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Stormarn Delara Burkhardt: „Ich mach mein eigenes Ding“
Lokales Stormarn Delara Burkhardt: „Ich mach mein eigenes Ding“
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08:00 15.05.2019
Delara Burkhardt tritt für die SPD zur Europawahl an. Quelle: hfr
Bad Oldesloe

Willy Piecyk (SPD) war der bislang einzige EU-Parlamentarier aus dem Kreis Stormarn. Quasi in seine Fußstapfen könnte nun Delara Burkhardt (26) ebenfalls von der SPD treten. Die junge Frau wohnt zwar mittlerweile in Kiel, stammt jedoch aus Siek und hat mit Listenplatz fünf das Ticket nach Brüssel quasi sicher.

In Schleswig-Holstein unterlag sie zwar bei der Wahl zum Spitzenkandidaten Enrico Kreft aus Lübeck, die Jusos schafften es jedoch, ihre stellvertretende Bundesvorsitzende so weit vorne zu platzieren. Kreft erhielt dagegen nur Platz 30 und hat damit nur geringe Chancen auf das EU-Parlament. Insgesamt werden aus Deutschland 96 Abgeordnete gewählt, jeder einzelne vertritt rund 860.000 Menschen.

Trotz der etwas unglücklichen Wahl entschieden sich Delara Burkhardt und Enrico Kreft, gemeinsam Wahlkampf für die SPD zu machen. Auf Plakaten für die Europawahl sind beide zusammen abgebildet. Im Interview erklärt die 26-Jährige, wie es zu ihrer Kandidatur kam und was sie in Brüssel erreichen möchte.

Sie sind 26 Jahre alt und kommunalpolitisch in Stormarn bislang kaum in Erscheinung getreten. Was befähigt Sie für das EU-Parlament?

Ich mache seit über zehn Jahren Politik. Das Europaparlament ist übrigens kein Kreistag. Die Erfahrungen sind nur begrenzt übertragbar. Meine Erfahrung und mein Netzwerk umfassen nicht nur Schleswig-Holstein, sondern das gesamte Bundesgebiet. Zudem mache ich seit vielen Jahren internationale Arbeit. Im Europaparlament muss man sich gut und schnell in komplexe Themen einarbeiten können, man muss in der Lage sein, mit unterschiedlichsten Menschen gut zu kommunizieren. Und man muss bereit sein, sehr hart und lange zu arbeiten. All das bringe ich mit.

Gab es einen Schlüsselmoment für Ihre Kandidatur? Wie kam es dazu?

Das war eine relativ spontane Entscheidung. Ich habe einen tollen Job und den wollte ich weitermachen. Vor einem Jahr aber etwa, als über die Große Koalition debattiert wurde und die Jusos von einer der größten Krisen der Sozialdemokratie gesprochen haben, kam bei mir der Entschluss, Verantwortung für eine Änderung der SPD zu übernehmen. Gleichzeitig gab es in Europa ein Erstarken des Rechtspopulismus, wobei mich genervt hat, dass wir immer nur reagiert haben. Das war mir nicht genug, ich bin in einem Europa aufgewachsen, das immer zusammenstand. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir in der 2. Klasse das Euro-Buch bekommen und das Euro-Zeichen geübt haben. Wir konnten einfach nach Dänemark über die Grenze fahren, das war alles selbstverständlich.

Was wollen Sie konkret ändern?

Mir reicht es nicht zu sagen, wir müssen Europa schützen. Wir müssen wieder klar machen, was Europa eigentlich sein soll. Ein großer Widerspruch ist für mich, dass wir zulassen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, obwohl wir als Union dem Schutz von Menschenrechten verpflichtet sind. Die Rechtspopulisten wollen sich immer mehr abschotten, gleichzeitig sind viele Kommunen – auch in Schleswig-Holstein mit Kiel, Lübeck, Flensburg und Sylt – bereit, noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Daher steht im SPD-Wahlprogramm ein ganz praktischer Vorschlag, nach dem Kommunen gestärkt werden sollen, die Flüchtlinge aufnehmen wollen. Ein anderer Punkt betrifft die großen Konzerne wie Amazon und Google, die weniger Steuern zahlen als jeder Einzelhändler. Meine Lieblingsbuchhandlung in Großhansdorf zahlt einen größeren Anteil vom Gewinn als Amazon, das ist einfach ungerecht. Diejenigen, die Milliardengewinne auf unserem Kontinent einfahren, sollen ihren gerechten Anteil dazu beitragen, damit wir investieren können in die Infrastruktur, von der sie auch profitieren. Ich möchte Europa nicht nur verteidigen, sondern auch besser machen.

Diskussion in Ammersbek

Die Ammersbeker SPD lädt zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Europa – Frieden und Zusammenhalt sichern!” am Freitag, 17. Mai, um 19.30 Uhr ein. Ort: Gaststätte „Zum Dorfkrug”, Alte Landstraße 47, in Ammersbek. Ihr Kommen haben zugesagt der Staatsminister Niels Annen und Delara Burkhardt. Die Moderation übernimmt Franz Thönnes, Parlamentarischer Staatssekretär a.D. aus Ammersbek. Niels Annen ist profilierter Kenner der internationalen Politik und war bis 2018 außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Flüchtlingspolitik, soziale Gerechtigkeit, welche Schwerpunkte wollen Sie noch in Brüssel setzen?

Das ist auch die Friedenspolitik, die Frage, wir wie gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik machen. Wenn Putin und Trump Abrüstungsverträge aufkündigen, müssen wir als Europa zusammenhalten und als Vorreiter für Abrüstung auftreten. Eine weitere große Frage ist der Klimawandel. Auch dabei müssen wir an einem Strang ziehen. Bei der Energiewende darf niemand auf der Strecke bleiben, strukturschwache Regionen müssen dabei unterstützt werden.

Mit Listenplatz fünf haben Sie beste Aussichten, ins EU-Parlament einzuziehen. Haben Sie sich schon Ihr neues Büro angeguckt und gedanklich eingerichtet?

Im Moment bin ich quasi rund um die Uhr im Wahlkampf, den ich ja aus einem Ehrenamt starte und nicht aus einem Mandat heraus. Und als Juso-Spitzenkandidatin bin ich auch bundesweit unterwegs. Dazu kommen Mails, Anfragen und sogar Bewerbungen. Was nachher in Brüssel kommt, ist momentan noch weit weg. Möbel sind noch nicht bestellt.

Wahlkampf ist ein gutes Stichwort. Wie sieht gerade Ihre Woche aus?

Gefühlt bin ich seit einem Jahr im Wahlkampf, seit Dezember gibt es immer wieder externe Termine. Mittlerweile habe ich auch hauptamtliche Unterstützung aus der Partei, und wir dürfen ein Auto der SPD nutzen für die Termine. Ich bin viel auf Schuldiskussionen und Podien, treffe mich aber auch mit Verbänden, Vereinen und Gewerkschaften, um deren Vorstellungen und Ziele kennenzulernen und mit nach Europa zu nehmen. Dazu bin ich dann auch bundesweit für die Jusos unterwegs, weil ich auch das Gesicht unserer Jugendkampagne bin. Außerdem gibt es einige Termine im Ausland, Tschechien und Österreich zum Beispiel.

Haben Sie sich vorher Tipps geholt, wie man so einen Wahlkampf gestaltet? Von Frau Barley, Herrn Schulz oder Frau Nahles zum Beispiel?

Nö, ich mach mein eigenes Ding. Ich bin seit zehn Jahren in der SPD und habe schon einige Wahlkämpfe mitgemacht. Und als junge Kandidatin für Europa gibt es gar nicht so viele Vorbilder, deswegen finde ich da gerade meinen eigenen Weg. Gerade bei Social Media bin ich sehr aktiv. Das ist alles sehr spannend, und ich lerne viel dazu. Mir ist auch wichtig, dass ich viel rausgehe und nicht nur auf SPD-Veranstaltungen bin.

Wie laufen die Schuldiskussionen ab? Was sind da die großen Themen?

Ziemlich eindeutig die Upload-Filter und die Klimaschutz-Frage und vor allem auch die Migrationspolitik. Mein Gefühl ist, dass die Empathie für die Flüchtlinge unter den jungen Leuten sehr groß ist.

Also verfängt der Rechtspopulismus der AfD nicht bei den Schülern?

Nein, wenn die AfD da ist, sind die Schüler selber dabei, die Kandidaten zu zerlegen. Ich selbst will mich gar nicht so abarbeiten an denen, sondern eigene Themen setzen.

Warum sind Sie eigentlich politisch aktiv geworden?

Das kam durch die Bildungsstreiks in Schleswig-Holstein, als gegen G8 demonstriert wurde. Kurz danach bin ich in die SPD eingetreten, ich finde mich da einfach wieder. Jetzt ist es ähnlich bei den Fridays-for-Future-Demos. Das ist unheimlich cool zu sehen, wie da eine ganze Generation aufwacht und mitreden will. Lange galt sie als politikverdrossen, doch die jungen Leute glauben an unsere Demokratie. Sie gehen vor Rathäuser und Parlamente und weisen uns darauf hin, dass wir unsere eigenen Ziele einhalten sollen.

Wie stehen Sie zu den Friday-for-Future-Demos? Ist es für Sie in Ordnung, wenn die Schüler steiken und die Schule schwänzen?

Absolut! Und ich finde dieses Abarbeiten daran, dass sie das tun, auch sehr spannend. Denn es zeigt, dass man lieber darüber redet, dass sie zur Schule gehen sollen anstatt sich mit ihren Zielen auseinanderzusetzen. Ich habe das selbst gemacht, ich finde, Streik ist ein legitimes Mittel. Wenn man das in seiner Freizeit macht, würde das nicht den gleichen Effekt haben. Allerdings zeigen die Schülerinnen und Schüler auch, dass es ihnen nicht nur ums Streiken geht, schließlich waren sie auch am Karfreitag auf der Straße. Die SPD fordert in diesem Zusammenhang ja auch schon länger, das Wahlalter für die Europawahl auf 16 zu senken.

Delara Burkhardt bei einer Veranstaltung dieser Tage in Kiel. Quelle: hfr

Gab es schon überraschende Erlebnisse im Wahlkampf? Gab es etwas, womit Sie gar nicht gerechnet hatten?

Es ist das permanente Überraschen, wenn ich irgendwo in den Raum komme oder vor einem Supermarkt stehe und sage, dass ich Kandidatin der SPD bin. Dann sind alle erstmal erstaunt, weil sie nicht mit einer 26-Jährigen rechnen. Die Reaktionen sind durchweg positiv, das macht mir Spaß.

Hier in Stormarn geben sich gerade Politiker die Klinke in die Hand. Gefühlt gab es vor einer Europawahl noch nie so viele Veranstaltungen. Täuscht das?

Das täuscht überhaupt nicht. Auch bei der SPD wurden zum Beispiel noch nie so viele Materialien bestellt. Ich glaube, der Brexit hat dazu geführt, dass sich viele Leute Sorgen machen, aber zugleich auch gemerkt haben, dass die einfachen Antworten der Rechtspopulisten auch keine Lösung darstellen. Die Mehrheit der Menschen ist für Europa. Daher hoffe ich auf eine hohe Wahlbeteiligung.

Brexit ist ein gutes Stichwort. Wie lange wird Großbritannien noch der EU angehören?

Das ist sehr schwierig zu beantworten. Der Ball liegt bei der britischen Regierung. Die EU-Staaten haben geschlossen ein faires Abkommen ausgehandelt. Aber Premierministerin Theresa May hat überhaupt keine Kontrolle über die Regierung. Und wenn man dort keine Lösung findet, muss man noch mal die Bevölkerung mit einem zweiten Referendum befragen.

Markus Carstens

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