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Stormarn Der Autobahn-Lärm betäubt die Ohren
Lokales Stormarn Der Autobahn-Lärm betäubt die Ohren
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23:46 09.08.2013
Horst Gehrke wohnt nicht weit von der A 1 entfernt. Seit dort der Knick abrasiert wurde, ist auch der Geräuschpegel im Ort gestiegen. Quelle: von Dahlen
Benstaben

„Ganz Ohr für Lärm“— unter diesem Stichwort legt das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Holstein im Internet dar, dass extrem laute und störende Geräuschquellen nicht mehr hingenommen werden müssen. Denn im Zuge einer Richtlinie der Europäischen Union aus dem Jahr 2002 soll dem Schutz der Bevölkerung vor Lärm mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Davon hat sich eigentlich auch Horst Gehrke viel versprochen. Er wohnt in Benstaben, nur wenige Kilometer Luftlinie von der A1 entfernt. „Es ist oft unerträglich. Man hört permanentes Rauschen und am schlimmsten ist es, wenn die Motorräder kräftig aufdrehen. Da kriegt man nachts kein Auge mehr zu“, klagt er. Bei offenem Fenster schläft er schon lange nicht mehr, genauso wenig wie seine Nachbarn rundherum. Er moniert zudem, dass sich an den Nahtstellen zwischen Autobahnbrücke und den Fahrbahnen, Absätze gebildet haben und es ständig „rummst“, wenn Lkw darüber fahren. Ein Zugeständnis habe der Straßenbaulastträger zwar schon vor Jahren gemacht und eine Lärmschutzwand an der Brücke installiert. Doch sie erinnere eher an eine Palisadenwand aus dem Baumarkt. „Das ist nicht mehr der neueste Stand der Technik“, kritisiert Gehrke.

Wie der Benstabener berichtet, hat der Verkehrslärm stark zugenommen, seit die Baustelle an der A 1 existiert. „Der Knick wurde komplett abrasiert. Jetzt kann der Schall ungehindert zu uns rüberwehen“, erzählt Gehrke. Diese Erfahrung haben nicht nur die Benstabener gemacht. Auch Meddewades Bürgermeisterin Marleen Wulf berichtet von einer Zunahme der Geräuschbelästigung. „Warum baut man nicht gleich Flüsterbeton ein, wenn man schon an der A 1 arbeitet?“, fragt sie. Denkbar wäre auch eine Geschwindigkeitsbegrenzung an Stellen, wo der Schall auf bewohnte Gebiete abstrahle. All diese Anregungen haben die Sachbearbeiter in den Ämtern Bad Oldesloe-Land und Nordstormarn schon gegeben.

Tempo-Limit, Schallschutzwände und Flüsterbeton haben sie in ihre Stellungnahmen zum Lärmaktionsplan im Jahr 2008 einfließen lassen. Doch davon sei nichts umgesetzt worden, sagen Steffen Mielczarek, Leitender Verwaltungsbeamter des Amtes Oldesloe-Land, und Gabriele Weidlich vom Bauamt Nordstormarn unisono. Jetzt soll der Plan für die nächsten fünf Jahre fortgeschrieben werden. In einigen Orten, wie in Lasbek, wird er noch besprochen. Doch sei absehbar, dass die Gemeinden den schon gemachten Forderungen bestehen blieben.

Was die Betroffenen wurmt: Die Lärmbelästigung längs der Autobahn wird nicht an Ort und Stelle gemessen, sondern theoretisch hochgerechnet. „Es hätte also gar keinen Sinn, den Gegenbeweis antreten zu wollen“, sagt Gabriele Weidlich. Konkrete Messungen seien nur im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens unternommen worden, als die Autobahn sechsspurig ausgebaut wurde.

Das bestätigt auch Jens Sommerburg, Leiter Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Lübeck. „Das ist völlig rechtens“, sagt er. Die Dezibelwerte würden nach einem komplizierten System ermittelt, bei dem sogar die ungünstigsten Windverhältnisse zugrunde gelegt würden. Gerechnet werde aufgrund von Prognosen, wie sich der Verkehr entwickle. Grenzöffnung und Globalisierung hätten zu einer Steigerung des Fahrzeugaufkommens geführt. „Damit hat sich der Verkehr aber nicht verdoppelt“, merkt Sommerburg an. Im Planfeststellungsverfahren seien zudem Vorbehaltsklauseln eingebaut worden. Der Gesetzgeber habe also durchaus eine Möglichkeit geschaffen, auf veränderte Lärmwerte mit Schutzmaßnahmen zu reagieren, wie sie etwa jetzt in Hamberge realisiert werden.

In einer Beziehung gab Sommerburg gestern Anlass zur Hoffnung: Auf der Strecke zwischen Bad Oldesloe und Reinfeld soll eine Decke aufgebracht werden, die den Schall um zwei Dba (Dezibel) mindert.

Dies entspricht zwar nicht dem klassischen „Flüsterbeton“ der Qualität Dba minus fünf — aber immerhin.

„Am schlimmsten ist es, wenn die Motorräder kräftig aufdrehen. Da kriegt man nachts kein Auge zu.“

Horst Gehrke, Benstaben

Dorothea von Dahlen