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Segeberg Zehn Jahre „Praxis ohne Grenzen“: Kein Grund zum Feiern
Lokales Segeberg Zehn Jahre „Praxis ohne Grenzen“: Kein Grund zum Feiern
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06:00 21.01.2020
Zum zehnjährigen Bestehen der von Dr. Uwe Denker (r.) gegründeten „Praxis ohne Grenzen“ stattete der stellvertretende Bürgervorsteher Wolfgang Tödt der Praxis einen Besuch ab. Quelle: Petra Dreu
Bad Segeberg

Ein zehnjähriges Bestehen wäre für nahezu jede Institution ein Grund, mit einem Glas Sekt anzustoßen. Nicht so bei der „Praxis ohne Grenzen“, die der damals 71-jährige Bad Segeberger Mediziner Dr. Uwe Denker am 20. Januar 2010 aus der Taufe gehoben hat, um auf einen gravierenden Missstand im Gesundheitssystem aufmerksam zu machen: Kranke ohne Krankenversicherung. Ihnen wollte er unentgeltlich medizinische Versorgung zukommen lassen.

Daran hat sich auch zehn Jahre später nichts geändert. Im Gegenteil: Aus der einen Praxis in Bad Segeberg wurden mittlerweile zehn. Sechs in Schleswig-Holstein, eine in Hamburg und drei weitere im Rest der Republik. Sie alle arbeiten nach dem Modell des inzwischen 81-jährigen Facharztes für Allgemein- sowie Kinder- und Jugendmedizin. Seine Patienten kommen schon lange nicht mehr nur aus dem Kreis Segeberg, Anfragen gibt es aus allen Teilen der Welt, erzählt Denker.

Alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich

Inzwischen arbeiten 70 Menschen ehrenamtlich im Hintergrund: Ärzte und Arzthelferinnen, die sich bei den wöchentlichen Sprechstunden abwechseln, sowie Fachärzte, die schnell und unbürokratisch helfen, wenn Denker für seine Patienten schnellstmögliche Hilfe benötigt. Er sammelt Spenden und verfügt inzwischen über eine gut ausgestattete Praxiseinrichtung mit Ultraschall, Geräten zur Messung der Lungenfunktion, und sogar augenärztliche Untersuchungen können in der „Praxis ohne Grenzen“ stattfinden. Das Lübecker Zentrallabor übernimmt alle labortechnischen Untersuchungen, ohne dafür eine Rechnung auszustellen.

An dem Missstand im Gesundheitssystem hat sich jedoch bislang nicht viel geändert. „Deshalb sind zehn Jahre auch kein Grund zum Feiern“, betont Denker, der die „Praxen ohne Grenzen“ immer noch als provisorische Zwischenlösung versteht. Ein christlich-soziales Projekt der Solidarität, tätiger Nächstenliebe und Barmherzigkeit. „Unser Motto ist das der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Gesundheit ist ein Menschenrecht.“

Kontakt zur Praxis

Die ausschließlich über Spenden finanzierte „Praxis ohne Grenzen“ ist in Bad Segeberg im Haus des Kirchenbüros am Kirchplatz 2 zu finden. Die Sprechzeiten sind mittwochs von 15 bis 17 Uhr. Telefonisch ist die Praxis während der Öffnungszeiten unter der Nummer 045 51/95 50 27 zu erreichen. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.praxisohnegrenzen.de.

1000 Patienten in zehn Jahren

Rund 1000 Patienten hat die „Praxis ohne Grenzen“ in Bad Segeberg bislang behandelt. Die meisten von ihnen entstammen der Mittelschicht, sagt Denker. Darunter viele Selbstständige, die in jungen Jahren zu einer privaten Krankenversicherung gewechselt sind, mit zunehmendem Alter aber die hohen Versicherungsbeiträge nicht mehr zahlen konnten.

Davon kann auch Bad Segebergs stellvertretender Bürgervorsteher Wolfgang Tödt ein Lied singen, der zum zehnjährigen Bestehen statt Blumen einen Umschlag mit Geld für die Praxis dabei hatte. „Ich habe mit meinem Betrieb auch nicht nur die besten Zeiten erlebt und stand kurz davor, hier anklopfen zu müssen, wurde aber von meiner Familie aufgefangen“, verrät Tödt, der es heute als Fehler betrachtet, in eine private Krankenversicherung gewechselt zu sein. „Ich habe mich oft gefragt, warum ich das nur gemacht habe. Wohl weil alle dazu geraten haben.“

Ab 55 Jahren gibt es kein Zurück mehr

„Zurück in eine gesetzliche Krankenversicherung können die meisten nicht mehr. Ab einem Alter von 55 Jahren nimmt einen keine Krankenversicherung mehr auf. Deshalb muss ein Strukturwandel im deutschen Gesundheitswesen her, der die wachsenden sozialen Lücken schließt“, sagt Denker, der weiterhin für drei Ziele kämpft: eine beitragsfreie Krankenversicherung für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, eine kostenlose, über Steuern finanzierte Grundversicherung für alle und eine Senkung der Mehrwertsteuer für Medikamente. Solange das nicht geschieht, will Dr. Uwe Denker weitermachen im Dienst von Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

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Von Petra Dreu

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