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Stormarn „Wildes Herz“ zog Hunderte zum Kino
Lokales Stormarn „Wildes Herz“ zog Hunderte zum Kino
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16:43 31.01.2019
Ausschnitt aus dem Film „Wildes Herz“: Jan „Monchi“ Gorkow nimmt beim Konzert von „Feine Sahne Fischfilet“ ein Bad in der Menge. Quelle: Foto: Dorothea von Dahlen
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Bad Oldesloe

Keine Bombe, keine Drohung – der Film „Wildes Herz“ lief in Bad Oldesloe ohne Zwischenfälle über die Bühne. Anders als im Vorfeld einer geplanten Schüleraufführung in Bad Schwartau gab es in der Kreisstadt keinerlei Irritationen. Vor dem Oho-Kino standen Trauben von Menschen an, um die Dokumentation über Jan „Monchi“ Gorkow, den streitbaren Sänger der Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“, zu sehen. Die Stadt unter Regie des Kultur- und Bildungszentrums hatte zu dieser Gratis-Aufführung eingeladen. Nicht alle ergatterten indes einen Platz. Wer schlau war, hatte zuvor schon reserviert. Wegen des großen Andrangs beschloss Kino-Chef Heinz Wittern, den Film am Sonntag, 10. Februar, um 11 Uhr erneut zu zeigen.

Inken Kautter, Chefin des Oldesloer KuBs und Bürgermeister Jörg Lembke stärken sich noch vor Beginn des Films „Wildes Herz“ im Oldesloer Kino mit Naschis. Quelle: Foto: Dorothea von Dahlen

Bürgermeister Jörg Lembke zeigte sich überwältigt, wie viele Oldesloer den Weg ins Kino gefunden hatten. Als Grund für den gesponserten Abend nannte er den Vorfall in Bad Schwartau, wo der Film aufgrund einer Bombendrohung zunächst abgesagt werden musste, später aber in Lübeck unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und unter Geheimhaltung doch noch zu sehen war. Es sei Zeichen einer demokratischen Gesellschaft, sich nicht von anderen diktieren zu lassen, was gezeigt werden dürfe und was nicht. „Wir müssen uns den rechten Tendenzen entgegenstellen. Natürlich hat die Demokratie ihre Schwächen, aber sie ist stark genug, andere Meinungen zuzulassen“, sagte Lembke. Er verwies auch darauf, dass sich die Stadt Bad Oldesloe mit dem KuB der „Erklärung der Vielen“ angeschlossen hat, um sich gegen den Versuch rechter Einflussnahme zu stellen und lud das Publikum auch zu einer Diskussion mit AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber am Sonntag, 3. Februar, ein.

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Das filmische Porträt von „Monchi“, das die 180-Grad-Wanderung des streitbaren Mecklenburgers vom gewaltbereiten Hansa-Rostock-Fan zum engagierten Anti-Nazi-Musiker mit vielen zeitgeschichtlichen Einblendungen und erklärenden Kommentaren seiner Eltern, Freunde, Mitbewohner und Bandkollegen nachzeichnet, kam bei den Oldesloern offenbar gut an. Gelächter brach aus, wenn der gut beleibte Filet-Frontmann beim Konzert das Bad in der Menge suchte und sich walfischgleich vom Publikum auf Händen tragen ließ. Schweigen herrschte dagegen bei Szenen, die seine Zeit in der Ultra-Szene dokumentieren mit aggressiven Übergriffen auf Polizeibeamte. Auch während der Einspielungen aus Nachrichtensendungen der frühen 1990er Jahren, die Bilder von rechtsgerichteten Gewalttätern zeigen, die Asylbewerberheime in Rostock-Lichtenhagen anzünden, gab das Publikum keinen Mucks von sich. In Charly Hübners Film „Wildes Herz“ markieren sie die Entstehung einer rechtsextremen Bewegung in Mecklenburg Vorpommern, von der laut Verfassungsschutz auch heute noch eine besorgniserregend hohe Zahl an Straftaten begangen wird. Wie der Doku zu entnehmen ist, waren auch „Feine Sahne Fischfilet“ viele Jahre als Gefährder aus dem linken Lager unter Beobachtung der Behörde, was die Gruppe zu einem Ulk-Video inspirierte. Mit einem Präsentkorb aus dem Einkaufscenter bedankten sie sich bei den Verfassungsschützern für die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde. Inzwischen ist die Gruppe jedoch aus ihrem alljährlichen Krisenbericht verschwunden.

„Was hat sich denn als effektives Mittel herausgestellt, dem Rechtsextremismus etwas entgegenzusetzen?“, schob einer der Kinobesucher die Diskussion nach dem Film an. Den einfachen, eindeutigen Weg gebe es nicht, erklärte eine Referentin vom Regionalen Beratungsteam Rechtsextremismus aus Lübeck. Letztlich helfe es nur, sich tagtäglich gegen Fremdenfeindlichkeit und nationalistische Hetze zu stellen. Andere Kinobesucher klagten, dass sie in ihren Heimatorten als Nestbeschmutzer abgestempelt würden, wenn sie sich gegen Rechte positionierten. Thematisiert wurde auch die geringe Wahlbeteiligung, die populistischen Parteien freies Feld biete oder auch die Manipulation der Ergebnisse durch den Einsatz von Trollen, die das öffentliche Meinungsbild durch gezielte Hasskommentare beeinflussten. Nicht zuletzt spielte auch der Umgang mit der Rhetorik der AfD-Politiker eine Rolle. Dass sie nur Ängste schürten, um die Menschen zu verunsichern, und auf ihre Seite zu ziehen, hieß es.

Die Frage, ob die Band „Feine Sahne Fischfilet“ in Bad Oldesloe auftreten wird, blieb letztlich im Raum stehen. Hendrik Holtz vom Bündnis gegen Rechts hatte diesen Vorschlag unterbreitet und dafür reichlich Beifall kassiert. „Am Poggensee“, „Im Kurparkstadion“ lauteten die Empfehlungen für einen geeigneten Auftrittsort. „Warum nicht? Die Band kann kommen“, äußerte sich letztlich auch Bürgermeister Jörg Lembke. „Das muss allerdings Frau Kautter organisieren“, fügte er lachend hinzu.

Dorothea von Dahlen

31.01.2019
31.01.2019
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