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Stormarn Eine würdevolle Begleitung
Lokales Stormarn Eine würdevolle Begleitung
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07:54 27.12.2018
Sabine Tiedtke mit ihrer Schwiegermutter Edith Tiedtke, von der die erste Spende für das Hospiz stammt. Quelle: SUSANNA FOFANA
Bad Oldesloe

Hospiz-Chefin Sabine Tiedtke (55) schiebt gerade ihre Schwiegermutter im Rollstuhl durch die weihnachtliche Innenstadt. Ein Foto gemeinsam mit „Sabinchen“ gefällt der 91-Jährigen. Denn Edith Tiedtke findet das Hospiz-Projekt großartig. Sie war zudem diejenige, die als Erste ihr Portemonnaie dafür zückte. Ihre 100-Euro-Spende bildet den Grundstein für die künftige Lebensweg-Herberge.

„Wenn jemand es schafft, dann bist Du es“, wurde Sabine Tiedtke von ihrer Schwiegermutter stets in ihrem Vorhaben bestärkt. Mit dem Zusatz: „Wenn ich jünger wäre, würde ich Dir helfen.“ Sabine Tiedtke erklärt: „Ich habe immer ein sehr enges Verhältnis zu ihr gehabt.“ Ihre Schwiegermutter sieht es genauso: „Du bist nicht wie meine Schwiegertochter, sondern wie meine Tochter.“

Die erste Spende kam von der Schwiegermutter.

„Ich habe ihr die Zeitungsartikel und das Konzept zum Lesen gegeben“, so Sabine Tiedtke. Als die alte Dame dann hinfälliger wurde, musste Tiedtke sie manches Mal daran erinnern, dass sie ja noch erleben möchte, wie das stationäre Hospiz eingeweiht wird. „Wir haben einen Deal. Du bleibst so lange am Leben, bis das Hospiz fertig ist“, sagt sie ihr in solchen Momenten „Stimmt Sabinchen“, kontert die 91-Jährige dann.

Doch seitdem sie in letzter Zeit immer dementer wird, stellt sich die Frage, ob sie den Fortschritt am Hospiz wirklich noch bewusst erleben kann. Sabine Tiedtke: „Das ist sehr, sehr traurig. Ich komme zwar aus der Pflege, aber wenn man jemanden aus dem ganz engen Umfeld so erlebt, ist es echt schwierig. Der Mensch verändert sich sehr schnell, hat sehr schnell Angst.“

Sie erlebt ihre Schwiegermutter derzeit sehr authentisch, im jeweiligen Moment. „Ich habe Angst“ oder „Ich liebe euch“ drückt sie sich dann direkt aus. Sabine Tiedtke ist es ganz wichtig, ihr noch viele gute Momente zu geben. Im Pflegeheim werde sie allerdings trotz aller Bemühungen vor Ort mit dem Pflegenotstand konfrontiert. Tiedtke: „Es ist nicht so einfach, dies hautnah zu sehen. Ich würde mir wünschen, dass der Hospizgedanke in Heimen und Krankenhäusern mehr ausgebaut wird.“

„Tief in meinem Herzen war ich immer Krankenschwester“, erzählt sie von den Anfängen ihrer Berufung. Zuerst machte sie eine Ausbildung zur Bankkauffrau und arbeitete drei Jahre in diesem Beruf. Als der Krankenschwester-Gedanke sie nicht wieder losließ, nutzte sie Urlaub und Überstunden, um ein zweiwöchiges Praktikum im Oldesloer Krankenhaus zu machen. „Gleich am 1. Tag war mir klar: Ich muss unbedingt Krankenschwester werden.“ Doch zunächst übernahm sie ab und zu eine Schicht neben ihrer Arbeit bei der Sparkasse.

Auf ihre Bewerbung im Krankenhaus bekam sie just zu Weihnachten Antwort. Die Oldesloerin: „Am 23. oder 24. Dezember habe ich schließlich Bescheid bekommen, dass ich Krankenschwester werden darf.“ Ihre dreijährige Ausbildung begann sie im April auf der Internen 4. Der gleichen Station, auf der sie auch schon ihr Praktikum absolviert hatte. Tiedtke: „Der größte Horror war damals für mich, dass ich Tote sehen könnte.“

Sie ist daher einer Krankenschwester sehr dankbar, die sie vorsichtig an dieses Thema heranführte, nachdem eine Dame sanft eingeschlafen war. „Wir haben sie ganz würdevoll versorgt, fertig gemacht, das Fenster geöffnet und den Raum mit Blumen geschmückt.“ Sie habe danach viel Unsicherheit und Ängste zum Thema Tod erlebt. Viele Dinge seien nicht ausgesprochen worden von Patienten, Angehörigen und Pflegepersonal. Tiedtke ist sich sicher: „Da ist noch viel zu tun.“

„Ich finde, dass Sterbende nicht alleingelassen werden sollten“, sagt sie. Statistiken besagen jedoch, dass oftmals Zimmer mit Sterbenden im Krankenhausalltag gerade seltener frequentiert werden. Auch bleibe häufig nicht genug Zeit und Ruhe, um Angehörige mit einzubeziehen.

Dabei seien es oft sehr schöne Momente, wenn man Familien in einem solchen Moment begleiten und ihnen die Unsicherheit nehmen könne. So habe sie erlebt, dass ein von der ganzen Familie umsorgter Patient nach dem Segen und gemeinsamen Gebet mit einer Seelsorgerin sehr viel ruhiger wurde und friedlich starb. „Als hätte er darauf gewartet und konnte loslassen.“

„Solche Momente haben mich auch geprägt. Eine gute Begleitung zum Schluss. Eine würdevolle letzte Zeit.“ Sie selbst wechselte nach drei Krankenhaus-Jahren in die ambulante Pflege. Denn sie habe den Eindruck gehabt, dass sie im Krankenhaus ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte.

In der ambulanten Zeit habe sie einem pflegenden Angehörigen kurz vor dem Tod seiner Frau die Unsicherheit nehmen können. „Es sind Momente, wo ich gespürt habe, wie wichtig eine Begleitung ist. Damit auch er als Angehöriger damit nicht allein gelassen wird.“ Und niemals in ihrem Leben wird sie die Augen eines jungen Mannes vergessen, der sein Schicksal bis zum Schluss nicht wahrhaben wollte. Er habe gehofft, wieder aus seinem Albtraum aufzuwachen. Tiedtke: „Diesen Blick vergesse ich nie.“

Solche Erlebnisse hätten sie sehr geprägt. Die Oldesloerin: „Dann kam der Gedanke, dass es irgendwann anders sein sollte. Auf den Hospizgedanken folgte der Wunsch, dass ich irgendwann ein Hospiz gründen werde.“ Das ist jetzt im Bau. 264 Mitglieder hat der Verein „Lebensweg“ bereits. 300 bis zum Jahresende sind das Ziel. Die Spenden aus der LN-Aktion „Hilfe im Advent“ sollen auch der Ausstattung des Raums der Stille zugutekommen. Dort sind ein kleiner Altar, Sitzgelegenheiten und in der Mitte eine Lotusblüte geplant. Bis jetzt sind dank der LN-Leserinnen und -Leser bei der Aktion schon mehr als 7000 Euro zusammengekommen.

Susanna Fofana