle begleiten wir aber oft langfristig.“ Es sei Fakt, dass vor allem kleine Wohnungen fehlen und große Wohnungen für Familien mit Kindern – vor allem für den kleinen Geldbeutel. „Wir haben immer noch Zuzug von Flüchtlingen“, sagt Gregor Bunde von der Wankendorfer. Die ersten bekämen nun Bleibestatus und suchen nach Wohnungen – eine zusätzliche Klientel am Markt.

Kosten im Schnitt

Nach Berechnungen des Kreises liegen die Kosten für eine Wohnung bis 60 Quadratmeter bzw. 100 Quadratmeter im Kreisgebiet im Durchschnitt bei 5 bis 7,81 Euro. Eine Ausnahme bildet Norderstedt aufgrund der Nähe zu Hamburg, dort gibt seit Jahren ein Mietenspiegel Auskunft über ortsübliche Kosten. Daraus geht hervor, dass neuere Wohnungen zwischen 40 bis 50 Quadratmetern Größe bis zu 10,88 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter kosten. Bei kleineren Wohnungen sind es gar bis zu 14 Euro. Das wären bei einer Einraumwohnung von 35 Quadratmetern Größe rund 500 Euro kalt.

 Irene Burow