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Segeberg Zwei Jahre auf Bewährung im Segeberger Untreue-Prozess
Lokales Segeberg Zwei Jahre auf Bewährung im Segeberger Untreue-Prozess
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22:06 27.10.2016
Trotz Freispruch-Plädoyer: Das Gericht sprach den Segeberger WZV-Mitarbeiter am Donnerstagmittag für schuldig. Quelle: dpa
Norderstedt

Was für eine Wende im Prozess wegen gewerbsmäßiger Untreue beim Wege-Zweckverband (WZV): Nachdem zuletzt sogar die Staatsanwältin Freispruch für den leitenden Angestellten des WZV beantragt hatte, verurteilte das Schöffengericht in Norderstedt den 40-Jährigen gestern zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Außerdem soll er den entstanden Schaden von 29 000 Euro begleichen - zu zahlen in monatlichen Raten von 500 Euro.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte zwischen Februar und Oktober 2014 bei den Tagesabschlüssen auf dem Norderstedter Recyclinghof in 48 Fällen irreguläre Stornobuchungen vorgenommen und zumeist Beträge in Höhe von exakt 650 Euro an sich genommen hat. Ein Mitarbeiter des Recyclinghofes hatte auffällige Bons im Papierkorb gefunden. Außerdem fertigte der Hauptbelastungszeuge immer wieder Zwischenabschlüsse der Registrierkasse an, um Diskrepanzen zu dokumentieren. Für die Abschlüsse an der Kasse war hauptsächlich der Angeklagte zuständig, in dessen Wohnung die Polizei hohe Bargeldbestände gefunden hat. Dazu kommen verdächtige Einzahlungen auf dessen Konto.

Die Verteidigung hatte immer wieder die These aufgestellt, dass die Belege gefälscht wurden – unter Beteiligung des Hauptbelastungszeugen. Insbesondere ein Kassenbericht vom 22. August 2014 warf Fragen auf, denn diesen konnte der Angeklagte nicht gefertigt haben – er war gar nicht anwesend gewesen. Auch Staatsanwältin Kerstin Kuhlbrodt beantragte daraufhin Freispruch. Sollte dieser Beleg gefälscht sein, könne das auch für alle anderen gelten, sagte sie damals.

Das Gericht kam zu einem anderen Schluss. „Wir haben uns intensiv mit Alternativszenarien beschäftigt“, so der Vorsitzende Richter Matthias Lohmann. Aber: Ein Fälschungsszenario sei „völlig ausgeschlossen“. Nummerierung und Zeitstempel der Stornobelege passten zu den Kassenabschlüssen durch den Beklagten. Um mit derart aufwendigen Fälschungen den Angeklagten zu belasten, hätte der Hauptzeuge, der die Belege gefunden hat, involviert sein müssen. Dafür gebe es aber keine Hinweise.

Zudem ist das Gericht überzeugt, dass dem WZV Geld abhanden gekommen ist, obwohl der Verband selbst keinen Verlust feststellen kann. Denn mit den Kunden des Recyclinghofes werde auf Basis des geschätzten Müllvolumens abgerechnet. Die Verwertung erfolgt dann aber nach Gewicht.

Bei der polizeilichen Auswertung der Registrierkasse konnten aber die Umsätze der vergangenen vier Monate nachvollzogen werden. Darunter Stornos von 60<TH>000 Euro. „Das sind 27 Prozent des Umsatzes“, verdeutlichte Lohmann. Mit normaler Geschäftstätigkeit sei das nicht zu erklären. Ebenso wenig wie die täglichen Sammelstornos in häufig gleicher Summe.
Für Auffälligkeiten in der Belegsammlung, die die Verteidigung als Beweis ihrer Version sah, hielt das Gericht andere Erklärungen für wahrscheinlicher – und kritisierte die Verteidigung dafür, den belastenden Zeugen wiederholt einer Straftat bezichtigt zu haben. „Der Angeklagte hätte es besser wissen müssen“, so der Richter. Er habe die Vertrauensstellung gegenüber seinem Arbeitgeber und dem Verbandsvorsteher Jens Kretschmer missbraucht, der „in erstaunlicher Nibelungentreue“ zu seinem Angestellten gehalten habe.

„Auf diesem Urteil liegt kein Segen“, kommentierte Verteidiger Gerald Goecke. Jeden Zweifel habe das Gericht zu Lasten des Angeklagten gewürdigt. „Natürlich werden wir Rechtsmittel einlegen.“

Von Nadine Materne