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Stormarn Die Bibel  aus Playmobil
Lokales Stormarn Die Bibel  aus Playmobil
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13:10 24.12.2016
Die Weihnachtskrippe mit den Heiligen Drei Königen, Ochs und Esel gibt es fertig zu kaufen.
Klein Wesenberg

Die Kirche von Klein Wesenberg gibt es auch als Noch-Kleiner-Wesenberg: Pastor Erhard Graf hat sie aus zwei Playmobil-Kirchen zusammen gebaut, um seinen Konfirmanden so den Gottesdienstaufbau näherzubringen. Auf Knopfdruck läuten die Glocken, und auch die Orgel bringt man zum Klingen. Selbst der Storch, der jedes Jahr an der Kirche brütet, ist mit von der Partie. „Die Konfirmanden lieben das Glockengeläut“, erklärt Pastor Graf. „Die Visualisierung hilft dabei, Lerninhalte zu verankern. Theorie ist trocken, über die Sinne lässt sich alles viel besser vermitteln.“

Pastor Erhard Graf gestaltet  den Konfirmandenunterricht mithilfe der Spielfiguren.

Dabei hat Pastor Graf vor der Kirche nicht Halt gemacht, sondern mittlerweile alle bedeutenden Bibelszenen mit Playmobil nachgebaut. Die Krippe darf dabei natürlich nicht fehlen, auch Ochs und Esel und die heiligen drei Könige sind dabei, denn alle sind mit der Weihnachtsgeschichte groß geworden. „Ich verwende dafür die Originalfiguren, ohne sie zu verändern“, betont Graf, „ich setze sie nur anders ein.“ Die Weihnachtsgeschichte gibt es als fertiges Set, bei anderen Kirchenthemen war der Pastor erfinderisch.

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Wer genau hinguckt, sieht, dass der schwarz gewandete Trauerzug viele Tätowierte und Gepiercte in schwarzem Leder im Gefolge hat; Rocker und Gothics, die mit Hut oder Umhang zu Trauergästen werden.

Einige tragen statt der ursprünglichen E-Gitarre den gläsernen Schneewittchensarg, der aus der Märchenwelt umfunktioniert wurde, und das Polizeiauto von Playmobil hat Erhard Graf zum Leichenwagen umgemalt. „Das und ein Kälbchen sind die einzigen Teile, die ich verändert habe“, so Graf. „Aus dem Kälbchen habe ich das goldene Kalb gemacht.“

Der Kontext sorgt dafür, dass aus dem Spielzeug Bibelgeschichten werden. „Mit den Steinzeitfiguren zeige ich die Vertreibung aus dem Paradies“, erläutert der Pastor. Adam und Eva tragen Lendenschurz, und die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis liegt auf einem Podest. „Wenn man den Apfel wegnimmt, ertönt eine Alarmanlage wie im Museum“, zeigt Graf, wie man Bibelgeschichte anschaulich macht.

Ein großes Lagerfeuer wird zum brennenden Dornbusch, und die Ägyptenserie eignet sich dafür, die Lebenswelt Jesu nachzustellen. Die Frauen tragen die klassischen Kopftücher, die Graf aus dem Ersatzteillager hat. „Eigentlich ist das der Umhang von Maria“, erzählt er. „Davon habe ich eine Menge bestellt, so dass die Figuren jetzt echt aussehen.“ Wüstenwanderung und Mosesgeschichte, das goldene Kalb und der Empfang der zehn Gebote gehören ebenso zum Konfirmandenprogramm wie Jüngerberufung und Jesusgeschichte nebst römischer Vorherrschaft.

Der große Fischzug darf da nicht fehlen. Graf zeigt auf ein Ruderboot mit Fischernetz und einem Haufen silberner Fische, natürlich auch von Playmobil. „Das Fischernetz habe ich aus einem Stück Fliegennetz für Fenster gebastelt“, sagt er. Angefangen hat er mit den Szenen, als er vor zehn Jahren mal auf eine Figur von St. Martin stieß, die er im Kindergarten einsetzte. „Später habe ich dann die Krippe mit den heiligen drei Königen auf einem Flohmarkt gesehen und mitgenommen.“ Im Kindergarten Hamberge erkannte Graf, der auch eine religionspädagogische Ausbildung hat, das Potential der bunten Spielwelt. „Das hat den Kindern richtig Spaß gemacht. Von da an habe ich auf Flohmärkten geguckt und gesammelt.“

Auf diese Weise steht jetzt die Arche Noah auf dem Tisch, die von vielen Tieren begleitet ist, die auf eine Mitfahrgelegenheit warten. Irgendwann schaffte Graf es nicht, die Sachen rechtzeitig vor dem Konfirmandenunterricht wegzuräumen, und auch die Jugendlichen waren begeistert. „Die Konfirmanden sind zwischen 13 und 14 Jahre alt, ich habe gemerkt, dass sich die Playmobilszenen für die schwierige Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein gut eignen. Ich kann damit Impulse geben durch Dinge, die von den Jugendlichen wiedererkannt werden.“ Er stellt Fragen wie „Was erkennt ihr?“ Über das goldene Kalb, den Apfel, die Krippe oder die Arche kommt das Gespräch dann auf die großen Fragen nach Schuld, Freiheit oder Nächstenliebe.

Playmobils Ritterburg nutzt der Pfarrer für die Vermittlung der Kirchengeschichte. Hier sitzt Luther in der Wartburg und übersetzt die Bibel, während Katharina von Bora mit sieben Nonnen im Kloster wartet. Nachhaltiges Lernen ist damit vorprogrammiert, und selbst die aktuelle Situation der Kirche lässt sich auf diese Weise gut erklären. „An der Kirche ist ein Gerüst mit Maler“, zeigt Graf, „die Kirche muss ihre Gebäude auch unterhalten.“ Eine Mitarbeiterin im Kirchenbüro sitzt am Computer, und ein kleiner Pfarrer begrüßt gerade zwei Hochzeitsgesellschaften. „Natürlich gehört zum Konfirmandenunterricht noch viel mehr“, so der Pfarrer von Klein Wesenberg, „die Playmobilszenen sind nur ein Teil des Unterrichts, aber der bewirkt viel.“ Zum Pfarrbezirk von Pastor Graf gehört neben Klein Wesenberg auch noch die kleine Kirche von Hamberge. Auch die steht beim Pastor im Pfarramt im Playmobilschrank.

Figuren am Kreuz

Vor sieben Jahren hatte ein Pastor in Hessen die Idee, Bibelszenen mit Playmobil zu bauen und im Internet zu veröffentlichen. Dagegen ist der Spielzeughersteller gerichtlich vorgegangen, um sein Urheberrecht zu schützen. Denn der Pastor hatte die ursprünglichen Figuren für sein Projekt verändert bis hin zu einer Playmobilfigur am Kreuz, die er gebastelt hatte. Die evangelische Kirche hatte dem Projekt mit dem Innovationspreis ihren Segen gegeben.

 Bettina Albrod