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Stormarn 18-Jähriger schlug wohlhabende Witwe tot
Lokales Stormarn 18-Jähriger schlug wohlhabende Witwe tot
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20:09 21.08.2013
Tischler-Lehrling Jürgen B. wird abgeführt. Quelle: Marfels/Kreisarchiv Stormarn
Rehhorst

Eine unheimliche Serie von Kriminalfällen erschütterte 1961 den heutigen Rehhorster Ortsteil Willendorf, der damals mit rund 100 Einwohnern noch eine selbstständige Gemeinde war. Innerhalb kürzester Zeit starben zunächst ein 74-jähriger Mann bei einem Wohnungsbrand vor den Augen seiner Frau und danach zwei Kinder ebenfalls bei einem Feuer an einer Rauchgasvergiftung, ehe im Februar 1961 der brutale Mord an einer Rentnerin Willendorf in ganz Norddeutschland bekannt machte.

Ihre Gutmütigkeit und ihr vermeintlicher Reichtum wurden der 63-jährigen Witwe dabei zum Verhängnis. Tischler-Lehrling Jürgen B., gerade von der Berufsschule geflogen, erinnerte sich an Emilie G.

Bei der hatte er zusammen mit seiner Mutter bis 1954 gewohnt. Der 18-Jährige wusste um die Sparsamkeit der Frau und vermutete eine Menge Geld in ihrer Wohnung. Das Geld, so sein Plan, sollte ihm eine Reise nach Frankreich ermöglichen, wo er sich der Fremdenlegion anschließen wollte. Das gab Jürgen B. zumindest nach seiner Festnahme der Lübecker Mordkommission und dem Reinfelder Amtsrichter zu Protokoll.

Er sei mit seinem Fahrrad Richtung Willendorf gefahren und habe dieses zwei Kilometer vor der am Ortsrand gelegenen Wohnung versteckt. Zu Fuß habe er sich dann durch die Felder geschlagen, um nicht entdeckt zu werden. „Ich wollte nur einbrechen, der Frau wollte ich nichts tun“, versicherte er später.

Doch es kam anders: Er schlich sich durch den Stall auf den Dachboden und wartete darauf, dass die Rentnerin das Haus verlässt. Als er sich allein wähnte, griff er durch die Bodenluke und bewegte die Tür des Kleiderschranks, um zu prüfen, ob die Luft wirklich rein war. War sie aber nicht. Die Rentnerin hörte das Geräusch, sah die offene Luke und kletterte die Stiege empor.

Jürgen B. hatte sich, so schrieben die LN damals, hinter einem großen Sack versteckt, stürzte sich dann jedoch plötzlich auf die wehrlose Frau und schlug mit einem acht Zentimeter dicken und 1,20 Meter langen Knüppel auf sie in. Immer wieder und immer kräftiger, bis die Rentnerin blutüberströmt zusammenbrach und schließlich sogar die Holzlatte in drei Teile zerbrach.

Zunächst habe er die zu dem Zeitpunkt bewusstlose Frau noch fesseln wollen, ließ dann jedoch davon ab. Stattdessen durchsuchte er die Wohnung nach Bargeld, fand jedoch lediglich ein Sparbuch mit einer Einlage von 50 Mark. Was der Täter nicht wissen konnte: Emilie G. hatte gerade ihr Erspartes in einen Pelzmantel, ein Fahrrad und neue Möbel investiert. „Aber diese Dinge interessierten den Räuber nicht — auch Uhren und Wertsachen ließ er liegen“, war am 14. Februar 1961 in den LN zu lesen.

Stattdessen hob er bei der Kreissparkassen-Filiale in Zarpen 40 Mark ab und machte sich auf den Weg nach Hamburg. Dort zog er auf St. Pauli durch Spielhallen, ließ in einem Lokal für eine Flasche, einen Whisky-Soda und ein Bier 48 Mark und zahlte damit noch drauf. „Ich wusste nicht, dass es so teuer ist“, sagte er später den Beamten, die ihn nachts gegen 4.45 Uhr in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs stellten. Er hatte das Sparbuch sowie den Personalausweis von Emilie G. dabei, leugnete jedoch zunächst das Verbrechen. Erst später in der Zelle gestand er einem Beamten, die 63-Jährige getötet zu haben.

Markus Carstens