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Stormarn „Aus-der-Klemme-Kisten“ sollen helfen
Lokales Stormarn „Aus-der-Klemme-Kisten“ sollen helfen
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22:06 29.07.2019
Lernutensilien zum Ausleihen: Mit einer „Aus-der-Klemme-Kiste" wollen Gerd Herrmann, Sabine Siebler und Rolf-Jürgen Hanf (v. li.) Schülern unter die Arme greifen, die Schulmaterial entweder vergessen haben oder es aus Geldmangel nicht rechtzeitig beschafft werden konnte. Quelle: Foto: Petra Dreu
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Reinfeld

Kinderarmut hat viele Gesichter: Allein in Reinfeld leben 338 von 1529 Kindern in sogenannten Bedarfsgemeinschaften von Hartz IV oder beziehen sonstige Sozialleistungen. Das Geld in den Familien ist knapp. So knapp, dass neue Stifte oder Hefte für die Schule ein Problem sind. Diesen Kindern und solchen, die aus Schusseligkeit etwas vergessen haben, möchte die Reinfelder „Arbeitsgruppe zur Bekämpfung der Kinderarmut“ mit „Aus-der-Klemme-Kisten“ unter die Arme greifen. Gefüllt sind sie mit Schulmaterialien wie Buntstifte, Hefte, Anspitzer und vielem mehr, was die Schüler kurzfristig ausleihen und später zurückgeben können.

Kinderarmut ist ein Thema, zu dem schon ganz viele Leute ganz viel gesagt haben, in der Regel ohne umsetzbare Vorschläge“, sagt Sabine Siebler, die zusammen mit Gerd Herrmann, Rolf-Jürgen Hanf, Ulrike Reichle und Heike Sobik zum „harten Kern“ der parteiübergreifenden Arbeitsgruppe gehört. „Kinderarmut ist versteckt. Man sieht sie nicht. Ihrer habhaft zu werden, ist schwer. Überall stößt man an die Grenzen des Datenschutzes“, bedauert Gerd Hermann. Die AG habe lange überlegt und kam zu dem Schluss, dass in den Schulen viele Fäden zusammenlaufen würden. „Die Schulsekretärinnen helfen bei den Anträgen nach dem Bildungs-und Teilhabegesetz. Sie haben den Überblick“, ergänzt Rolf-Jürgen Hanf.

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Bildung und Teilhabe: Höhere Zuschüsse ab dem 1. August

Er und seine Mitstreiter der AG sind froh, dass durch das am 1. August in Kraft tretende „Starke-Familien-Gesetz“ die Regelsätze für Bildung und Teilhabe von 100 auf 150 Euro pro Jahr für das Schul-Basis-Paket und von 12 auf 15 Euro für außerschulische Bildung pro Monat angehoben werden. Das sei zwar ein guter Schritt, aber die Antragstellung sei für die meisten Familien immer noch zu kompliziert. „Deshalb werden viel zu viele Gelder gar nicht erst abgefordert“, bedauert Hanf.

Infos und Abgabestellen

Materialspenden wie Bleistifte, Radiergummis, Lineals, Geodreiecke, Scheren, Zeichenblöcke, Pinsel, Buntstifte, Hefte, etc. können an der Sammelstelle im Sozialkaufhaus, Friedrich-Ebert-Straße 14, abgegeben werden. Zusätzliche Information gibt es ab jeweils 10 Uhr am Freitag, 2. und 9. August, an den Infoständen auf dem Reinfelder Wochenmarkt und am Sonnabend, 3. und 10. August, an den Infoständen vor der Buchhandlung Michaels. Auch an den Ständen werden Materialspenden entgegen genommen. Wer mehr über die Arbeitsgruppe zur Bekämpfung der Kinderarmut erfahren möchte, erhält nähere Infos unter Rolf-J.Hanf@gmx.de.

Die unabhängige Reinfelder Initiative hat sich seit 2016 mit dem Thema Kinderarmut und der Frage, was konkret im lokalen Umfeld an Ansätzen für Abhilfe möglich sei, beschäftigt. Siebler: „Es gilt zu vermeiden, dass man nur theoretisiert. Man muss die Adressaten ausfindig machen, ohne Privatsphäre und Datenschutz zu verletzen.“ Vor allem aber dürfe kein Kind bloßgestellt werden.

Schulmaterial kann ausgeliehen werden

Nach den Gesprächen mit den Reinfelder Schulen kam die AG zu dem Schluss, eine „Aus-der-Klemme-Kiste“ zunächst für die ersten Klassen der Grundschule, die 5. Klassen der Immanuel-Kant-Schule und zwei für die Erich-Kästner-Schule auf den Weg bringen wollen. Die Holzkisten, deren Prototyp Jürgen Rabeneck, Vorsitzender des Handelsvereins Reinfeld (HVR), gebaut hat, enthalten Schulmaterial vom Bleistift bis zum Zirkel, vom Schreibheft bis zum Geodreieck.

„So etwas wird aus Schusseligkeit ganz gerne vergessen. Bei manchen Schülern aber fehlt auch das Geld, diese Dinge kaufen zu können. Bei Bedarf können alle Schüler für die jeweilige Unterrichtsstunde etwas aus der Kiste ausleihen, was niemandem peinlich sein muss. Ein Outing findet dadurch nicht statt“, so Rolf-Jürgen Hanf.

Unterstützer gesucht

Beim Handelsverein Reinfeld, der Arbeiterwohlfahrt und beim Bürgerverein fand die Idee sofort großen Anklang. Nur bei den möglichen Sponsoren, die die „Aus-der-Klemme-Kisten“ mit Schulmaterialien füllen sollten, hatten die Initiatoren bislang weniger Glück. Angesprochen waren die großen Hersteller für Schulbedarf. Lediglich die Ahrensburger Firma „Edding“ sagte sofort zu, die von ihr hergestellten Schreibgeräte zur Verfügung stellen zu wollen.

Jetzt hoffen die Initiatoren auf Spenden von Firmen der Umgebung. Auch Privatpersonen, die zu Hause noch auf einem Vorrat an Heften und Bleistiften sitzen, können das Projekt in Form von Sachspenden unterstützen und im Sozialkaufhaus oder an einem Infostand auf den nächsten beiden Wochenmärkten und vor der Buchhandlung Michaels abgeben. Mit 13 bis 15 „Aus-der-Klemme-Kisten“ wollen die Initiatoren anfangen. Ziel ist es, in den folgenden Jahren auch weitere Schulklassen mit den Kisten auszustatten.

Petra Dreu und Britta Matzen