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Stormarn „Boomtown an der A 1 – für die City ein Drama“
Lokales Stormarn „Boomtown an der A 1 – für die City ein Drama“
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21:39 18.04.2018
Susanne Braun-Speck wünscht sich ein Jugendzentrum in der City. Der Stinshoff-Laden wäre dafür ideal. Quelle: Foto: Bma
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Reinfeld

Reinfeld hat einiges zu bieten: den Herrenteich, die Natur, die Lage zwischen Hamburg und Lübeck – dazu noch die Ostseenähe. Das gefällt mir schon gut hier“, sagt Susanne Braun-Speck. Die 49-Jährige ist in der Karpfenstadt groß geworden, hat einige Jahre andere Städte ausprobiert, ist dann wieder mit ihrer Tochter zurückgekehrt. „Was mich aber in Reinfeld richtig nervt ist, dass der Innovationswille nicht da ist. Es findet keine Weiterentwicklung statt. Es gibt zwar viele Leute, die in Reinfeld was zu meckern haben, aber wenn man hier was ändern will, zieht keiner mit.“ Oder es würden falsche Entscheidungen getroffen. „Wie zum Beispiel unsere schöne Boomtown an der Autobahn. Für die Innenstadt ein Graus“, so Braun-Speck.

Sie ist selbstständige Marketingexpertin und alleinerziehende Mutter einer 14-jährigen Tochter: Susanne Braun-Speck lebt gern in Reinfeld. „Aber hier liegt einiges im Argen“, sagt sie. Zu wenige Angebote für Jugendliche und kein vernünftiges Innenstadtkonzept sind ihre Hauptkritikpunkte.

Hätte man sich für ein normales Gewerbegebiet entschieden – kein Problem. Aber an der A 1 sei Einzelhandel angesiedelt. „Es stand sogar im Konzept, dass 30 Prozent der Kunden aus der Innenstadt abwandern werden. Dafür brauchte man keine Kugel, um das vorherzusagen. Jeder dritte Kunde wird allein durch Famila abgezogen. Da sind die anderen Geschäfte noch nicht mal berücksichtigt.“ Heute seien dort auf der grünen Wiese nicht nur Supermärkte angesiedelt, auch Bäcker, ein Aktionsmarkt mit Deko- und Haushaltsartikeln, eine Apotheke und Schreibwaren gebe es. Selbst die Schülerhilfe sei inzwischen angesiedelt. „Man kann sein Alltagsgeschäft da oben erledigen. Das hätte so nicht passieren dürfen. Mich macht das ganz traurig.“ Im vergangenen Jahr hätten sieben Einzelhändler in der Innenstadt geschlossen. „Das ist ein Drama!“

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Selber denken ist gefordert

Als Mutter einer 14-jährigen Tochter beschäftigt Susanne Braun-Speck auch das Thema Schule. Sie findet es gut, dass man inzwischen sein Abitur in Reinfeld ablegen kann. Auch dass man an der Digitalisierung arbeite, sieht sie als Pluspunkt. „Aber die Arbeitsmethoden, die Kommunikation, das Miteinander – damit bin ich nicht einverstanden.“ Unterricht könne heute ganz anders aussehen, viel lebhafter. „Frontalunterricht ist nicht mehr zeitgemäß. Damit bekommt man nicht die Mitarbeiter der Zukunft, die so dringend gebraucht werden.“ Nur zu sitzen und zuzuhören, sei nicht mehr angesagt.

Selber zu denken sei heute gefordert. Deshalb müssten die Schüler viel mehr projektorientiert arbeiten. „Auch neue Fächer wie Robotik gehören auf den Unterrichtsplan.“ Das Verstehen der Technik und daraus Ideen zu entwickeln, müsse man den Kindern nahebringen. Es wäre schön, wenn die Stadt das fördern würde, so die Reinfelderin.

Beim Thema Entwicklung rede man in der Stadt über die Sanierung von Gebäuden und Straßen. Braun-Speck: „Das ist etwas, was mich extrem stört. Veränderung findet im Kopf statt, in Arbeitsprozessen, nicht nur an Gebäuden.“ Beispiel Innenstadt: „Alles wurde saniert, die Promenade und die Straße. Dabei wurden viele Fehler gemacht.“ So sei die Paul-von-

Schoenaich-Straße extrem laut. „Die Menschen sollen in der Stadt verweilen, war der Gedanke. Aber das macht keinen Spaß, weil die Autos so laut sind, die übers Pflaster fahren.“ Man hätte Materialien auswählen sollen, die den Schall dämpfen. Kritik übt sie auch daran, dass es jetzt weniger Parkplätze in der City gibt und viel Grün wegfiel.

„Ich wünsche mir, dass die Innenstadt zum belebten Treffpunkt wird“, sagt die Reinfeldern. Weil das Internet aber so eine wichtige Rolle übernommen habe, sei es eine der Kernaufgaben der Politik, die Menschen online wieder abzuholen und in die Innenstadt zu bringen. Das erfordere Konzepte, die on- und offline verbinden. Für Kinder sei das Angebot in der Stadt gut. „Aber nicht für Jugendliche zwischen 13 und 18. Viele Sportangebote in Vereinen hören auf mit zwölf. So ist das in allen Bereichen.“ Ein selbstverwaltetes Jugendzentrum oder Café mit WLan sei etwas, was sich die Jugendlichen dringend wünschten und was Braun-Speck deshalb am meisten am Herzen liege. „Die Jugendlichen laufen alle hoch zu McDonald’s und treffen sich da. Das kann’s ja wohl nicht sein.“ Der Vorschlag der Reinfelderin: Die Stadt könne dafür eine Immobilie wie das ehemalige Schuhhaus Stinshoff anmieten. Außerdem wünscht sich die 49-Jährige eine Weinbar als Treffpunkt für ihre Generation. „Auch das fehlt hier in Reinfeld.“

 Von Britta Matzen