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Stormarn Bargteheider Ärztin hilft Menschen in Seenot
Lokales Stormarn Bargteheider Ärztin hilft Menschen in Seenot
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14:17 22.01.2019
Die vollen Boote sind nicht seetauglich und geraten schnell in Seenot.
Die vollen Boote sind nicht seetauglich und geraten schnell in Seenot. Quelle: Fotos: Privat
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Bargteheide

„Am 29. Dezember haben wir 25 Seemeilen vor der libyschen Küste ein kleines, überladenes Holzboot mit 17 Personen gefunden“, erzählt die Bargteheider Ärztin Dr. Nicole Grimske. „16 Männer und eine Frau saßen darin.“ Zu der Zeit gehörte sie zu der 20-köpfigen Crew der „Professor Albrecht Penck“, die für die Organisation „Sea Eye“ für zivile Seenotrettung im Mittelmeer unterwegs war. Es war bereits der zweite ehrenamtliche Einsatz der Ärztin, die ihre Freizeit dazu nutzt, Menschen in Not zu helfen.

„Leider hat sich die Situation in Mittelmeer an diesem Wochenende weiter zugespitzt“, erklärt Dr. Grimske. Ein Boot mit 120 Menschen an Bord, darunter ein zwei Monate alter Säugling, sei vor der libyschen Küste gesunken. Dabei kamen 117 Menschen ums Leben. Seit Sonntagmorgen stehe die Organisation „Alarmphone“ im Kontakt mit einem Boot mit etwa 100 Menschen vor der libyschen Küste. „Es wird berichtet, dass ein Kind an Bord bewusstlos oder tot ist und die Menschen zunehmend in Panik geraten, da Wasser ins Boot eindringt. Bislang hat sich noch niemand für verantwortlich erklärt, diesen Fall zu übernehmen.“

Dr. Nicole Grimske ist gerade von einem Einsatz zurück. Quelle: B.Albrod

Für die Ärztin sind solche Nachrichten unerträglich. Als die Medizinerin von der zivilen Seenotrettung las, die dort aktiv wird, wo die Staaten sich zurückgezogen haben, war ihr klar, dass sie da mitmachen wollte. „Schon während des Studiums habe ich mich für Menschen interessiert, denen es schlecht geht, ich war damals einmal in einem Flüchtlingslager in Äthiopien“, erklärt die Ärztin für Innere Medizin und Arbeitsmedizin, die eine Praxis in Bargteheide hat. Nicole Grimskes erster Einsatz für die Organisation Sea-Eye war im April 2018, damals noch auf einem kleineren Schiff. Im Dezember stach sie mit einem größeren Schiff in See, das die gemeinnützige Organisation gerade erst gekauft hatte. „Das Schiff ist 70 Jahre alt und kommt aus Rostock, und ich konnte das Hospital an Bord einrichten.“ Mit dem hochseetüchtigen Schiff rettet die Crew Flüchtlinge aus Seenot.

Menschen aus Seenot retten

„In Libyen leben die Menschen unter schlechten Bedingungen in Lagern, die wie Gefängnisse sind“, kritisiert Nicole Grimske. „Gerettete haben erzählt, dass einigen bei Fluchtversuchen in die Füße geschossen wurde, danach hätten sie sie nicht mehr gesehen.“ Vielen bleibe nur die Flucht über das Meer. Da sich die offiziellen Seenotretter aber zurückgezogen hätten, müsse man mit zivilen Rettern helfen. Ziel sei es, die geflüchteten Menschen an größere Schiffe abzugeben, die sie in Sicherheit brächten, aber davon seien kaum noch welche unterwegs. So lag das Schiff von Sea Eye zuletzt zwölf Tage vor Malta, weil niemand die Menschen aufnehmen wollte.

Die Organisation Sea Eye ist als privater Seenotretter unterwegs. Quelle: Privat

„Die Leute waren geschwächt und unterkühlt, hatten aber keine schweren Verletzungen“, bilanziert die Bargteheiderin. An Bord gibt es alles für den Notfall. „Auf der Anreise war viel Zeit, da haben wir mit dem medizinischen Personal die Reanimation geübt.“ Diesmal waren trockene Kleidung, Tee und Zwieback die Erste-Hilfe-Maßnahmen, aber Nicole Grimske kennt auch andere Fälle. Wenn Benzin sich im Schlauchboot mit Salzwasser mischt, hätten die Menschen Verätzungen an den Beinen. Dazu kämen seelische Wunden wie im Fall einer jungen Frau, die traumatisiert war und über das Erlebte nicht reden konnte. Kommunikatoren sind an Bord, die übersetzen und den Kontakt herstellen.

„An Bord haben wir viel Zeit, da helfen wir bei der Versorgung der Aufgenommenen, kochen, machen sauber und halten Wache.“ Die Arbeit sei anstrengend, mit 17 Geretteten habe man aber noch gut umgehen können. „Im Sommer sind manchmal 150 Leute in einem Boot“, so Nicole Grimske.

Die Ärztin möchte weitermachen

Das Erzählte ist für die Crew nicht leicht zu verarbeiten. „Ich habe über Folter und die Bedingungen in den Lagern gelesen, aber wenn man dann hört, was die Menschen erzählen, ist das sehr traurig.“ Von der Haltung der EU sei sie schockiert. „Ich halte es für unmenschlich und grausam, den Konflikt innerhalb der EU auf dem Rücken von hilfsbedürftigen Menschen auszutragen“, erklärt Nicole Grimske. Statt Unterstützung zu leisten, würden die Helfer auch noch behindert. „Wir können die Menschen doch nicht ertrinken lassen oder in die libyschen Lager zurückbringen.“ Sobald sie Zeit habe, wolle sie wieder mitfahren. „Ohne Helfer würden viele Menschen nicht mehr leben.“ Das Schiff habe nach langer Suche jetzt einen Hafen in Palma de Mallorca gefunden. Die nächste Mission soll am 9. Februar starten.

Sea Eye

Im Herbst 2015 gründete Michael Buschheuer mit seiner Familie und Freunden die gemeinnützige Organisation „Sea-Eye e.V.“ mit dem Hauptziel, schiffbrüchige Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Flucht nach Europa zu retten. Dazu hat er zwei Schiffe erworben. Die hochseetauglichen Schiffe wurden für den Zweck der Seenotrettung umgerüstet.

Sea-Eye betreibt sein Lebensrettungsprojekt ausschließlich mit freiwilligen Helfern, die ohne Bezahlung mithelfen. Sie opfern Freizeit und Urlaub und fliegen auf eigene Kosten zu den Einsätzen nach Malta. Sea-Eye finanziert sich vorwiegend mit Hilfe von Spenden. Der Verein ist gemeinnützig und rechenschaftspflichtig.

Wer spenden möchte, kann das an: Volksbank Regensburg, IBAN: DE60 7509 0000 0000 0798 98 BIC: GENODEF1R01

Bettina Albrod

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