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Stormarn A 1: Ist der E-Highway eine verkehrstechnische Katastrophe?
Lokales Stormarn A 1: Ist der E-Highway eine verkehrstechnische Katastrophe?
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15:54 12.04.2019
Der E-Highway auf der A1 steht in der Kritik: Ein Hamburger Polizist sieht in als verkehrstechnische Katastrophe. Quelle: Markus Scholz/dpa
Hamberge/Groß Wesenberg

Die Kritik am E-Highway wird lauter. Vor allem das Thema Sicherheit rückt wieder in den Fokus. Der Bürgermeister von Hamberge, Paul Friedrich Beeck, hatte kürzlich schon auf die Gefahren hingewiesen: „Wenn ein Unfall oder Feuer auf der Autobahn ausbricht, ist man gefangen wie in einem Tunnel. Von oben ist keine Hilfe möglich, von den Seiten ist keine Hilfe möglich, auch die Personen auf der Autobahn können diese hohe Leitplanke kaum überwinden.“

Ein Abschnitt der Autobahn 1 zwischen Lübeck und Reinfeld wird zum E-Highway ausgebaut. Im Oktober 2018 starteten die Bauarbeiten. Nach sieben Monaten Bauzeit ist die Teststrecke für Lastwagen mit Elektroantrieb jetzt fast fertiggestellt. In beide Fahrtrichtungen ist die A 1 über jeweils fünf Kilometer elektrifiziert. Im Herbst sollen fünf Hybrid-Lkw der Reinfelder Spedition Bode hier unter realen Bedingungen getestet werden.

Feuerwehrmann und Polizist Hans-Georg Smak aus Groß Wesenberg hatte schon vor Monaten gewarnt: „Mit dem Aufbau der Masten schafft man ein ungeheures Gefahrenpotenzial. Die Gefahr tödlicher Unfälle steigt“, erklärte er in den LN.

Ein Abschnitt der Autobahn 1 zwischen Lübeck und Reinfeld ist zur Teststrecke für Hybrid-Lkw ausgebaut worden. Klicken Sie sich durch die Galerie, um Bilder vom Baufortschritt zu sehen.

Rettungshubschrauber kann nicht landen

Nun legt Smak nach. „Wenn ich sehe, was die uns vor die Tür gesetzt haben – das ist die reinste Katastrophe“, warnt der Groß Wesenberger, der in Hamburg als Dienstgruppenleiter und Einsatzführer für Sicherheit sorgt. Ein Beispiel sei, dass der Rettungshubschrauber nicht mehr auf der A 1 landen könne. Das sei Wahnsinn. „Wenn die Rettungskräfte hunderte Meter laufen müssen, da geht es um Sekunden.“

Smak weiß, wovon er spricht. Er hat hunderte Unfälle in 30 Jahren Dienstzeit gesehen, war unzählige Male als erster Retter vor Ort. Etwa bei dem Horrorunfall auf der A 1 bei Ojendorf im Sommer 2016, als ein Lkw-Fahrer zu spät bremste und der Laster einen Pkw zerquetschte. Eine vierköpfige Familie aus Neuallermöhe kam dabei ums Leben. Smak war bis ins Mark erschüttert. „So etwas vergisst man nie.“

Sicherheit ist dem Hauptkommissar ein großes Anliegen. „Weil wir die ganzen Dramen im Alltag erleben, wo was falsch gelaufen ist. Hinterher stellen viele fest, hätte man Vorschriften beachtet, hätte man Leiden verhindern und Leben retten können“, so Smak.

Wurden Sicherheitsaspekte außen vor gelassen?

Als Beispiel für einen gelungenen Autobahnabschnitt führt der Polizeiexperte den Schnelsentunnel auf der A 7 an. „Da gibt es umfangreiche Sicherheitskonzepte mit Fluchtwegen, Fluchttüren und Ampeln, sodass der Verkehr gestoppt werden kann. Wenn es dort brennt, fährt keiner mehr rein.“ Aber beim E-Highway habe er den Eindruck, man lasse es einfach laufen. „Und das, obwohl es in Deutschland für alles strenge Vorschriften gibt, gerade was Fluchtwege betrifft. Auch wenn es nur eine Testphase ist, man kann doch nicht sagen, wir lassen Sicherheitsaspekte außen vor. Irgendwann haben wir die Großschadenslage, dann ist das Geschrei groß.“

Sicherheit stehe bei dem Projekt an erster Stelle, teilt dagegen Hendrik Schleier, Leiter der Projektgruppe E-Highway im Kieler Verkehrsministerium mit. „Die angesprochenen Themen wurden im Vorwege mit dem für das Rettungswesen zuständigen Kreis Stormarn, den Rettungsdiensten selbst, der Luftrettung, den Feuerwehren und der Polizei besprochen und einvernehmlich gelöst.“

Schwierigkeiten beim Löschen brennender E-Fahrzeuge

So würden zum Beispiel im Falle des Einsatzes von Bergungsgerät die Leitungen abgeschaltet, damit gefahrlos unter den Leitungen Hilfe geleistet werden könne. Auch eine Art Notschalter werde es geben, damit der Strom im Gefahrenfall jederzeit durch die Polizei oder Rettungsdienste abgeschaltet werden könne. Zudem werde der E-Highway permanent von einer Leitstelle überwacht.

Allein das Löschen von Elektrofahrzeugen sei eine immense Schwierigkeit, wendet Smak ein. „Wir haben Fälle gehabt, da mussten wir das E-Auto in einer Wassergrube versenken, weil es mit den herkömmlichen Mitteln nicht zu löschen war.“ Ganz zu schweigen von den exorbitant hohen Temperaturen, die bei Fahrzeugbränden herrschten. „Wenn das auf der rechten Spur passiert, kommen die Kupferkabel runter.“

Elektrofahrzeuge verfügten zudem über Kabelbäume mit Hochspannung, die extra kenntlich gemacht seien. „Für die Rettungskräfte wird es immer anspruchsvoller, und sie sollen ja schadlos aus so einem schweren Rettungsszenerario herauskommen “, sagt Smak.

Schleier sieht hingegen keine derartigen Probleme. Die Rettungsdienste würden vor Betriebsstart genau auf die eingesetzten Lkw eingewiesen und mit zusätzlichem Gerät wie speziellen Spannungsprüfern ausgerüstet.

Wer hilft, wenn die Funken sprühen?

Auch die Stromspannung der Masten bereiten dem Hauptkommissar Kopfzerbrechen. „Wie schnell lässt sich der Strom abschalten? Helfen Leute überhaupt noch, wenn sie sehen, da ist einer in Not, aber die Funken sprühen? Oder ist der Normalbürger mit seiner Hilfsbereitschaft in dem Moment überfordert?“

Wenn Lkw verunglücken, sind Kranwagen im Einsatz. Smak: „Wie sollen die auf der Teststrecke arbeiten? Die Feuerwehr hat hinten auf ihren Fahrzeugen den Lichtmast. Das Ding fährt zehn Meter hoch, um die Einsatzstelle auszuleuchten.“ Die Mast-Beleuchtung könne man dort nicht einsetzen, meint der Polizeiexperte. Dann funke es erneut. Selbst wenn die Feuerwehrleute aufs Dach ihres Einsatzwagens kletterten, kämen sie schon in den Gefahrenbereich hinein.

Ping-Pong-Effekt der Leitplanken

Die hohen Rettungsleitplanken dienen jetzt in erster Linie dazu, dass Verkehrsteilnehmer nicht mit den Masten kollidieren. „Aber die Leitplanken bergen auch wieder eine Gefahr. Stichwort Ping-Pong-Effekt. Auf manchen Bundesstraßen verzichtet man gerade auf Schutzplanken, weil beim Verkehrsunfall die Fahrzeuge von der einen zur anderen Seite geschleudert werden“, so der Hauptkommissar.

Sicherheit: Das sagt das Land

Wie Hendrik Schleier, Leiter der Projektgruppe E-Highway im Verkehrsministerium, mitteilt, sind die Masten und Stromleitungen nach den einschlägigen elektrotechnischen Vorschriften gebaut, sie sind geerdet und schalten sich bei Störungen automatisch ab. „Sie können darüber hinaus im Gefahrenfall jederzeit durch die Polizei oder Rettungsdienste abgeschaltet werden.“

Alle Träger öffentlicher Belange, wie Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, die sich mit Sicherheitsfragen an und auf der Autobahn befassten, seien im Rahmen des Genehmigungsverfahrens beteiligt und deren Anregungen berücksichtigt worden.

Schleier: „Den Vorhabenträgern, dem Land und allen weiteren Beteiligten ist seit Beginn des Projektes bewusst, dass Sicherheit bei so einem Projekt – auch zur Gewinnung der erforderlichen Akzeptanz bei der betroffenen Bevölkerung – an erster Stelle steht.“

Hans-Georg Smak kann dutzende Einzelaspekte anführen, die beim Elektro-Highway hätten bedacht werden müssen. „Man hat eine Planung angefertigt, aber die Gefahrenparameter haben nach meiner Einschätzung nicht so eine große Rolle gespielt.“

Lesen Sie hier: Anwohner klagen über Lärm durch Strommasten an der A 1

Britta Matzen

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