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Stormarn Ford Mustang springt nach 41 Jahren an
Lokales Stormarn Ford Mustang springt nach 41 Jahren an
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14:23 14.04.2019
Ulrike und Jürgen Kaldewey sind glücklich: Mehr als vier Jahrzehnte war ihr Ford-Mustang dazu verdammt, in einer Scheune auf bessere Zeiten zu warten. Jetzt läuft der Straßenkreuzer wieder. Quelle: Petra Dreu
Seedorf

Bruce Willis fährt ein 1968er Modell, Amerikas Alt-Präsident Bill Clinton hegt und pflegt einen 1967er und Skandal-Schauspieler Charly Sheen hat gleich zwei aus den Baujahren 1966 und 1968 in der Garage stehen: Wie unzählige Liebhaber betagter Automobile auf der ganz Welt sind sie Mustang-Fans. Der Seedorfer Jürgen Kaldewey konnte ebenfalls einen Ford Mustang Baujahr 1966 sein Eigen nennen.

Prostituierte hatte ihn einem Freier abgenommen

Den damals zehn Jahre alten Mustang hatten Jürgen und Ulrike Kaldewey 1976 in Berlin einer Prostituierten abgekauft. „Sie hatte eine Zeitungsannonce geschaltet. Das Fahrzeug hatte sie einem Freier abgenommen, der offenbar Schulden bei ihr angehäuft hatte. Da hat sie offenbar kurzen Prozess gemacht“, erzählt Ulrike Kaldewey, die mit ihrem Ehemann die Vorliebe für alte Autos teilt.

Der Oldie bescherte ihm nun ein ganz besonderes Erfolgserlebnis: Nur wenige Handgriffe genügten und der V8-Motor röhrte laut auf – und das, obwohl der Flitzer 41 Jahre lang keine Straße mehr unter sich gesehen hatte.

Mehr als vier Jahrzehnte stand der Ford-Mustang in einer Scheune. Hier ein paar Eindrücke des amerikanischen Kultautos.

„Ich habe mit allem gerechnet, damit aber nicht“, erzählt Jürgen Kaldewey mit Blick auf den Oldtimer, der immerhin 145 Pferdestärken und einen 4,7 Liter Hubraum unter der Haube hat. Über Jahrzehnte fehlte ihm die Zeit, sich dem Oldtimer zu widmen, der 12 bis 20 Liter verbraucht, aber schon so lange nicht mehr fahrbereit war. Vor wenigen Wochen jedoch war die Zeit reif. Ulrike Kaldewey rückte mit einer Armada aus Staubwedeln an, entfernte die dicken Staubschichten und ihr Mann legte los.

Er machte den Vergaser des wieder gangbar, stellte einen Benzinkanister mit Bleizusatz auf den Kotflügel und legte eine Leitung zur Benzinpumpe. „Von einer Zündkerze war ein Isolator abgebrochen. Den habe ich durch einen anderen alten ersetzt und der Mustang sprang wieder an, als hätte er nie etwas anderes gemacht“, freut er sich immer noch. Die Ehre der ersten Spritztour auf dem eigenen Grundstück überließ er seiner Frau. Anschließend ließen sich beide den Wind in dem Cabriolet um die Nase wehen.

Dabei kamen Erinnerungen hoch, schließlich ist der Ford Mustang nicht irgendein Auto, sondern Kult. „Seine Form, die klare und schlichte Linienführung hat die Leute berührt. Als er im April 1964 auf den Markt kam, haben die Käufer Schlange gestanden. Manche Händler haben sogar ihre Schaufenster verrammelt, weil sie Angst hatten, dass ihre Verkaufsräume gestürmt werden“, erzählt Jürgen Kaldewey. Ein Mustang-Käufer hatte sogar Angst, dass ein Händler das bereits von ihm gekaufte Auto zu einem höheren Preis an einen anderen Kunden verkaufen konnte. Deshalb habe er im Schaufenster des Autohauses übernachtet.

Im Sammelfieber

Die Sammelleidenschaft von Jürgen Kaldewey ist groß. Besonders alte Technik und außergewöhnliche Gegenstände wie ein Tonnen-Schreibtisch, den der Möbelfabrikant Alfons Mauser in den 50er Jahren aus Stahlblech entwickelt hat, lassen sein Herz höher schlagen. Er hat eine umfangreiche Sammlung alter Juke-Boxen zusammengetragen und sogar einen „Novag Robot Adversary“, nach Angaben Kaldeweys einer der seltensten und begehrtesten Schachcomputer der Welt, gehört zu seinem Fundus. Seit 25 Jahren sammelt der Seedorfer Kommunalpolitiker zudem die Printausgaben der Lübecker Nachrichten, von denen nicht eine Ausgabe fehlt.

Aktuell arbeitet Kaldewey an einer Motorrad-Rarität, einer Zündapp KS 601 aus dem Jahr 1954, die als „Grüner Elefant“ bei einem „Elefantentreffen“ auf dem Nürburgring in die Geschichte eingegangen ist. Und dann wartet noch ein als „Adenauer“ bekannter Mercedes 300 B darauf, wieder auf Vordermann gebracht zu werden. Jürgen Kaldewey hofft natürlich, dass dieser genauso schnell anspringt wie der 66er Mustang.

Ein Mauser-Tonnenschreibtisch im Wohnzimmer der Kaldeweys ist eine weitere Rarität. Entwickelt wurde er in den 50-er Jahren von Alfons Mauser aus Stahlblech. Quelle: Petra Dreu

Neue Heimat Bremerhaven

Beseelt durch den schnellen Start des Motors und der ersten Spritztour hatte Jürgen Kaldewey vorgehabt, den Oldtimer fit für den TÜV zu machen. Dazu jedoch kam es nicht mehr. Nur drei Tage nach dem Besuch der Lübecker Nachrichten war ein Käufer aus Bremerhaven auf die Annonce des Mustangs bei Ebay-Kleinanzeigen aufmerksam geworden. Einen Tag später kam er mit einem Anhänger nach Seedorf und holte ihn ab. „Ich wollte noch am Bodenblech etwas schweißen. Das wollte er aber gar nicht und hatte dafür einen besonderen Grund“, verrät Jürgen Kaldewey. Der Mustang sollte ein Geburtstagsgeschenk von ihm und seinen Geschwistern für den eigenen Vater sein, der kurz vor der Rente steht. „Die Geschwister sind zu dem Schluss gekommen, dass der Vater den ganzen Tag im Haus nicht auszuhalten sei. Zu ertragen sei er nur in der Garage und dafür brauche er Aufgaben“, gibt Jürgen Kaldewey das Gespräch mit dem Käufer wieder.

Der Mustang –ein Erfolgsmodell

Am 17. April 1964 war der Verkaufsstart für den Mustang. Am Ende des Tages gab es bereits 22000 Bestellungen.

Mit dem Mustang hat es Ford geschafft, ein junges und sportliches Publikum anzusprechen. Sowohl mit seinen Sechszylindermotoren als auch mit den noch leistungsstärkeren V8-Motoren war er prädestiniert für die Suche nach der großen Freiheit. Kein anderes Auto wurde so oft in Spielfilmen gefahren. Im Thriller „Bullitt“ mit SteveMcQueen übernahm er sogar die Hauptrolle. Legendär ist seine Verfolgungsjagd zwischen den Häuserschluchten von San Francisco, die zu einem Meilenstein der Filmgeschichte wurde. Als Cabrio-Version war er unter anderem in „Der Gendarme von Saint Tropez" und im James-Bond-Streifen „Goldfinger" zu sehen.

Auch wenn die heutigen Mustang-Modelle nicht mehr viel mit denen der Anfänge zu tun haben, ist das Kultauto ein Erfolgsmodell, das den Automobilhersteller Ford in den 60er Jahren aus einer wirtschaftlichen Schieflage gerettet hat. Im August 2018 lief in Dearborn im US-Bundesstaat Michigan der immerhin 10-millionste Ford Mustang vom Band.

Petra Dreu