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Stormarn Tobias-Haus: Altern bedeutet nicht Stillstand
Lokales Stormarn Tobias-Haus: Altern bedeutet nicht Stillstand
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17:43 26.04.2019
Die Seniorenrikscha ist ein begehrtes Fortbewegungsmittel im anthroposophisch orientierten Alten- und Pflegeheim in Ahrensburg. Ehrenamtler Wolfgang Voss holt Irmgard Vogt (96) zum Zahnarzt ab. Quelle: Dorothea von Dahlen
Ahrensburg

„Ich muss zum Zahnarzt“, sagt Irmgard Vogt geschäftig. Vorsichtig lässt sich die 96-Jährige auf dem Vordersitz der Rikscha nieder. Wolfgang Thoss legt ihr eine knallrote Schutzdecke über die Beine. Sie soll schließlich nicht frieren, sondern die Ausfahrt an diesem Frühlingsmorgen genießen. Rasch rückt der ehrenamtliche Helfer seinen Helm zurecht und tritt kräftig in die Pedale des Fahrradtaxis. Ganz CO2 -frei geht es dann in Richtung Innenstadt.

Für innovative Ideen wie diese ist das Alten- und Pflegeheim vor den Toren Ahrensburgs inzwischen bekannt und sogar mit Preisen bedacht worden. Dagegen mutet das über dem Eingangsportal prangende Mosaik eher traditionell an. Doch wer sich genauer damit befasst, stellt schnell fest, wie eng das eine mit dem anderen verquickt ist. Das stilisierte Bild zeigt den Namensgeber der Einrichtung, Schutzpatron Tobias.

Der biblischen Geschichte nach kümmerte er sich aufopfernd um seinen alternden Vater, ließ keine Mühen aus, seine Gebrechen zu lindern, ihm einen möglichst angenehmen Lebensabend zu bescheren. Es gelang ihm gar, dem erblindenden Mann das Augenlicht wieder zu schenken. Und diese Prinzipien sind der Einrichtung, die 1977 von einem Pfarrer und einem Arzt ins Leben gerufen wurde, offenbar ins Stammbuch geschrieben. Die anthroposophischen Leitlinien der Gründer sind auch heute noch im Tobias-Haus richtungsweisend.

Aktives Freizeitleben mit Töpfern oder Kutschfahrten

Christine Berg, Leiterin des Ahrensburger Tobias-Hauses spielt auf den Klangstäben im Garten. Quelle: Foto: Dorothea von Dahlen

„Wir versuchen den Bewohnern den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu machen. Es gibt ein aktives Freizeitleben mit Töpferei, Kutschfahrten. Wer mag, kann sich im Garten der Sinne nützlich machen, Biografiearbeit betreiben oder an der Maltherapie teilnehmen“, zählt Leiterin Christine Berg gleich eine ganze Palette von Aktivitäten auf.

Nach dem Grundgedanken der Anthroposophie sei jeder Mensch bis an das Ende seines Lebens entwicklungsfähig. Alt werden sei keineswegs mit Stillstand gleichzusetzen. Deshalb werde es den Bewohnern des Tobias-Hauses ermöglicht, neue Fähigkeiten zu erwerben. „Das Gehirn baut mit jeder Beschäftigung neue neuronale Verbindungen auf. Selbst Menschen, die komplett in sich gekehrt scheinen, sind dazu in der Lage“, sagt Christine Berg. Als Beispiel erzählt sie die Geschichte einer Dame, die seit mehreren Jahren keinen Laut mehr von sich gegeben hatte. Eines Tages während einer Singstunde, platzte der Knoten plötzlich. Mit einem Mal schmetterte sie die dritte Strophe eines Volkslieds mit.

Hier wird dementisch gesprochen

„Wir sprechen hier auch dementisch“, sagt die Heimleiterin lachend und betritt die Abteilung, in der schwerstpflegebedürftige Menschen mit schwindenden kognitiven Fähigkeiten wohnen. Bunte Poster mit Blumen, Stadtansichten, Schlagersternchen und andere Motiven mit hohem Wiedererkennungswert für die Bewohner zieren ihre jeweiligen Zimmertüren. Sie verirren sich nur selten. „Hier leben alle in ihrer eigenen Welt und wir besuchen sie darin“, erklärt Christine Berg, mit welcher Einstellung sich das Pflegepersonal den Bewohnern nähert.

Statt korrigierend auf ihr mitunter eigenartiges Verhalten einzuwirken, stehe Akzeptanz und positive Verstärkung an oberster Stelle. „Wenn jemand die Wurstscheibe nimmt, um sich die Brille zu putzen, schauen wir gemeinsam mit ihm durch und sagen: ’Wie interessant sieht die Welt heute aus’“, sagt Berg.

Charakteristisch für einige demente Menschen sei zudem ihr gestörter Tag-Nacht-Rhythmus. „Sie haben meist einen extrem hohen Bewegungsdrang. Bei uns können sie das ausleben und egal zu welcher Tageszeit über die Flure wandern. Wir fixieren niemanden“, legt die Heimleiterin eines der hauseigenen Grundprinzipien dar. Und selbst der Aufenthalt im Freien bleibt den Bewohnern der Abteilung nicht verwehrt. Sie können auf einer gut abgesicherten Dachterrasse Frischluft genießen.

Keine Kaserne, sondern Ort des Wohlbefindens

Nach den Plänen von Architekt Jürgen Karsten wurde das Tobias-Haus in Ahrensburg gebaut. Heute wohnt er selbst dort. Quelle: Foto: Dorothea von Dahlen

„Das ist hier keine Kaserne, in der die Leute ruhig gestellt werden“, sagt Jürgen Karsten. Er hegt eine ganz besondere Beziehung zum Tobias-Haus, wurde es doch nach seinen Plänen errichtet. „Das bekämen Sie heute nicht mehr genehmigt“, fügt er hinzu. Im Mittelpunkt seines damaligen Konzeptes habe eindeutig der Mensch und sein Wohlbefinden gestanden, mit dem Ergebnis, dass die Flure groß, die Räume lichtdurchflutet und zum Garten hin offen ausgerichtet seien.

Ein Saal für Konzerte, Kino, Vorträge und Gottesdienste der Christengemeinschaft habe nicht fehlen dürfen – heutzutage ein Unding. Der beste Beweis dafür, dass Architekt Karsten mit voller Überzeugung zu Werke ging, ist die Tatsache, dass er vor sieben Jahren nach dem Tod seiner Frau selbst einzog. Jetzt freut er sich stets auf die Gartentherapie mit Jana Morche. Von ihr hat er schon viel Neues gelernt. Wie man Kräutersalz herstellt oder Pflanzen zu harmonischen Ikebana-Gestecken zusammenfügt.

Dorothea von Dahlen

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