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Stormarn Eine Motorrad-Werkstatt mit BMW-Museum
Lokales Stormarn Eine Motorrad-Werkstatt mit BMW-Museum
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17:19 13.09.2014
Knut Gerken (60) aus Rethwisch auf einer BMW-Beiwagen-Rennmaschine. Sie wird auf den Knien liegend gefahren. Quelle: Fotos: ja
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Rethwisch

Allesamt glänzend und fahrbereit, die meisten zugelassen, damit Interessenten ein paar Runden drehen können.

Oldtimer-Fahrer müssen freilich mehr mitbringen als nur einen stabilen Gleichgewichtssinn und die inzwischen überwiegend abhanden gekommene Fähigkeit, Zwischengas zu geben beim Schalten mit hakeligen Getrieben: einen wohlgefüllten Geldbeutel. 26 000 Euro kostet Gerkens teuerster Veteran, eine R 68 von 1954.

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Dafür spart der Käufer immerhin die Kosten für eine Batterie, denn die alten Kisten haben Magnetzündung, laufen also nach dem Kickstart ohne Batterie. Gerkens älteste BMW ist eine R 4, Baujahr 1937. Die ist nicht ganz so teuer, weil nicht so selten — und sie hat auch nur einen Zylinder. Die teuersten Modelle aus den 50er und 60er Jahren kosten zwischen 10 000 und 20 000 Euro. Und dann gibt es da noch ein paar Eigenbauten, wunderschöne Maschinen, aufwändig lackiert — und die will er nicht hergeben, über Preise mag er da gar nicht sprechen.

Dabei kann Gerken wunderbar Benzin reden, wie das Fachsimpeln über Motorradtechnik unter den alten Windgesichtern heißt, die dabei noch Fliegen aus ihren Bärten pulen. Er liebt seine Oldtimer, besitzt selbst ein paar, die er regelmäßig bei Shows und Veteranen-Treffen vorführt, und fährt sportliche Oldie-Trials, also langsames Motorradgeturne durch schweres Gelände mit allerengster Kurverei, bei dem es nicht um Schnelligkeit geht, sondern allein darum, die Füße auf der Maschine zu lassen. Wer den Boden berührt, kassiert Strafpunkte.

Antiquitätenliebhaber haben oft wenig übrig für Zeitgenössisches. Gerken auch. Er könne nicht verstehen, dass Leute heute 200-PS-Motorräder kaufen und Tempo 300 fahren wollen „auf den schlechten Straßen und bei dem Verkehr! Das geht nicht mal mehr auf der Autobahn“, brummt er.

Gerkens Werkstatt ist eine freie, er ist kein offizieller BMW-Partner, wenngleich er, wie er sagt, zu 95 Prozent BMW restauriert und repariert. Seine Kunden kommen aus ganz Skandinavien und Norddeutschland — es gibt nicht mehr viele Schrauber, die können, was er und seine drei Mechaniker Philip Assmann, Lars Piepcorn und Rainer Saggau können.

Sammler schleppen mit glänzenden Augen vergammelte Scheunenfunde an, Rostlauben mit Moos an der Kette und Ameisen im Tank. Für meist fünfstellige Summen glänzen die Wracks nach ihrer Kur in Rethwisch auch wieder. Blitzsauber. Gerkens hat Feinmechaniker gelernt, Feinstmechaniker für Büromaschinen. Das kommt ihm bei der Arbeit an dem angejahrten Schwermetall durchaus zupass, denn selbst die technisch durchaus grob gestrickten Maschinen nehmen grobmotorische Behandlung übel.

Zwar gebe es für die wirklich alten Motorräder praktisch keine Ersatzteile mehr, aber man könne alles reparieren und notfalls auch mal ein Zahnrad nachmachen, wenn ein Getriebe hin sei, sagt der Werkstattinhaber. Gern baut er auch Magnetzündungen in die alten Modelle, die einst mit Batterie liefen, weil dies praktischer und alltagstauglicher sei — wenngleich nicht im Sinne ehrlichen Denkmalschutzes. „Aber das sieht keiner“, sagt er Gerken zu seiner Verteidigung, „wenn man etwas sehen würde, dann wäre das wie Leichenschändung.“

Seit 16 Jahren führt Gerken die Werkstatt in einem früheren Bauernhof. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht und der 60-Jährige ist stolz auf das Erreichte. Bei all seinem Selbstbewusstsein ist aber mitzuhören, dass er „seinem“ Hersteller, BMW, gram ist. Mit den neuesten elektronischen Messgeräten, die die Mechaniker zum Reparieren der BUS- und CAN-Bus gesteuerten Maschinen benötigen, versorgt BMW nur Vertragshändler, keine freien Werkstätten. „Die neuen Wasserboxer fasse ich nicht an“, sagt Gerken — was heißt, dass er die wassergekühlten Boxermotoren der letzten Generation nicht reparieren kann.

Aber solange es immer mehr Oldtimer-Freunde gibt und kühle Rechner, die sich zweirädrige Veteranen als Geldanlage und extravaganten Wohnzimmerschmuck zulegen, brauchen sich die Mechaniker keine Sorgen zu machen.

Jürgen Adamek

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