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Stormarn Ein englisches Idyll in Heilshoop
Lokales Stormarn Ein englisches Idyll in Heilshoop
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20:10 09.07.2018
Im Klostergarten grünt und blüht es aufs Prächtigste. Für die Mauern haben die Matthiesens alte Steine aus Abbruchhäusern mühevoll gesäubert. Die gotischen Fenster stammen aus England.
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Heilshoop

„Man muss seine Ideen verwirklichen. Sonst wuchert Unkraut darüber.“ Das Schildchen baumelt vor der Haustür der alten Schmiede von Heilshoop und bringt das Lebensmotto von Annette Matthiesen ziemlich genau auf den Punkt. Mit ihrer Familie hat die Heilshooperin eine Bruchbude mit Trecker-Parkplatz in ein Paradies verwandelt. Romantisch, verträumt, verwunschen – wer die Matthiesens besucht, glaubt sich im ländlichen Idyll eines englischen Cottages wiederzufinden.

Alte Steinmauern, duftende Rosen, Blauregenwolken, dazwischen flattern Zitronenfalter – der Garten von Annette Matthiesen könnte glatt als Kulisse für Rosamunde Pilcher-Filme durchgehen. Auch das Haus der Heilshooperin präsentiert sich so romantisch wie ein Cottage in Devon.

„1984, als unser Sohn ein Jahr alt war, sind wir hergezogen“, berichtet Annette Matthiesen. Von dem Haus sei sie jedoch entsetzt gewesen. „Es war eine Ruine. Wir hatten es nur ersteigert, weil darin eine Grube vorhanden war. Mein Mann Hinrich besaß einen alten Ford aus den 30er Jahren, den er hier fertig machen wollte.“ Zu der Zeit lebten sie auf einem Hof in Alleinlage auf dem Land und hatten auch vor, dort wohnen zu bleiben.

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„Wir haben jahrelang nur auf der Baustelle gelebt“

Letztlich mussten Matthiesens doch die in die alte Dorfschmiede ziehen. „Ging nicht anders. Wir hatten das Haus vermietet, aber die Parteien zahlten nicht. Da blieb uns nichts anderes übrig.“ Sie bezogen ein Zimmer und legten los mit der Renovierung. „Wir haben jahrelang nur auf der Baustelle gelebt, mittendrin im Dreck.“ Einzige Bedingung, die Annette Matthiesen stellte: „Das erste, was wir ausbauen, ist ein Gäste-WC von Laura Ashley.“ Sie ist ein Fan dieser britischen Traditionsmarke. Ihr Wunsch wurde erfüllt. Dennoch mussten sie die ersten Jahre ohne Heizung und fließend Wasser auskommen. „Wir hatten zwar ein schickes Gäste-WC, haben aber drei Jahre auf engstem Raum gehaust – im Winter bei minus 20 Grad. Es gab keinen Ofen, nur Heizlüfter. Wenn wir baden wollten, haben wir tagsüber zehn Tauchsieder ins Wasser gehängt, abends war das Wasser lauwarm.“ Wie nach dem Krieg sei es bei ihnen zugegangen.

„An den Garten war zu der Zeit nicht zu denken.“ Sie seien damit beschäftigt gewesen, Böden rauszureißen, Steine zu klopfen, das Dach einzudecken. Das meiste erledigten sie in Eigenarbeit. „Deshalb ging es auch nicht schnell voran.“ Nach einem Jahr kam die Tochter, Schlag auf Schlag drei weitere Kinder. Mit jedem Spross wurden die Zimmer ausgebaut. Fliesen, Möbel, Lampen, Gardinen und Tapeten schleppten die Matthiesens mit ihrem Van direkt aus England an, um so ihren britischen Wohntraum zu verwirklichen.

„Wir sind heute noch nicht fertig. Unser jüngster Sohn lebt noch bei uns. Wenn er auszieht, soll sein Reich Esszimmer werden.“ Außerdem planen sie, die Front des Hauses mit alten Steinen zu verklinkern. Ihre Zeit verbringt Annette Matthiesen allerdings am liebsten in ihrem „Cottage Garden“, den sie hegt und pflegt. „Beim Einzug existierte der Garten noch gar nicht. Das war eine wilde Wiese, auf der Autowracks herumlagen.“ Zudem bedeckte eine riesige Betonplatte einen großen Teil des Grundstücks, auf der die Trecker der Reparaturwerkstatt parkten. „Es dauerte Jahre, sie zu entfernen“, erinnert sich die Hausherrin.

Heute macht das 2000-Quadratmeter-Paradies nicht nur den Matthiesens Freude, sondern auch zahlreichen Besuchern, die zu geführten Touren vorbeischauen. Ein Ausflug durch den Garten ist spannend:

Hinter jeder Hecke verbirgt sich eine neue Themenwelt: ein Teich mit Wasserlauf und Grotte, ein Obstspaliergang, ein Aurikelgang mit einer Tür, die zu einem geheimen weißen Garten führt, oder der Klostergarten mit Mittelaltermauer, gotischen Fenstern und faszinierender Blütenpracht. Hinreißend ist auch der Blauregengang, wenn im Mai Wolken der duftenden Pflanze zuverlässig Spaziergänger berauschen.

Auch ein historischer Pavillon aus Timmendorfer Strand schmückt den Heilshopper Cottage-Garten. Annette Matthiesen erspähte ihn ganz zufällig. „Er stand im Garten einer Villa und war ganz verkommen.

Also klopfte ich an der Tür und fragte, ob der Pavillon noch gebraucht würde.“ Die Hobbygärtnerin konnte ihr Glück kaum fassen, als man ihr das historische Häuschen schenkte, da es ohnehin abgerissen werden sollte.

„Doch leider ist unser Garten nicht nur Quell größter Freude, er bietet auch Anlass zur Sorge“, sagt Annette Matthiesen. Aus gesundheitlichen Gründe sei sie auf Hilfe angewiesen. „Ich habe Arteriosklerose. Deshalb muss ich mir Leute holen, die mir helfen. Ich schaffe das sonst nicht.“ Die Hecken seien das Schlimmste. „Die belasten mich richtig.“ Gerade habe sie sie mit ihrem jüngsten Sohn geschnitten. „Acht Tage waren wir dabei und sind immer noch nicht durch.“ Eigentlich müsste sie eine Firma dafür engagieren. Aber das sei finanziell im Moment nicht drin. „Aber es ist mein Ziel, dass sich das mal trägt.“ Besucher zahlen deshalb Eintritt, damit der Garten erhalten werden kann. Drei Euro kostet eine Führung.

Infos: www.cosycottagegarden.com

Geschichte

Die Gemeinde Heilshoop blickt auf eine sehr lange Geschichte zurück. Verschiedene Funde aus der Stein- und Eisenzeit, vor allem die reichen Grabhügel, lassen erkennen, dass die Gegend um Heilshoop schon in germanischer Zeit besiedelt gewesen ist. In der Klostergründungsurkunde von 1189 ist „Haleshope“ dem Kloster Reinfeld zugeteilt worden. Für das Kloster war die Teichwirtschaft von größter Bedeutung. Daher nutzten die Mönche auch die Gegebenheiten in der Umgebung aus. So wurde in Heilshoop der Petersiliendiek angelegt und der Moorteich, der noch heute zu Fischereizwecken dient.

Britta Matzen