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Stormarn Flüchtlingshilfe: Immer weniger machen mit
Lokales Stormarn Flüchtlingshilfe: Immer weniger machen mit
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18:10 07.07.2018
Margit Hegenbart-Herrmann (v. l.), Rainer Wagner und Ulrike Meyborg suchen Unterstützer für die Teestube und andere Projekte. Quelle: Foto: Albrod
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Bargteheide/Reinfeld

Drei Jahre später hat sich das Bild gewandelt. Von einst 220 Helfern in Bargteheide und im Amt Bargteheide-Land sind noch 60 bis 70 übrig. „Die Leute haben sich sehr engagiert und sind jetzt zum Teil ausgebrannt“, erklärt Margit Hegenbart-Herrmann, Vorsitzende des Vereins „Bunte Vielfalt“ in Bargteheide. „Die anfängliche Euphorie hat sich gelegt. Ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe ist ein Ganztagsjob.“ Allmählich machten sich auch die Unterschiede in den Kulturen bemerkbar, ergänzt Ulrike Meyborg, zuständig für Flüchtlingskoordination in Bargteheide und beim Amt Bargteheide-Land. „Beispielsweise klappt es beim Thema Pünktlichkeit nicht. Wenn man sich in Deutschland verabredet, hält man die Zeit ein, das ist in den Herkunftsländern ganz anders.“ Zudem seien enge Freundschaften entstanden und abrupt zu Ende gegangen, wenn die Familie nicht anerkannt wurde und gehen musste. Das habe viele sehr getroffen.

„Auch das Thema Arbeiten wird von den Flüchtlingen anders gehandhabt“, ergänzt Margit Hegenbart-Herrmann. „Viele kennen keine Ausbildung. Man arbeitet, dann hört man auf und lebt, und wenn das Geld ausgegeben ist, fängt man wieder an zu arbeiten.“ Das Konzept von Ausbildung und durchgehender Berufstätigkeit müsse erst vermittelt werden.

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Schließlich sind auch Helfer weggeblieben, die Deutsch unterrichtet haben, denn mittlerweile gibt es dafür eigene Sprachklassen. Darüber hinaus hätten die langsamen Wege der Behörden den einen oder anderen der Geflohenen zur Verzweiflung getrieben – und auch die Helfer. „Es kam zu Enttäuschungen auf beiden Seiten.“ Ulrike Meyborg vergleicht die ehrenamtliche Arbeit mit einem Marathon-Lauf: „Die Sprinter sind ausgeschieden“, sagt sie, „die mit dem langen Atem sind geblieben.“

Denn nach wie vor sei die Arbeit mit Flüchtlingen eine wertvolle Aufgabe, mit der man viel Gutes tun könne. 530 Menschen hat sie auf der Liste, darunter 390 Anerkannte. Die müssten eigentlich aus den Anfangsunterkünften ausziehen, aber das ist in Stormarn nicht einfach. „Wohnraum ist teuer“, sagt Ulrike Meyborg. „Die Mieten kann sich von den Flüchtlingen keiner leisten, also bleiben sie in den Unterkünften.“ Die seien aber oft eng und nicht bedarfsgerecht. Auf der anderen Seite stünden auch viele Erfolgserlebnisse, wenn Flüchtlinge Ausbildungsplätze oder Arbeit bekommen haben. „Dadurch brauchen sie die Hilfe nicht mehr und möchten allein klarkommen“, hat Margit Hegenbart-Herrmann beobachtet. „Dann fühlen sich die Helfer nicht mehr gebraucht.“

Doch die Hilfe ist weiter nötig. Bleibe sie aus, so Ulrike Meyborg, führe das zur Abkapselung der Flüchtlinge und über kurz oder lang zu Aggressionen. Um weiter Helfer zu motivieren, könne man deren Stundenzahl reduzieren. „Man muss keine Patenschaft übernehmen, die einen stark beansprucht“, erklärt Ulrike Meyborg. „Es hilft sehr, wenn man einmal die Woche ein, zwei Stunden Schularbeitenhilfe gibt, einmal beim Antrag-Ausfüllen hilft oder Arztbesuche begleitet. Dann ist die Belastung nicht so groß.“

In Reinfeld arbeitet Pastorin Christina Duncker bei der Flüchtlingsbetreuung mit der Kirchengemeinde Zarpen zusammen. „Die Bereitschaft bei den Ehrenamtlichen ist ungebrochen da, aber die Geflüchteten sind nun schon viel besser orientiert“, erklärt sie. Der Kirchengemeinde gehe es um Hilfe zur Selbsthilfe und nicht ums Babysitten. „Die Ehrenamtlichen sind aber sofort wieder da, wenn Hilfe notwendig ist.“ Für die Zukunft wünscht sich Pastorin Duncker mehr Begegnungen und dass auch die Geflüchteten sich mehr in die Gesellschaft einbringen. „Zum Beispiel könnten sie selber ein Fest ausrichten oder uns ihre Kultur verständlich machen. Wir werden weiterhin zwei Feste für die Geflüchteten und die Altbürger ausrichten: Das Fest der Begegnung und die Adventsfeier.“

Von Bettina Albrod

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