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Stormarn Er rückte Läusen auf den Pelz
Lokales Stormarn Er rückte Läusen auf den Pelz
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18:10 24.01.2018
Kreisarchivar Stefan Watzlawzik, Susanne Bieler-Seelhoff vom Kieler Bildungsministerium, Henning Görtz, Gudrun Kühl und Angela Behrens (v. l.) stellten die restaurierten Dokumente zu Johann Heinrich Ludwig Flögel vor.
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Bad Oldesloe

Wer an seinen Pflanzen eine Johannisbeeren-Blattlaus sieht, geht hin und spritzt was auf sie drauf. Johann Heinrich Ludwig Flögel (1834–1918) ging hin und legte sie unter das Mikroskop. Anschließend schrieb der Wissenschaftler aus Ahrensburg seinen preisgekrönten Aufsatz „Monographie der Johannisbeeren-Blattlaus“ darüber. Die Laus war nicht das einzige Objekt seiner Untersuchungen, der große Forscher des 19. Jahrhunderts, der Schreiber des Amtes Reinbek war und einen Ehrendoktor der Universität Kiel besaß, hat die weltweit erste Fotografie einer Schneeflocke gemacht, das Gehirn einer Küchenschabe als Querschnitt abgebildet, Fluggeräte entworfen und sich wie ein zweiter da Vinci auf vielen weiteren Forschungsgebieten als Wissenschaftler einen Namen gemacht.

Der Nachlass des Forschers Johann Heinrich Ludwig Flögel aus Ahrensburg liegt in den Archiven des Kreises und der Stadt Ahrensburg. Jetzt konnte er aus Mitteln des Landesprogramms zur Erhaltung des Kulturgutes restauriert und digitalisiert werden. Damit wird er für alle zugänglich.

Sein Nachlass mit zahlreichen Karten, Zeichnungen, Schriften und Fotos liegt heute in den Archiven des Kreises und der Stadt Ahrensburg. Was zur Geschichte und Identität des Kreises gehört, wollen die Archivare aus der Vergessenheit holen und wieder allgemein zugänglich machen. Deshalb bewerben sie sich seit 2011 jährlich um Landesmittel aus dem Programm zur Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes. Damit möchte das Land Schleswig-Holstein den Erhalt einmaligen Schriftgutes fördern, das sonst verloren ginge.

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2017 gab es für die Flögel-Unterlagen 2750 Euro Zuschuss für die Aufarbeitung, weitere Fördermittel fließen in die Digitalisierung von Kreistagsprotokollen (15000 Euro) und die Restaurierung von Altbestand (30000 Euro). Restauriert wurden die Unterlagen von Gudrun Kühl in ihrer Werkstatt in Hamburg. „Es gilt, Schimmel- und Ungezieferbefall zu reparieren, Falten zu glätten und Risse und Schäden zu beheben, um die Informationen wieder zugänglich zu machen“, erklärte sie ihre Arbeit. Gestern wurden die restaurierten Archivalien zu Flögel öffentlich vorgestellt.

„Wir haben über die Jahre schon viele Fördermittel vom Land für die Restaurierung von Kulturgut bekommen", erklärte Landrat Henning Görtz. „Wir wollen unsere Bestände nicht nur lagern, sondern sie zur digitalen Nutzung zur Verfügung stellen“, ergänzte Stefan Watzlawzik, Leiter des Kreisarchivs Stormarn. So habe Flögel beispielsweise eine Karte des Wetterereignisses Hagelschlag in Glinde am 23.

Mai 1853 hinterlassen sowie Zeichnungen zur Saline in Bad Oldesloe oder des Planetensystems, die für die Forschung hochinteressant seien. „Unter den Materialien sind auch einige skurrile Sachen wie die Zeichnung der ersten Nähmaschine in Reinbek mit einem Nähmuster oder ein Inventar des 20-Jährigen, in dem er festhält: eine weiße Unterhose, an Adolf verschenkt.“

„Adolf war der Bruder“, weiß der Flögel-Biograf und ehrenamtliche Archivmitarbeiter Bernd Reher aus Ahrensburg, „und die weiße Unterhose war ein Geschenk seiner Mutter.“ Flögel war verheiratet und hatte zwei Kinder, heute vor 100 Jahren starb er in Ahrensburg. Zu Lebzeiten war der Gelehrte Mitglied in zahlreichen internationalen wissenschaftlichen Gesellschaften. Susanne Bieler-Seelhoff, Leiterin der Kulturabteilung im schleswig-holsteinischen Bildungsministerium, sieht in Flögel ein Beispiel für den Wert des Kulturgutes. „Auch Schriftgüter sind Denkmale, die man für die Nachwelt erhalten muss“, sagte sie. Seit 2013 seien in Stormarn 59 Projekte mit insgesamt 320 000 Euro gefördert worden. Zehn Prozent der Kosten übernimmt die Kommune. „Archivalien erzählen die Geschichte der Region, das trägt zu ihrer Identität bei.“ Ziel sei es, so Ahrensburgs Stadtarchivarin Angela Behrens, die Dokumente im Internet zugänglich zu machen, um damit einen Pool für Forschungsgemeinschaften, aber auch für interessierte Laien zu bieten. „Die Materialien zu Flögel erzählen die Geschichte eines Forscherlebens im 19. und 20. Jahrhundert." Im Mai gibt es eine Austellung zu Flögel in Ahrensburg, nach dem dort eine Straße benannt wird.

Von Bettina Albrod