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Stormarn Zum Schutz der Bienen: Imkerverein verteilt Wildkräutersamen
Lokales Stormarn Zum Schutz der Bienen: Imkerverein verteilt Wildkräutersamen
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11:01 24.04.2019
Iris Hartkopf und Eckhard Mayer vom  Imkerverein „An der Trave“ verteilen Samentütchen für Bienen- und Insektenweiden am Markttag in Bad Oldesloe.
Iris Hartkopf und Eckhard Mayer vom Imkerverein „An der Trave“ verteilen Samentütchen für Bienen- und Insektenweiden am Markttag in Bad Oldesloe. Quelle: Dorothea von Dahlen
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Bad Oldesloe

 Löwenzahn, vielleicht eine verirrte Rapspflanze – wer durchs Stormarner Land streift, findet kaum noch Wildkräuter an den Ackerrändern. Das versetzt Iris Hartkopf und ihre Mitstreiter vom Imkerverein „An der Trave“ Bad Oldesloe und Umgebung in große Sorge. Denn als engagierte Bienenhalter wissen sie nur zu gut, welch empfindliche Lücke das reißt. Denn mit dem Verschwinden der Wildblumen verschwinde auch die Nahrungsgrundlage für die meisten Insektenarten. Und das könne zum Bumerang für den Menschen selbst werden, warnen sie.

Blühende Pracht lockt Wildbienen und Schmetterlinge

„Dass es immer weniger Insekten gibt, ist ja inzwischen erwiesen. Für die Bestäubung von Pflanzen sind sie aber von unschätzbarem Wert. Gerade für Obst und Gemüse ist das wichtig. Deshalb wollen wir gegensteuern und möglichst viele Leute mit ins Boot holen“, sagt Vereinschefin Iris Hartkopf. Gemeinsam mit Eckhard Mayer aus Sandesneben verteilt sie Tütchen mit Wildkräutersamen auf dem Oldesloer Wochenmarkt. Damit setzen die Imker pünktlich zu Beginn der Gartenzeit ihre Aktion zur Rettung der Artenvielfalt fort. Ins Beet oder auf Balkonen ausgebracht, entwickelt sich aus dem Saatgut später eine blühende Pracht. Kontinuierlich sprießen neue Kräuter empor, sodass Wildbienen und Schmetterlinge bis zum Ende der Vegetationsperiode mit Pollen versorgt werden.

Steingärten sind tote Gärten

Blumenfreie Steingärten geraten in die Kritik, da sie kein Nahrungsangebote für Insekten aufweisen. Quelle: Dorothea von Dahlen

Nicht gerade förderlich für den Fortbestand der wild lebenden Arten sei der aktuelle Trend vieler Häuslebauer und Eigenheimbesitzer, Steine in ihren Gärten auszubringen statt sie zu bepflanzen, um kein Unkraut jäten zu müssen. „Damit helfen sie niemandem. Letztlich haben die Leute noch mehr Arbeit. Denn das Kraut kommt trotzdem später durch, selbst wenn sie eine Folie unter den Steinen ausbreiten“, sagt Iris Hartkopf. Doch gelte generell, dass Gärten heutzutage viel zu akkurat und peinlich sauber gepflegt seien, als dass Wildbienen dort einen geschützten Lebensraum fänden. Denn viele der 550 in Deutschland verbreiteten Arten nisteten in kleinen Sandhügeln oder legten ihre Brut in ausgeblühten Blattstängeln oder auch Hohlräumen in alter Baumrinde ab. Wer den Tieren etwas Gutes tun wolle, stelle idealerweise ein Insektenhotel mit vielen verschiedenen Schlupfwinkeln auf.

Wild und wunderbar

550 verschiedene Arten von Wildbienen kommen hierzulande vor. Anders als Honigbienen bilden sie keinen Staat, sondern sind als Einzelwesen unterwegs. Dennoch sind auch sie wichtig fürs Bestäuben von Obstbäumen und Gemüsepflanzen. Hier einige Beispiele:

Furchenbiene: Mit sieben und zehn Millimetern zählt dieses Exemplar zu den Winzbienen. Sie gräbt Erdgänge, nistet in Hohlräumen und wurde 2018 zur Wildbiene des Jahres auserkoren.

Blauschillernde Sandbiene: Der diesjährige Star seiner Spezies fühlt sich in strukturreichen Agrarlandschaften wohl und zählt zu den bedrohten Arten in Deutschland. Sie gilt als rasante Fliegerin und nistet Ihre Nester legen die Weibchen in selbstgegrabenen Hohlräumen von Löss-Steilwänden und in Sand- oder Lehmböden.

Hosenbiene:Sie zählt zu den weit verbreiteten Arten, wird 12 bis 15 Millimeter groß und besiedelt Sandgruben, aber auch Fugen zwischen Bodenplatten.

140 Jahre ist der Imkerverein „An der Trave“ im vergangenen Jahr alt geworden. Der Oldesloer Arzt Dr. Conrad Sonder gründete ihn im August 1878 mit vier weiteren Imkern. Derzeitige Vorsitzende ist Iris Hartkopf. Die Aktion „Blühende Stadt“ wollen die Mitglieder des Vereins auch an den nächsten Wochenenden fortsetzen.

Auch Hasen mögen Wildkräuter

„Unsere Honigbienen können ja wandern. Wir stellen die Kästen gezielt dort auf, wo es reichlich Blüten gibt. Die Wildbienen aber haben nur einen Flugradius von 50 bis 100 Metern“, erklärt die Expertin. Deshalb sei es so wichtig, ihnen ein möglichst flächendeckendes Nahrungsangebot zu schaffen. Welche Auswirkungen das grassierende Insektensterben habe, lasse sich schon daran erkennen, dass es auch immer weniger Singvögel gebe. Für ihre Jungen bräuchten sie besonders eiweißreiches Lebendfutter. Abgesehen von Insekten leide auch das Niederwild darunter, dass kaum noch Kräuter am Wegesrand wachsen. Die Hasenpopulation etwa gehe konstant zurück.

Bauern wollen Sonnenblumen säen

Die Imkerin ist froh, dass sie auch schon einige Landwirte davon überzeugen konnte, bei der Aktion mitzuwirken. An Standorten einiger Biogasanlagen wie in Blumendorf und jetzt auch in Pölitz hätten sich die Bauern, die Mais dafür anbauen bereit erklärt, Blühstreifen mit Sonnenblumen anzulegen. „Die Pflanzen blühen zum richtigen Zeitpunkt und versorgen die Wildbienen noch, wenn der Raps und alles andere schon durch ist. Und für die Landwirte ist es keine große Überforderung. Da Sonnenblumen einen großen Energiewert haben und ebenfalls in den Anlagen verarbeitet werden können“, sagt Iris Hartkopf.

Späte Blüte erschöpft die Nektarsammler

In Gesprächen mit den Bauern hat die Imkerin aber auch schon manches Missverständnis aufklären können. „Einige Maisbauern, die die Biogasanlagen beliefern, erzählten, dass sie ja schon sehr viel für Bienen tun, weil sie nach der Ernte sofort wieder aussäen. Aber ich konnte ihnen erklären, dass das den Honigbienen sogar schadet“, berichtet sie. Während sie im August zur Sonnenblumenblüte noch ein gutes Eiweißpolster sammeln müsse, so entspreche es dem natürlichen Rhythmus einer langlebigen Winterbiene, dass sie sich ab Oktober zurückziehe und das Nektarsammeln einstelle. Ab dann unternehme sie nur noch gelegentliche Ausflüge zum Eigenbedarf. „Wenn aber draußen noch so viel blüht, arbeitet sie sich quasi tot“, berichtet Iris Hartkopf aus eigener Erfahrung. An einem Standort in der Uckermark, an dem massiv Mais angebaut wird, hat sie zehn Völker aufgrund der künstlich verlängerten Vegetationsperiode verloren. Anderen Imkern erging es offenbar ähnlich.

Doch die Oldesloerin lässt sich nicht unterkriegen. Schon jetzt plant sie weitere Aktionen in Kindergärten und Schulen, will alte Bienenkästen zur Verfügung stellen, damit der Nachwuchs selbst Blühstreifen anlegen kann und auf spielerische Weise lernt, wie wichtig wild lebende Insekten für die Natur sind.

Dorothea von Dahlen

23.04.2019
23.04.2019