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Stormarn Demeter zieht auf Gut Neverstaven ein
Lokales Stormarn Demeter zieht auf Gut Neverstaven ein
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08:45 28.06.2018
Erbaut wurde das Herrenhaus im Jahr 1920 und zählt somit zu den jüngsten Gebäuden auf dem Gutsgelände. Quelle: Dorothea von Dahlen
Neverstaven

Der Partnerschaft ging einlängerer Prozess voraus. Bereits 1990 erbte Leonie von Watzdorf das historische, unter Denkmalschutz stehende Anwesen, das zu den schönsten und am besten erhaltenen im Kreis gehört, von ihrem Großonkel. „Ich kannte ihn eigentlich gar nicht, war in München groß geworden und lebte in Berlin“, erzählt sie.

Da sie damals den alten Meierhof bei Pächter Hans-Walter Schierhorn in guten Händen wusste, war zunächst auch kein Handlungsbedarf. Die Idee, in Neverstaven ein ganz besonderes Projekt hochzuziehen, hatte die Filmemacherin aber stets im Hinterkopf. „Ich habe während meiner Kindheit schon meine Wochenenden und Ferien auf einem ökologisch-dynamisch geführten Hof verbracht und allmählich wurde mir klar, dass ich auch so etwas aufbauen wollte“, erzählt Leonie von Watzdorf.

Die Pachtverträge liefen 2008 aus und zwei Jahre später, als sie ihr zweites Kind erwartete, zog sie mit Ehemann Marcelo Lagos „Knall auf Fall“ ins Herrenhaus nach Neverstaven. Doch erst im zweiten Anlauf gelang es, den Grundstein für eine ökologische Landwirtschaft zu legen.

Kattendorfer Hof ist mit im Boot

Kontakte zum Demeterhof in Kattendorf hatte sie schon beizeiten aufgenommen. Doch es bedurfte einer gewissen Übergangsphase, um den natürlichen Humusgehalt der Böden so zu verbessern, dass sie ohne künstliche Düngung Erträge abwerfen. „Von Null auf Hundert geht es nicht. Man muss sich langsam herantasten“, sagt Leonie von Watzdorf. Gemeinsam mit Demeter-Landwirt Mathias von Mirbach entstand so der Plan, die 300 Hektar großen Flächen binnen fünf Jahren sukzessive umzustellen. Was 2013 begann, kommt nun in diesem Sommer zum Abschluss. „Dann haben wir hier den größten Demeterbetrieb in ganz Norddeutschland“, sagt Leonie von Watzdorf freudestrahlend.

Leonie von Watzdorf im Gutspark. Foto: Dorothea von Dahlen

Unter dem Namen von Fruchtbarkeitsgöttin Demeter wird in Neverstaven künftig nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft verfahren. Auf den Äckern wird neben verschiedenen Getreidearten und Feldgemüse auch Futter für die Rinder angebaut. Diese wiederum liefern den Dung für die Felder. Im Sinne des Tierschutzes dürfen Fahrten zum Schlachthof 200 Kilometer nicht überschreiten.

Das Demeter-Siegel qualifiziert den Betrieb jedoch noch in anderer Hinsicht. „Es handelt sich um eine solidarische Landwirtschaft. Das heißt, dass die darin arbeitenden Menschen weder die Natur noch sich selbst ausbeuten“, erklärt Leonie von Watzdorf. Vertrieben würden die Produkte deshalb nicht über Discounter oder Handelsketten, sondern über Hofläden, FoodCoops, auf Wochenmärkten sowie über ein lokales Abokisten-System.

Alternative zur digitalen Medienwelt

Als Mutter von vier Söhnen schwebt Leonie von Watzdorf vor, auf dem Demeterhof ein pädagogisches Projekt zu verwirklichen. „Wir leben in einer irrsinnigen digitalen Medienwelt und ich beobachte mit Sorge, dass in unserer Gesellschaft fortschreitend Werte wie Gemeinsinn, Zusammenhalt und auch die Verbundenheit mit der Natur verloren gehen“, merkt sie kritisch an.

Neverstaven könne dagegen ein Ort sein, an dem Jugendliche und Kinder die Arbeit auf dem Demeter-Hof kennenlernen können, um so zu erfahren, dass es da noch mehr gebe als Smartphone und Internet, für das es sich zu leben lohne.

Kultur gesellt sich zu Agrikultur

Doch es ist nicht allein die Landwirtschaft in Neverstaven, die von einem neuen Geist und der Idee innovativer Lebenskonzepte gespeist wird. Seit einigen Jahren stellt dort ein junges Unternehmerpaar selbst kreierte vegan-biologische Gemüse-Cremes unter der Marke „Gut Ding“ her beziehungsweise arbeitet Weggeworfenes so auf, dass daraus wieder Accessoires werden. Kaputte Regenschirme etwa werden zu schicken Taschen.

„Das Filmemachen habe ich inzwischen übrigens an den Nagel gehängt“, erzählt Leonie von Watzdorf. Doch die Kultur liegt ihr immer noch sehr am Herzen. Und so denkt sie darüber nach, wie sich der Gutshof mit seiner idyllischen Parkanlage zu einem neuen kulturellen Zentrum für die Region entwickeln könnte. „Ich könnte mir vorstellen, hier künftig auch Konzerte und kleine Festivals zu veranstalten“, sagt sie. Den Anfang machen im September Haydn Rawstron und die Sopranistin Dorothee Jansen mit einem neuen Opernformat namens Narropera.

Von Dorothea von Dahlen