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Stormarn Erstaufnahme kümmert sich um mehr kranke Flüchtlinge
Lokales Stormarn Erstaufnahme kümmert sich um mehr kranke Flüchtlinge
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14:25 30.11.2016
Bad Oldesloe

Beide Organisationen übernehmen – finanziert aus Kreismitteln – für die ersten beiden Wochen die Betreuung der Menschen, wenn sie in die Kommunen verteilt werden.

Dabei bekommen die ankommenden Asylsuchenden Hilfe durch Sprach- und Kulturmittler. Ein Ergebnis, das besonders die Diakonie hervorhebt: Zusätzlich zu dem einheitlichen Kreiskonzept, das die Kommunen entlasten soll, sei für die weitere Betreuung von Flüchtlingen im Asylverfahren ein weiteres Konzept wünschenswert. „Anliegen von Flüchtlingen aus anderen Kommunen, Unterstützungsanfragen aus Kommunen bei Flüchtlingen mit multiplen Problemlagen und von ehrenamtlichen Unterstützern verdeutlichen aus unserer Sicht einen Handlungsbedarf“, erklärt die Leiterin der Migrationssozialarbeit der Diakonie, Kirstin Schwarz-Klatt. Die Diakonie betreut mit ihren drei Sprach- und Kulturmittlern den Norden Stormarns sowie die Städte Bargteheide und Ammersbek.

Allein 94 neue Flüchtlinge wurden in der Zeit vom Juni bis zum 15. November während ihrer ersten beiden Wochen umsorgt. Weitere Betreuungsleistungen über diesen Zeitraum hinaus seien noch nicht erfasst worden. Dies werde aber geschehen, um die Arbeit vollständig abbilden zu können.

Bei der Awo ist es ein sechsköpfiges Team, das sich in den ersten zwei Wochen kümmert. Von Januar bis Oktober betreuten sie insgesamt 737 Personen. Dafür haben sie sogar Sprechstunden in den betreuten Kommunen und Ämtern eingerichtet, unter anderem in Reinbek, Glinde, Trittau, im Amt Siek und Großhansdorf.

Dort gibt es ebenfalls eine medizinische Sprechstunde. Ähnlich wie die Diakonie betont auch die Awo, dass sich die Schwerpunkte der Sprach- und Kulturmittler verändern. Ein Hauptschwerpunkt sei nach wie vor die Unterstützung der Geflüchteten bei Behördenangelegenheiten. Darüber hinaus stelle das Thema Gesundheit aber einen weiteren großen Schwerpunkt dar. Der Bedarf an sofortiger ärztlicher Versorgung bei mehrfach erkrankten Flüchtlingen sei gestiegen. Die Mitarbeiter des Awo-Teams würden mittlerweile auch verstärkt hinzugezogen, wenn es um Konflikte innerhalb der Unterkunft und um Radikalisierung ginge.

Die Festnahme der drei jungen terrorverdächtigen Syrer aus dem Kreis Stormarn im September dieses Jahres habe dazu geführt, dass die Sprach- und Kulturmittler verstärkt eingebunden seien, wenn es um den Verdacht auf Radikalisierung ginge. Bürger riefen an, Flüchtlinge seien beunruhigt, Ehrenamtler verunsichert. „Oft geht es aber nur darum, die Bedenken zu zerstreuen“, erklärt Johannes Dahmen, Regionalkoordinator Flucht und Asyl bei der Awo.

Eine besonders gefährdete Gruppe, so die Diakonie des Kirchenkreises, seien junge Geflüchtete unter 27 Jahren. Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen, fehlende religiöse Angebote für junge Muslime, persönliche Krisen sowie Perspektivlosigkeit würden sie besonders anfällig für radikal salafistische Gruppierungen machen.

Diese böten ihnen unter anderem Gemeinschaftsgefühl, Geborgenheit und Halt sowie eine Orientierung an klaren konservativen Rollenbildern.

In der sozialen Flüchtlings-Betreuung und Beratung müssten mit den verschiedenen Unterstützungsangeboten insbesondere junge Flüchtlinge erreicht werden. Durch gesetzliche Vorgaben und asylrechtliche Entscheidungen seien jedoch Grenzen insbesondere bezüglich der Entwicklung einer Lebensperspektive gesetzt. Dies stünde im Widerspruch zu einer präventiven sozialen Arbeit, geht aus der Bilanz der Diakonie hervor.

Darin heißt es auch, dass häusliche Gewalt, bei Familien oft einhergehend mit Kindeswohlgefährdung, zunehmend ein Thema sei. Zudem Trennungen, da immer stärker Geschlechterrollen hinterfragt würden.

Nicht zu vergessen seien die psychischen Folgen, die der Krieg in ihrem Heimatland sowie die lange Flucht verursachen würden. Viele seien stark traumatisiert.

Wenn sich dann noch herausstelle, dass ihre Wünsche, wie eine eigene Wohnung, nicht erfüllt werden können, sei ein sensibler Umgang nötig, da es manchmal zu Aggressionen und Wut komme – auch nach der Erstbetreuung. Die Kommunen, so Kirstin Schwarz-Klatt, würden dann um weitere Unterstützung bei der Diakonie nachfragen.

2570 Asylbewerber leben derzeit im Kreis Stormarn. 1039 Personen sind allein in diesem Jahr vom Landesamt für Ausländerangelegenheiten auf den Kreis verteilt beziehungsweise angekündigt worden. 201 davon haben mittlerweile eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, 25 sind mittlerweile wieder ausgereist. Die Flüchtlinge kommen in erster Linie aus folgenden Ländern: Afghanistan (39 Prozent), Syrien (29 Prozent) und dem Irak (13 Prozent). Die Zahl der Abschiebungen ist noch nicht bekannt, freiwillig reisten 161 Menschen wieder aus.

 K. Kuhlmann-Schultz

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