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Stormarn Bauern wollen Milchquote nicht zurück
Lokales Stormarn Bauern wollen Milchquote nicht zurück
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20:10 08.04.2015
Jürgen Teege hat 100 Milchkühe. Da sein Betrieb im Naturschutzgebiet liegt, dürfen sie erst ab dem 15. Mai auf die Weide. Quelle: Fotos: von Dahlen/Archiv
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Für einige war sie die Lizenz zum Gelddrucken, für andere ein lästiger Knebel. 31 Jahre lang regelte die Milchquote die Menge, die Bauern an Molkereien liefern durften, ohne eine Superabgabe zu zahlen. Landwirt Jürgen Teege aus Travenbrück trauert ihr nicht nach. Er erinnert sich noch an die Anfänge und daran, dass damals eine Torschlusspanik unter den Bauern ausbrach. „Schon 1982 war bekannt, dass die Quote eingeführt wird. Alle haben nochmal kräftig produziert, um möglichst viel Milch absetzen zu können“, erzählt er. „Die Mengenbegrenzung war also nie ein realistisches Instrument, um den Markt zu regeln.“

Den kompletten Wegfall der Quote kann Teege, der Mitglied im Bundesverband deutscher Milchviehhalter ist, aber auch nicht begrüßen. Er schätzt, dass dies ein Startzeichen für viele seiner Kollegen ist, die Produktion auszuweiten. Das aber führe auf lange Sicht zu starken Preisschwankungen, was nicht dazu angetan sei, die ohnehin schmalen Erträge der Milchbauern zu stabilisieren. Krisen, wie es sie ganz extrem 2009 gegeben habe, seien nun programmiert. Damals demonstrierten die Milchbauern in Brüssel für bessere Preise.

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Teege ist dagegen für ein Frühwarnsystem, das imstande ist, einem Preisverfall durch hohe Milchmengen zuvor zu kommen. Ihm zufolge gibt es eine solche Monitoring-Stelle, die den Markt und damit auch die Preisentwicklung von Milch permanent beobachtet, sogar schon seit bald einem Jahr. Sie wurde im April 2014 eingerichtet. „Leider hatte das politisch keine Konsequenzen. Es wäre eine Chance gewesen, schneller reagieren zu können und die Milchanlieferungen in Krisenzeiten zeitlich befristet zu deckeln“, sagt Teege. Denn das komme den Landwirten zugute. Sie seien dann in der Lage, ihre Produktion schneller zu drosseln und müssten ihre Milch letztlich nicht unter Wert anbieten.

Die Kritik des Travenbrückers geht aber noch in eine andere Richtung. Er moniert, dass sich Milchbauern gegenüber den Molkereien in einer untergeordneten Position befinden. „Es gilt eine Andienpflicht. Wir haben eine zweijährige Kündigungsfrist, wenn wir nicht mehr an eine bestimmte Molkerei liefern wollen“, sagt Teege. Zudem erfahre ein Landwirt erst zum Ende des Monats, wie viel Geld ihm die gelieferte Milch überhaupt eingebracht hat. Die Molkerei vereinbare Preise mit dem Einzelhandel, was übrig bleibe, sei für den Landwirt bestimmt. „Wir sind gewissermaßen Restgeldempfänger“, ärgert sich der Bauer. Diese Schieflage habe auch schon das Bundeskartellamt gerügt und darauf hingewiesen, dass die Milcherzeuger gegenüber dem Handel eine zu schwache Marktstellung einnehmen.

Einige Landwirte hofften nach dem Fall der Quote, etwaige Überschüsse aufzufangen, indem sie neue Märkte, wie etwa China, erschließen. Doch dieses Ziel sei nicht in jedem Fall realistisch. „Wer auf den Weltmarkt exportieren will, muss so günstig wie niemand sonst produzieren können. Bei Kleidung ist das Pakistan, bei Milch Neuseeland“, sagt Teege. Er bezweifelt, dass hiesige Bauern damit konkurrieren könnten. Die Produktionskosten in Stormarn seien zwar auf Bundesebene betrachtet, vergleichsweise niedrig, doch bedürfe es weiterer Anpassungen, um international mitreden zu können.

Einige Bauern investierten deshalb jetzt in neue Ställe, um mehr Kühe halten zu können und den Herstellungspreis zu drosseln.

„Aber sie geraten in ein fürchterliches Karussell. Die Pachtpreise erhöhen sich, die Kredite drücken. Schon jetzt ziehen die Viehpreise immer stärker an“, gibt Teege zu bedenken. Auf der anderen Seite entwickelten sich immer mehr Leute zu Veganern und ältere Menschen, die im Zuge des demografischen Wandels künftig die größte Bevölkerungsgruppe darstellten, verzehrten in der Regel nicht mehr so viel. „Da sollten wir uns fragen, ob wir wirklich so hohe Milchmengen wollen“, regt der Landwirt an.

Bis zu 400 Tiere im Stall

9000 Milchkühe stehen derzeit in Stormarner Stallungen. Die Anzahl der Tiere schwankt — in den kleinsten Betrieben sind es 20 bis 25 in den größeren Milchviehanlagen bis zu 400 Tiere.

140 Milchviehhalter in Stormarn sind von der seit 1. April geltenden Regelung, die Milchquote abzuschaffen, betroffen.
8 Molkereien in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern unterhalten Verträge mit Stormarner Milcherzeugern.
39 Cent betrug der Milchpreis in Stormarn im vergangenen Jahr. Er lag damit vergleichsweise hoch.
Kreisbauernverband begrüßt größere Flexibilität
Auch die im Kreisbauernverband Stormarn organisierten Landwirte begrüßen offenbar die Abschaffung der alten Milchquote. „Sie hat ihr Ziel nie erreicht, die Einkommen der Bauern zu stabilisieren“, lautet daher das Fazit von Geschäftsführer Peter Koll.
Ihm zufolge war eher das Gegenteil der Fall. Die Quote habe zusätzliche Kosten verursacht, bedingt durch den bürokratischen Aufwand und den Handel mit ihr. Das falle nun zum Glück einfach weg.
Aus Sicht des Kreisbauernverbands dürften sich negative Entwicklungen, wie etwa die Überproduktion von Milch, allerdings nicht großartig bemerkbar machen. „Die Furcht vor zunehmender Produktion und sinkenden Preisen hält sich in Grenzen“, sagt Koll. Schließlich gebe es wesentliche andere Faktoren, die die Milchproduktion steuerten. Die Tatsache, dass die landwirtschaftlichen Flächen im Kreis Stormarn begrenzt sind, schränke die Milcherzeugung ein. Einen ähnlichen Effekt bewirke die Düngeverordnung. Letztere sorge dafür, dass Betriebe mit Tierhaltung nur bis zu einem gewissen Grad expandieren könnten.
„Die Preise werden sicherlich tendenziell schwanken. Aber das liegt in der Natur der Sache. Die Landwirte können jetzt aber flexibler auf die wechselnden Marktverhältnisse reagieren, weil sie nicht mehr so eingeschränkt sind“, sagt Koll. Nicht zuletzt werde sehr viel Kapital gebunden für jede Kuh, die aufgestallt werden müsse. Hinzu kämen natürlich auch noch die Investitionen für die Melktechnologie. All dies bremse das Wachstum der Milchbetriebe an einem bestimmten Punkt.
Nach Kolls Ansicht müssen Preisschwankungen allerdings nicht immer von Nachteil sein. „Auf dem Rohstoffmarkt sind sie generell üblich“, erklärt er. dvd

Dorothea von Dahlen

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