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Stormarn 42-Millionen-Investition: Aber ein Weg ist im Weg
Lokales Stormarn 42-Millionen-Investition: Aber ein Weg ist im Weg
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20:10 02.03.2017
Produktionsstart auf Knopfdruck: Reinbeks Bürgermeister Björn Warmer (v.l.), Simon Sturge, Geschäftsführer Marco Linari, Belèn Garijo, Ministerpräsident Torsten Albig und Landrat Henning Görtz. Quelle: Fotos: Bettina Albrod
Reinbek

Das Unternehmen „Allergopharma“, das seit 1969 in Reinbek Präparate zur Untersuchung und Therapie von Allergien produziert und mittlerweile zum Merck-Konzern gehört, hat neben sein ursprüngliches Gebäude im Gewerbegebiet eine neue biopharmazeutische Produktion gebaut.  „Unser Ziel ist es, mit der neuen Produktion ein global vertretenes Unternehmen zu werden“, erklärte Geschäftsführer Marco Linari am Donnerstag bei der offiziellen Einweihung, bei der auch Ministerpräsident Torsten Albig zugegen war. Als zukünftigen Markt habe man die USA im Blick.

USA-Regel verlangt ein zusammenhängendes Firmengelände.

Allerdings verläuft zwischen den beiden Unternehmensgebäuden ein öffentlicher Weg, der der Stadt gehört und der die Globalisierungspläne des Unternehmens zu durchkreuzen droht. Denn laut Vorschrift in den USA dürfen dort nur Pharmaprodukte auf den Markt kommen, die innerhalb eines geschlossenen Werks produziert worden sind. In Reinbek müssen die Mitarbeiter aber wegen des Weges zwischen beiden Gebäuden das Werksgelände verlassen, um von einem Gebäude zum anderen zu kommen – damit gibt es in den USA keine Lizenz. Das Problem ließe sich lösen, wenn die Stadt den Weg an das Unternehmen verkaufen würde. Doch dagegen hat sich Bürgerprotest geregt.

„Viele Bürger wollen den Weg behalten, weil er die kürzeste Verbindung zum Einkaufszentrum ist und als Schulweg genutzt wird“, erläuterte Reinbeks Bürgermeister Björn Warmer am Rande der Veranstaltung. Mit dem Bürgerprotest habe keiner gerechnet. Es habe daraufhin schon mehrere Gesprächsrunden zwischen Bürgern, Bürgermeister und Firmenleitung gegeben, bisher ohne Ergebnis.

„Der Entscheidungsprozess läuft“, so Warmer, der vermitteln möchte und noch am selben Tag das nächste Gespräch führen wollte. „Es steht nirgends, dass die USA wollen, dass das gesamte Gelände eingezäunt wird, aber es heißt, die Behörde erwarte das“, so der Bürgermeister. Die Lizenz für die USA dürfe nur einmal beantragt werden. Nun besteht die Gefahr, dass das Unternehmen – sollte der Weg bestehen bleiben – seine Produktion ins Ausland verlagern könnte, um dort die Produktionsbedingungen zu erfüllen und auf dem USA-Markt Fuß zu fassen.

Also muss eine Lösung her, möglichst innerhalb der nächsten Wochen. „Von den Gewerbesteuereinnahmen haben auch die Bürger in Reinbek etwas“, gibt Warmer zu bedenken. „Hier steht nicht Firma gegen Bürger, sondern Bürger gegen Bürger.“ Sein Ziel sei es, da zu vermitteln und eine Lösung zu finden.

„Es gab schon mehrere Pläne B, um das Problem zu umgehen.“ Im wahrsten Sinne des Wortes: Eine Brücke von Haus zu Haus, die das Problem überbrückt, ein Tunnel, der unter dem Weg durchführt, oder auch die Variante, den öffentlichen Weg zum Tunnel zu machen – nichts davon hat die Betroffenen bisher überzeugt, zumal diese Lösungen jeweils mit erheblichen Kosten verbunden wären. „Der Bauausschuss tagt einmal im Monat“, sagt Warmer. „Spätestens bei der übernächsten Sitzung soll eine Empfehlung zu dem Problem auf den Weg gebracht werden.“

Dabei ist „Allergopharma“ in Reinbek mit 600 Beschäftigten weltweit ein verlässlicher Arbeitgeber mit einer Mission. „Wir wollen die Lebensqualität durch unsere Produkte erhöhen“, so Geschäftsführer Linari, „die Investition in den Standort ist das größte Investment der Pharmabranche seit Jahren.“ Den Grundstein dafür hatte Merck im Dezember 2013 gelegt. In Reinbek befindet sich die komplette Wertschöpfungskette des Unternehmens mit Produktion, Forschung, Entwicklung, Marketing, Vertrieb und Finanzen.

Albig lobte die „großartige Investition“als wichtigen Meilenstein für die Zukunftsbranche Pharmaindustrie in Schleswig-Holstein. „Sie entwickeln, was die Menschen brauchen“, sagte er, jeder Zweite sei mittlerweile von einer Allergie betroffen. Merck sei mit 350 Jahren das älteste Pharmaunternehmen im Land. „Jeder siebte Euro wird in Schleswig-Holstein in der Gesundheitsbranche erwirtschaftet, hier sind 220 000 Menschen beschäftigt.“ Er sprach sich dafür aus, Forschung und Wissenschaft zu fördern. „Mit Stormarn haben Sie einen der erfolgreichsten Landkreise in Deutschland gewählt.“

Linari führte aus, dass die moderne Anlage in Reinbek die steigenden regulatorischen und behördlichen Anforderungen auf europäischer und US-amerikanischer Ebene erfülle. Die Transparenz des Gebäudes durch die Glasbauweise stehe für die Transparenz der Prozesse im Inneren. Durch die Glasscheiben sieht man auch den Weg, mit dem sich demnächst das Schicksal des Unternehmens entscheidet.

Das Unternehmen

Die Allergopharma GmbH ist das Allergiegeschäft von Merck und führend in der allergenspezifischen Immuntherapie. Es wurde 1969 in Reinbek gegründet, wo derzeit rund 500 Mitarbeiter arbeiten.

Die Produkte aus Reinbek sind derzeit in 18 Ländern erhältlich. Alle Produkte werden in Reinbek unter hochreinen, sterilen Bedingungen hergestellt. Merck ist ein Wissenschafts- und Technologieunternehmen mit gut 50 000 Mitarbeitern. 2015 erwirtschaftete das Unternehmen in 66 Ländern einen Umsatz von 12,85 Milliarden Euro.

 Bettina Albrod