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Stormarn Biontech-Rationierung: Der Frust in den Stormarner Arztpraxen
Lokales Stormarn

Biontech-Rationierung: Der Frust in den Stormarner Arztpraxen

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20:30 23.11.2021
1440 Patienten der Gemeinschaftspraxis Hagenstraße haben bis Ende Januar Termine für eine Auffrischungsimpfung abgemacht. Die meisten gehen von dem Biontech-Impfstoff aus, der jedoch nur eingeschränkt zur Verfügung steht. Mediziner Hubertus Tesdorpf befürchtet für die Praxen erheblich mehr Beratungsaufwand.
1440 Patienten der Gemeinschaftspraxis Hagenstraße haben bis Ende Januar Termine für eine Auffrischungsimpfung abgemacht. Die meisten gehen von dem Biontech-Impfstoff aus, der jedoch nur eingeschränkt zur Verfügung steht. Mediziner Hubertus Tesdorpf befürchtet für die Praxen erheblich mehr Beratungsaufwand. Quelle: Petra Dreu
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Bad Oldesloe

Kaum hatte die Ständige Impfkommission (Stiko) Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus für alle ab 18 Jahren empfohlen, verkündete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), dass des Deutschen liebster Impfstoff von Biontech nur eingeschränkt verfügbar sei. Stattdessen solle mit dem Impfstoff von Moderna „geboostert“ werden, dessen Haltbarkeit im ersten Quartal 2022 abläuft. Ein kostbares Gut zu verbrauchen, bevor es in den Müll wandert, ergibt Sinn, die Reaktionen darauf jedoch sind sehr unterschiedlich. Eine Ärztin will ganz aus der Impfkampagne aussteigen. 

Ein Mann Mitte 30 steht in Arbeitsklamotten am Praxistresen, um einen Termin für seine Auffrischungsimpfung zu machen. „Aber ich möchte mit Biontech geimpft werden“, sagt er mit Nachdruck. Die Antwort der Arzthelferin auf der anderen Seite des Tresens: „Das kann ich ihnen nicht versprechen. Wir müssen das nehmen, was wir bekommen. Moderna oder Biontech, beides sind gute Impfstoffe.“

„Die Überzeugungsarbeit kostet Zeit“

Das glaubt auch der Mediziner Hubertus Tesdorpf, einer von vier Ärzten in der Bad Oldesloer Gemeinschaftspraxis Hagenstraße. Dennoch: Glücklich ist er über die Rationierung des Biontech-Impfstoffes nicht: „Es ist richtig. Beides sind hochwertige Messenger RNA (mRNA)-Impfstoffe. Das Vakzin von Moderna hat für uns sogar logistische Vorteile. Aber wie soll ich jemandem, der seine ersten beiden Impfungen mit Comirnaty von Biontech/Pfizer bekommen hat, erklären, dass er für die Auffrischungsimpfung nun Spikevax von Moderna nehmen muss? Die Überzeugungsarbeit müssen wir in den Praxen machen. Das kostet Zeit.“

Aus dem Fläschchen von Biontech/Pfizer (links) werden sechs Boosterdosen gezogen, aus dem gleich großen Fläschchen von Moderna sind es 20 Boosterdosen. Quelle: dpa

Zwei Mitarbeiterinnen der Praxis haben bis Ende Januar 2022 insgesamt 1440 Impftermine vereinbart. Alles ist minutengenau getaktet, um so viele Boosterimpfungen wie möglich verabreichen zu können. Ob der Zeitplan eingehalten werden kann, daran hat Hubertus Tesdorpf seine Zweifel, der ab sofort wie jeder andere Arzt auch pro Woche nur noch 30 Impfdosen des Biontech-Impfstoffes erhält, die Schwangeren und Patienten unter 30 Jahren vorbehalten sein sollen. Die Stiko begründet diese vorsorgliche Maßnahme damit, dass bei Jüngeren das Risiko für Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen nach der Impfung mit dem Moderna-Vakzin höher als nach der Impfung mit dem von Biontech/Pfizer war.

Luxus-Diskussion mit psychologischer Komponente

Auf der Homepage der Bad Oldesloer Gemeinschaftspraxis Lübecker Straße konnten die Patienten bislang online einen Termin für die Auffrischungsimpfung buchen und auswählen, mit welchem Vakzin sie bevorzugt geimpft werden möchten. Seit der Rationierung des Biontech-Impfstoffes geht das nicht mehr. „Samstag habe ich die Auswahlmöglichkeit von unserer Seite genommen“, sagt Praxisarzt Dr. Wolf von der Heydt. Rund 2000 Termine wurden aber noch mit dem entsprechenden Patientenwunsch vereinbart.

Zusätzliche Überzeugungsarbeit sieht Dr. Wolf von der Heydt dennoch nicht auf die Praxis zukommen: „Das ist eine absolute Luxus-Diskussion mit einer eher psychologischen als wissenschaftlichen Komponente. Wir leben in einem Land, in dem wir uns größtenteils aussuchen können, womit wir geimpft werden wollen. In anderen Ländern ist man froh über jede Impfdosis, die man geben kann. Wenn man den Patienten erklärt, warum das so ist, verstehen sie das auch.“

Elmenhorster Ärztin zieht die Reißleine

Allgemeinärztin Nancy Schulz-Klauß hat die Nase voll: Den Impfstoff von Moderna will sie in ihrer Elmenhorster Praxis nicht verimpfen. Quelle: Sandra Freundt

Die Elmenhorster Allgemeinmedizinerin Nancy Schulz-Klauß hatte sich mit offenen Impfaktionen in aller Herrgottsfrühe auf einem Parkplatz selbst im Kieler Gesundheitsministerium einen Namen gemacht. Einen Vektorimpfstoff von Astrazeneca hat sie verimpft, der unabhängig vom Alter der Patienten zu haben war. Jede Art von Schutz im Kampf gegen Covid-19 war ihr wichtig – für ihre Patienten genauso wie für Fremde, die teils weite Wege gefahren sind, um sich impfen zu lassen. Nun aber zieht sie mit deutlichen Worten die Reißleine.

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„Seit Ostern habe ich mit einer Arzthelferin 1720 Corona-Impfungen durchgeführt. Wir sind ein kleines Team und auf Biontech eingestellt. Was wir von Biontech bekommen, werden wir verimpfen, und dann werden wir die ganze Impfkampagne auslaufen lassen. Als Alternative gibt es die Impfzentren.“

„Für mich ist das Maß voll“

Sie nennt gleich mehrere Gründe, warum sie das Moderna-Vakzin ablehnt. „Das Fehlerrisiko ist bei Moderna viel höher. Bei Biontech wird mit einer normalen Dosis geboostert, bei Moderna nur mit einer halben. Das heißt, dass aus einer Ampulle 20 bis 22 Boosterdosen gezogen werden. Aus der gleich großen Biontech-Ampulle sind es sechs Boosterdosen. Man muss viel genauer arbeiten. Das ist mehr, als wir hier leisten können.“

Auch die Boosterempfehlung ab 18 Jahren geht ihr gegen den Strich. „Besser wäre es, vorrangig die Alten und Patienten mit Risikofaktoren zu impfen, die sich keinen Termin online buchen können“, sagt Nancy Schulz-Klauß, die ihre Entscheidung bereits der Kassenärztlichen Vereinigung mitgeteilt hat. „Für mich ist das Maß voll. Wir machen uns völlig unglaubwürdig. Um die vierte Welle zu brechen, ist es eh schon viel zu spät.“

Von Petra Dreu