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20:10 29.03.2018
Die entscheidenden Weichen gegen Kinderarmut müssen im Bund gelegt werden. Aber dennoch will die Arbeitsgruppe Kinderarmut versuchen, die Situation der Familien und Kinder in Reinfeld zu verbessern.
Die entscheidenden Weichen gegen Kinderarmut müssen im Bund gelegt werden. Aber dennoch will die Arbeitsgruppe Kinderarmut versuchen, die Situation der Familien und Kinder in Reinfeld zu verbessern. Quelle: Fotos: Matzen
Reinfeld

Der Kinderschutzbund zeigt immer drastisch, wie viele Mädchen und Jungen im reichen Stormarn von Armut betroffen sind. Er stellt regelmäßig zum Weltkindertag für jedes arme Kind vor dem Ahrensburger Schloss eine blaue Fahne auf. „Unser Ziel muss sein, dass da keine Fahne mehr steht. Dass möglichst kein Kind mehr belastet ist durch Armut der Eltern“, sagte Heinz Hartmann, SPD-Kreistagsabgeordneter, diese Woche beim Treffen der Reinfelder Arbeitsgruppe Kinderarmut in der Mensa der Immanuel-Kant-Schule (IKS).

Jedes fünfte Kind in Reinfeld lebt in Armut. Das heißt: beengtes Wohnen, wenig Geld für Essen, Bildung, Hobbys und kaum Chancen, sich daraus zu befreien. Eine Arbeitsgruppe will nicht mehr zusehen, sondern für Verbesserungen sorgen. Diese Woche kamen mehrere Engagierte zusammen.

AG Kinderarmut

Die Arbeitsgruppe Kinderarmut Reinfeld will Ideen und Lösungen entwickeln, um die Situation der armen Familien und damit der Kinder konkret zu verbessern.

Wer mitmachen möchte oder weitere Informationen benötigt, kann sich an folgenden Ansprechpartner wenden: Rolf Hanf, rolf-j.hanf@gmx.de

Die Mitglieder der AG sowie viele Interessierte waren gekommen, um die „Intelligenz des Schwarms“ zu nutzen, wie Ulrike Reichle vom Awo-Familienzentrum es ausdrückte, und gemeinsam Ideen und Lösungsvorschläge gegen Kinderarmut in Reinfeld zu erarbeiten. Doch zunächst beleuchtete Ingo Loeding, Landesvorstand des Kinderschutzbundes un Kreisgeschäftsführer, die Dimensionen und schwierigen Situationen von Familien. „Kinderarmut beschäftigt uns schon seit Jahren. Aber jetzt ist das Thema ganz oben auf der Agenda angekommen. Die Kanzlerin hat in der letzten Woche das erste Mal Position bezogen. Sie hat gesagt, Kinderarmut sei eine Schande. Da kann ich ihr nur zustimmen.“ Mehr als zwei Millionen Kinder seien in Deutschland von Hartz IV betroffen. „So hoch war die Zahl noch nie. Sie ist kontinuierlich angestiegen.“ Doch von Armut betroffen seien viel mehr Kinder. Das seien auch alle, deren Familien Wohngeld, Ansprüche nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und Kinderzuschlag erhielten. „Summa summarum müssen wir 75 bis 80 Prozent draufschlagen.“

Reinfeld stehe im Armutsatlas für Stormarn an fünfter Stelle. Loeding: „2014 gab es 159 Kinder in Bedarfsgemeinschaften, 2017 sind es 180 Kinder. Auch hier ist ein deutlicher Anstieg. Mit dem Zuschlag müssen wir etwa 135 Kinder dazuzählen. Das heißt: 315 Kinder leben allein in Reinfeld in einer dauerhaften Armutssituation.“ Zudem müsse man auch über diejenigen Familien reden, die kurz über den Bemessungsgrenzen lägen. „Die kriegen keine Leistungen vom Staat, haben aber trotzdem enorme Schwierigkeiten, alle Ansprüche zu erfüllen“, teilte der Kinderschutzbundbeauftragte mit.

Was heißt Armutssituation? Zur Veranschaulichung hatte Loeding die aktuellen Regelsätze nach Hartz IV mitgebracht. „Kinder von drei bis sechs Jahren: Für die stehen pro Jahr knapp 90 Euro für Schuhe zur Verfügung. Mit 2,77 Euro soll man sie ernähren. Das heißt 77 Cent fürs Frühstück, jeweils ein Euro fürs Mittag- und Abendessen. Das alles kann nicht funktionieren“, machte der Experte deutlich.

Sechs- bis 14-Jährige hätten 3,94 Euro am Tag zur Verfügung. „Mit solchen Finanzmitteln kann man Kinder nicht dauerhaft gesund ernähren.“

Enormer Druck laste auch durch die Zuzahlungen an Schulen auf den Familien. Loeding: „Bei dem Bildungs- und Teilhabepaket bekommen die Kinder 100 Euro pro Schuljahr. Davon müssen sie alles bezahlen, was für die Schule benötigt wird.“ Vor zwei Jahren habe die Landesregierung eine Schulkostenuntersuchung vorgenommen. „Die sind auf Kosten pro Schuljahr von mehr als 1000 Euro gekommen. Da waren zwar Nachhilfe und Fahrkosten mit drin. Aber rechnet man das raus, kommt man mit Büchern, Kopien und allem, was zu leisten ist, auf 400 Euro. Wie soll das gehen, wenn man nur 100 Euro hat. Muss man das vom Essensgeld nehmen?“

Schule und Bildung solle eigentlich kostenfrei sein. „Aber das ist es schon lange nicht mehr. Es ist nicht nur nicht kostenfrei, es wird zu einem Teil einer strukturellen Gewalt gegen Familien, die nicht wissen,wie sie klarkommen sollen.“

Die Anwesenden waren betroffen von diesen bitteren Fakten. „Ich finde es ganz erschreckend, dass wir so viele Kinder haben, die von Armut betroffen sind. Das kann keine Chancengleichheit sein. Die Chancen gehen nur über den Geldbeutel, das darf es einfach nicht sein“, sagte Heike Sobik (SPD) und stand mit dieser Auffassung nicht allein da.

Im Anschluss wurde an Thementischen diskutiert. „Vielleicht kommen wir auf Ideen, was wir hier in Reinfeld tun können“, sagte Ulrike Reichle vom Awo-Familienzentrum. Was kann ich beitragen? Wer könnte mehr tun? Das waren die Fragestellungen, und die Teilnehmer sprudelten nur so vor Ideen. Tauschregal in den Kitas, Patenschaften vor Ort, Spenden zur Einschulung, unbürokratische Lösungen – das sind nur einige der Punkte, die der Arbeitskreis jetzt in Reinfeld anpacken will.

Britta Matzen