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Stormarn Die Giganten fest im Blick
Lokales Stormarn Die Giganten fest im Blick
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22:10 12.02.2018
Koloss auf der Straße: Wenn Teile von Windkraftanlagen reisen müssen, bedeutet das Höchstleistung für alle Beteiligten. Quelle: Fotos: Zietz/hfr, Bma
Klein Wesenberg

Die Giganten, die Lutz Zietz von A nach B transportiert, bringen hunderte Tonnen auf die Waage, haben oft mehr als 30 Achsen, sind höher als zweistöckige Familienhäuser und breiter als vier Autos nebeneinander. Schwertransport – das ist eine der anspruchsvollsten Disziplinen im Güterverkehr. Starke Motoren, gelbe Blinklichter und Nervenkitzel sind bei jeder Tour dabei. Jahrelang hat Zietz Schwertransporte selbst begleitet. Doch seit einem Unfall bei einem Einsatz hat er umgesattelt. Mit seiner Firma kümmert er sich um die Organisation der Touren. Aufträge an Land ziehen, Genehmigungen einholen, Begleitfahrzeuge vermitteln.

Klein Wesenberg freut sich über Zuwachs. Lutz Zietz ist von Rostock in die Stormarner Gemeinde gezogen – mitsamt seinem Unternehmen. Der 48-Jährige organisiert und begleitet den Transport von Windkrafträdern, Booten oder sogar Flugzeugen quer durch Europa.

Schwerer Unfall

„2016 – das war für mich ein Schicksalsjahr. Im Oktober hatte ich einen schweren Verkehrsunfall. Da wurde ich von der Autobahn regelrecht abgeschossen. Ich stand in einer Vollsperrung, hatte einen Windkraftflügel vor mir, die Flügelspitze hing noch sechs Meter nach hinten raus. Es war dunkel, an den Fahrzeugen hatte ich alle Warnlichter an“, erinnert sich der 48-jährige Familienvater.

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Die ersten beiden Pkw seien noch an ihm vorbeigekommen. „Der dritte ist mit mehr als 100 Stundenkilometern bei mir eingeschlagen. Dann sind wir 80 Meter gemeinsam geflogen, haben dann einen Linksdrall bekommen, was mein Glück war. Hätten wir die andere Richtung eingeschlagen, wäre der Kopf ab gewesen.“ Fünf Wochen sei er anschließend krank gewesen. Kurz darauf verstarb seine Frau.

„Jetzt ist hier Feierabend, habe ich dann gesagt. Ich will nicht mehr auf die Straße – 25 Jahre sind genug.“ Das habe er seiner heute 13-jährigen Tochter versprochen, die nach dem Tod der Mutter nicht noch den Vater verlieren wollte. „,Bitte fahr nicht mehr‘, hat sie zu mir gesagt.“

Danach ging alles ganz schnell. Lutz Zietz nahm eine Umstrukturierung seiner Firma vor. „Wir machen immer noch Begleitung von Schwertransporten, aber das Beantragen der Genehmigungen ist heute unser Hauptgeschäft.“ Weil Zietz in Rostock keine Verwandtschaft hatte, schlug er seiner Tochter vor, zurück in seine alte Heimat zu gehen. „Ich bin in Klein Wesenberg aufgewachsen. Meine Tochter war sofort begeistert.“ Gegenüber von Oma und Opa zogen Lutz und Caroline Zietz im Januar 2017 ein. „Alles ging holterdiepolter. Ich hatte nicht groß Zeit zum Nachdenken“, so der Klein Wesenberger.

Rückblickend sei er stolz, dass er das alles hinbekommen habe. Auch dank seiner Mitarbeiterin Katrin Müller, die den Umzug der Firma mitgemacht und ihn immer unterstützt habe, mittlerweile auch seine Freundin sei. „Wir haben das Familienleben gut auf die Reihe gekriegt, wir stehen mit der Firma richtig gut da, wenn man bedenkt, dass wir das erst vor einem Jahr aus dem Boden gestampft haben. Es läuft. Aber wir haben auch noch was vor, was die Umsatzzahlen betrifft. Was natürlich auch der Gemeinde Klein Wesenberg zugute kommt.“ Mittlerweile hätten sie auch personellen Zuwachs bekommen. Seit November 2017 unterstützt Nina Frieborg den Schwerlastservice. „Erst war sie auf 450-Euro-Basis bei uns, seit Februar ist sie festangestellt. Weil wir das Volumen allein nicht mehr packen.“ Er als Geschäftsinhaber könne nicht nur am Schreibtisch sitzen. „Ich muss raus, ran an die Kundschaft, um die Geschäftsbeziehungen weiter auszubauen.“

Kunden aus dem Ausland

Für seine Kunden, die zu 90 Prozent aus dem Ausland wie Dänemark, Niederlande, Ungarn, Polen oder Rumänien kommen, kümmert sich Zietz um Transporte, die über normales Maß hinausgehen. „Alles, was schwerer als 40-Tonnen, länger als 16,50 Meter, breiter als 2,55 Meter und höher als vier Meter ist, wenn ich einen normalen Sattelzug mit Plane nehme.“ Das seien etwa Spezialtransporte für Transformatoren, Stahlkonstruktionen, Windkraftanlagenteile oder Yachten. „Was wir ganz viel machen sind Großkräne, um Windkraftanlagen aufzubauen. Da kommen teilweise 40, 50 Transporte zustande für einen Kran. In Erfurt haben wir auch schon mal ein ganzes Flugzeug transportiert“, so der Unternehmer. Kreuz und quer durch Europa fahren die Kolosse, für die der Klein Wesenberger Genehmigungen beantragt. Ein extrem kompliziertes Geschäft sei das. Jedes Bundesland, jeder Kreis habe Auflagen, die zu erfüllen seien. „Letztes Jahr hatten wir einen Transport, der war nur 25 Meter lang, wog 130 Tonnen und war sechs Meter breit. Die Tour hat uns fast den Hals gebrochen. Weil der mit seinem Gewicht für die Brücken zu kurz war. Wenn er zehn Meter länger gewesen wäre – kein Problem. Ich weiß gar nicht, wie viele Anträge wir gestellt haben. Irgendwann haben wir einen Weg gefunden – da waren wir bei Antragsversion 22.“ Aus 700 Kilometern Strecke seien 1500 geworden mit all den Umwegen.

„Baustellen und marode Brücken – das sind unsere größten Probleme. Es gibt Autobahnteilstücke, die fassen wir gar nicht an, wie die Sauerlandlinie.“ Trotz des Stresses – Zietz liebt seinen Job.

Füße hoch und Fernsehen – das ist auch nach Feierabend nichts für ihn. Stattdessen nimmt er aktiv am Dorfleben teil. „Lutz Zietz ist für das Dorf wirklich eine Bereicherung. Er ist in die Feuerwehr eingetreten, bringt sich hier gerne und gut ein. Wenn irgendwo was piept, dann ist er zur Stelle. Das finde ich in Ordnung“, sagt Bürgermeister Herbert David. Dass die Gemeinde den Hebesatz der Gewerbesteuer von 330 auf 310 gesenkt habe, sei bei dem Unternehmer sicher auch gut angekommen. „Wenn sich Gewerbe ansiedelt, dann muss man auch ein bisschen helfen“, so der Bürgermeister.

Signale

Achtung, Überholverbot – wenn ein Begleitfahrzeug eines Schwertransportes Signale setze, sei das nicht, um die Bevölkerung zu ärgern. „Das ist vorgeschrieben. Ein Schwertransport darf über manche Brücken nur allein fahren oder in Schrittgeschwindigkeit, wie auf der Travebrücke“, sagt Lutz Zietz.

Auf manchen Autobahnbrücken müsse man mit den Transporten ganz links fahren, weil nur dort das Gewicht trage. „Es gibt leider nur ganz viele, die verstehen das nicht, warum wir das machen. Die denken, wir ärgern die“, so der Unternehmer. Manche Verkehrsteilnehmer würden rechts überholen oder drängeln. Wie wichtig es sei, die Signale zu beachten, sollte in Fahrschulen unterrichtet werden, wünscht sich Zietz.

 Britta Matzen