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Stormarn AfD-Aussteigerin packt aus
Lokales Stormarn AfD-Aussteigerin packt aus
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19:28 04.02.2019
AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber las aus ihrem Buch „Inside-AfD“ im Oldesloer KuB. Quelle: Foto: Dorothea von Dahlen
Bad Oldesloe

Einstige Parteikollegen schimpfen sie U-Boot und Verräterin, für andere ist sie eine toughe Whistleblowerin. Es gibt aber auch Stimmen, die AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber die Wandlung vom Saulus zum Paulus nicht ganz abkaufen. Im Oldesloer KuB konnten sich jetzt Politikinteressierte selbst einen Eindruck von der einstigen Landesvorsitzenden der Nachwuchsorganisation Junge Alternative (JA) verschaffen, die später als stellvertretende Pressesprecherin fungierte und sogar in den Bundesvorstand aufstieg. Die Dresdnerin las Passagen aus ihrem Buch „Inside AfD: Der Bericht einer Aussteigerin“ vor und stellte sich anschließend der Diskussion.

Neonazis und Nationalromantiker

„In der AfD wackelt der Schwanz mit dem Hund.“ Dieses Bild bemühte Schreiber, um die gegenwärtige Lage zu skizzieren. Dabei sei die AfD in ihren Anfängen als „Professorenpartei“ angetreten, um etwa unter Bernd Lucke eine eurokritische Position zu behaupten und der etablierten Politikszene etwas entgegenzusetzen. Davon sei letztlich nichts mehr übrig geblieben, sagte Schreiber. Ihrer Schilderung zufolge haben Rechtsradikale längst die Oberhand gewonnen. Inzwischen bestehe die AfD „zu 15 Prozent aus Neonazis, 20 Prozent Nationalromantischen mit Kaiserreichsaffinität und 15 Prozent Mitläufern. Dem steht ein gebeuteltes, zerstrittenes liberales Lager ohne charismatische Führung gegenüber.“ Im Osten sei aus dem Mythos „Wir sind das Volk“, den sich die Partei angeeignet habe, immer mehr „Wir sind gegen das System“ geworden.

Schwur auf Systemfeindschaft

„Selbst Gauland ist nicht mehr die gleiche Person wie beim Eintritt in die Partei“, sagte Schreiber. Sie führt dies auf den starken Druck zurück, den die von Björn Höcke und André Poggenburg initiierte interne Plattform „Der Flügel“ auf die Funktionäre an der Spitze ausübe. Sie schreckten selbst vor Handgreiflichkeiten nicht zurück. Gemäßigte Ansichten und Kompromissbereitschaft in der öffentlichen Debatte stünden auf dem Index, ja es habe sich gar eine ganz eigene Political Correctness herausgebildet, die das Zeigen des Hitlergrußes oder rassistische Bemerkungen zu Heldentaten stilisiere, sagte Schreiber. Als Beispiel nannte sie ein Video des sachsen-anhaltinischen Landtagsabgeordneten Till Schneider. Mit dem Singen des Horst-Wessel-Liedes habe er seine Systemfeindschaft gegenüber anderen „Kameraden“ unter Beweis stellen wollen.

AfD im Visier des Verfassungsschutzes

Inzwischen sei die AfD ein Sammelbecken radikaler Gruppen, die von den Kreisverbänden bis auf Bundesebene perfekt über Facebook vernetzt seien, um in möglichst vielen Foren ihr rechtes Gedankengut zu verbreiten. So gelinge es, binnen Minuten 20 000 Leute für einen Shit-Storm zu aktivieren. „Ich bin froh, dass die Partei jetzt vom Verfassungsschutz beobachtet wird“, sagte Schreiber. Schließlich sei die demokratisch gewählte Partei selbst längst nicht mehr demokratisch.

Die Frage aus dem Publikum, ob es stimme, dass Björn Höcke die gefährlichste Person in der AfD sei, bejahte die Aussteigerin. Er und seine Unterstützer verfolgten letztlich die Strategie, den Staat aus den Angeln zu heben. Es gehe ihnen um die „Umerziehung des deutschen Volkes, des linksverseuchten Gutmenschentums“. Zudem schwebe ihnen auch die Remigration von Passdeutschen vor, was bedeute, dass nur noch Menschen mit nachgewiesen deutscher Rassenzugehörigkeit in Deutschland bleiben sollten.

Kundenservice für Demokratie

Wie aber mit Vertretern einer solchen Partei umgehen, wollte ein anderer Zuhörer wissen. Schreiber riet zu disziplinierten Reaktionen. Sie warnte davor, AfDlern durch Ins-Wort-Fallen sowie emotionale, klischeehafte oder schlecht recherchierte Äußerungen Steilvorlagen zu bieten. Das nutzten diese geschickt zum Kontern aus, wie es schon oft in den Medien passiert sei. Sie selbst beteilige sich offensiv an von der Partei dominierten Debatten im Netz, um die Fakten richtigzustellen. „Ich schlüpfe dann in die Rolle eines Kundenservice, der die Demokratie erklärt“, sagte sie. Meist habe sie den AfD-Anhänger dabei gar nicht im Blick, sondern die Menschen, die seinen Tweet lesen und darauf reinfallen könnten.

Oldesloerin distanzierte sich ebenfalls von AfD

Ute Wocker aus Bad Oldesloe saß früher für die AfD im Stormarner Kreistag, trat aber wie Fransziska Schreiber aus. Quelle: Foto: Dorothea von Dahlen

Aufmerksam verfolgte an diesem Abend auch Ute Wocker den Ausführungen von Schreiber. Denn sie saß bis Dezember vergangenen Jahres noch selbst für die AfD im Stormarner Kreistag. Als ruchbar wurde, dass der Fraktionsvorsitzende Arnulf Fröhlich 1990 an einem Neonazi-Kongress in München teilgenommen hatte, auf dem Holocaust-Leugner wie David Irving aufgetreten waren, legte sie ihr Mandat nieder. „Mich hat Frau Schreibers Vortrag nur bestärkt. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht“, sagte sie im Gespräch mit den LN. „Ich habe mich immer unter Druck gefühlt. Von mir ist eine Härte verlangt worden. Das war ich nicht. Wenn ich zur Fraktionssitzung ging, hatte ich immer Bauchschmerzen“, erzählt Ute Wocker.

Den falschen Weg gewählt

Ihr sei beispielsweise ständig vorgeschrieben worden, gegen die Vorschläge anderer Parteien zu stimmen. So etwas widerstrebe ihr, schließlich wolle sie als Mitglied des so wichtigen Sozialausschusses etwas bewegen und nichts verhindern. Für die AfD sei sie während einer Veranstaltung auf Schloss Reinbek angeworben worden und nur wenige Monate später auf die Liste für die Kreistagswahlen gesetzt worden. Was für einer Partei sie sich angeschlossen habe, sei ihr zunächst nicht klar gewesen. „Ich wollte politisch aktiv sein und bin, wie Frau Schreiber es schildert, immer tiefer hineingezogen worden. Es hatte schon etwas von Herdentrieb. Ich habe den falschen Weg gewählt“, sagt Ute Wocker. Sie ist inzwischen umgeschwenkt und macht sich für die Freien Wähler im Kreistag stark.

Franziska Schreiber, Inside AfD: Der Bericht einer Aussteigerin, Europa Verlag, August 2018, ISBN-10: 9783958902039

Praktikum bei Gregor Gysi

Franziska Schreiberstammt nach eigenem Bekunden aus einer linksliberalen Familie. Nach abgebrochenem Jurastudium wechselte sie das Fach und schrieb sich für Politikwissenschaften an einer Fern-Uni ein. Bei ihrer ersten Wahl 2009 habe sie CDU/FDP gewählt, sei dann aber von dem „etwas überholten Bild der Demokratie“ enttäuscht gewesen und der AfD beigetreten.

Kritiker werfen der Aussteigerin vor, mit ihrem Buch „Inside AfD“ Kapital aus ihrer Vergangenheit zu schlagen. Auf die Frage aus dem Oldesloer Publikum, was sie beruflich anstrebe, ob sie eine neue politische Karriere plane, antwortete Franziska Schreiber mit einem entschiedenen Nein. „Ich bin froh, kein Parteihampelmann mehr spielen zu müssen. Das einzige, was ich mir noch vorstellen könnte, wäre ein Praktikum bei Gregor Gysi“, sagte die verhinderte Juristin.

Dorothea von Dahlen

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