Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Damit der braune Spuk nicht zurückkehrt
Lokales Stormarn Damit der braune Spuk nicht zurückkehrt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:23 08.03.2014
Reinfeld

Stolpersteine, die hat Künstler Gunter Demnig schon in 930 Kommunen verlegt. Zwischen Rom und Tromsø. Und gestern in Reinfeld — gleich zwei Stück. Einen für Carl Harz und einen für Richard Minkwitz. Beide sind Opfer der Nationalsozialisten. Vor den Häusern, in denen sie zuletzt wohnten, ließ Demnig gravierte Messingplatten in den Boden ein. Sie sollen erinnern, sie sollen mahnen.

„Es ist gut, dass die Stolpersteine nun endlich im Boden sind“, sagte der 13-jährige Paul Sommer erleichtert, nachdem Künstler Demnig mit Hammer, Bürste und Besen das glänzende Stück Metall mit dem Namen des Arbeiters Minkwitz in der Paul-von-Schoenaich-Straße verankert hatte. Es zwingt nun zur Verbeugung, zum Senken des Kopfes, zur Erinnerung. Die gut 200 Reinfelder, die der Zeremonie beiwohnten, ehrten den Erschlagenen mit einer Schweigeminute. Tränen standen vielen in den Augen, mehr als 80 Jahre nach seinem Tod.

Die Nachfahren waren gekommen. Urenkel, die erst durch diese Aktion mehr über die Toten erfahren haben. „Ihr habt mir meinen Urgroßvater wiedergegeben“, bedankte sich der 71-jährige Jochen Brenneisen, Nachkomme von Carl Harz, bei den Schülern der Immanuel-Kant-Schule.

In mehrjähriger Arbeit hatten Paul und Nathalie, Tim und Josephine die Schicksale der beiden Opfer aufgearbeitet. Motiviert von ihren Lehrern Beke Zabel und Albrecht Werner. Förderer des Projektes wie Gerd Herrmann und Manfred Schönbohm legten weiße Rosen neben die Inschriften. Junge Mädchen sangen und spielten ein Lied. Und dann Schweigen. Länger als eine Gedenkminute.

Das ganze menschenverachtende Weltbild der Nazis war plötzlich mit voller Wucht an diesem sonnigen Morgen in die Stadt zurückgekehrt. Schockiert reagierten die Menschen. Demnig, der seit 1993 diese Stolpersteine verlegt, hat einmal mehr sein Ziel erreicht aufzurütteln, mahnende Zeichen zu setzen. Dass der „braune Spuk“, wie eine Bewohnerin des Carl-Harz-Hauses es formulierte, „sich nicht wiederholt“.

Geht es nach Einschätzung von Lehrer Werner, stehen die Chancen dank solcher Demonstrationen gegen das Vergessen einigermaßen gut. Werner, der die Nachkommen der Opfer kontaktiert und eingeladen hatte, gilt als treibende Kraft hinter dieser bereits zweiten großen Aktion gegen das Vergessen in der Stadt. „Reinfeld“, stellt er fest, „hat sich verändert.“

• Die Stolperstein-Verlegung gibt es als Video unter www.LN-online.de.

Uwe Krog