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Stormarn Immer mehr arme Kinder in Stormarn
Lokales Stormarn Immer mehr arme Kinder in Stormarn
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19:00 15.04.2019
Immer mehr Kinder leben in Stormarn in Armut. Quelle: dpa
Bad Oldesloe

Birgitt Zabel nutzte die große Bühne, um eines klar zu machen: „Wir haben schon einiges erreicht, aber es bleibt weiterhin eine Menge zu tun“, sagte die Vorsitzende des Kreisverbandes Stormarn des Kinderschutzbundes vor Kurzem im Kreistag, als sie mit der Ehrennadel des Kreises ausgezeichnet wurde. Zusammen mit Geschäftsführer Ingo Loeding kämpft Birgitt Zabel seit Jahren vehement gegen die Kinderarmut im Kreis, die so gar nicht ins wirtschaftsstarke Stormarn zu passen scheint mit einer Arbeitslosenquote von derzeit 3,1 Prozent.

Zur Unterstützung ihrer These hat der Kinderschutzbund nun seinen dritten Armutsatlas vorgelegt. Der belegt es schwarz auf weiß: In Stormarn gibt es immer noch mehr als 7000 Kinder, die in Armut leben oder von ihr bedroht sind. Die Kämpfer für die Kinder in Stormarn müssen also auch in diesem Jahr wieder rund 7000 Fähnchen vor dem Ahrensburger Schloss drapieren – als deutliches Mahnmal für die Schere zwischen Arm und Reich, die es auch in diesem Kreis gibt.

Kosten explodieren

„Kinderarmut in Deutschland und im Kreis Stormarn ist ein Phänomen, das auch neun Jahre nach Erscheinen unseres ersten Armutsatlas im Jahr 2009 nichts an Aktualität verloren hat“, sagt Geschäftsführer Ingo Loeding. Die neuesten Zahlen zeigten erneut, wie dringlich dieses Thema endlich angegangen werden muss.

Denn: Innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist die Zahl armer Kinder in Stormarn um mehr als 500 noch weiter angestiegen. Wie passt das zusammen mit der Vollbeschäftigung im Kreis? Loeding nennt mehrere Gründe: immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse, das heißt, der Lohn reicht kaum zum Leben; häufig seien Kinder von Alleinerziehenden betroffen oder kinderreiche Familien; zudem steigen bei stagnierenden Einkommen die Kosten immer weiter. „Das betrifft vor allem den Wohnbereich, also immer höhere Mieten, aber auch etwa die Schulkosten“, sagt Loeding. Mittlerweile müssten Eltern pro Schuljahr 300 bis 400 Euro für ihr Kind aufbringen – und dann zugleich bei Kleidung oder Essen sparen.

Umsonst ins Freibad

Weg von der Armut und hin zu Bildung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben: Für den Kinderschutzbund gibt es drei Punkte auf dem Weg dorthin. Zum einen sollten Ferienangebote kostenlos sein, sagt Loeding und sieht da die Kommunen gefordert. Für die Sommerferien schlägt er eine kostenlose Benutzung von Schwimmbädern am besten gleich für alle Kinder vor – Ahrensburg hat es da 2018 vorgemacht. Denn gerade diese Kinder würden aus Kostengründen nicht in den Urlaub fahren. Und Loeding fordert, dass die Ganztagsangebote an Schulen in Zukunft kostenfrei werden. „Meines Wissens nach gibt es nur in Glinde eine Schule ohne Gebühren.“

Bad Oldesloe trauriger Spitzenreiter

Der Kinderschutzbund Stormarn rechnet anders als das Statistische Bundesamt. Das kommt auf gut 4000 in Armut lebende Kinder, berücksichtigt aber lediglich die Kinder in den sogenannten Bedarfsgemeinschaften, also Hartz-IV-Empfänger. „Wir definieren Kinderarmut über die Leistungsberechtigten des Bildungs- und Teilhabepakets“, erklärt Loeding. Anspruch darauf haben neben den Beziehern von Sozialgeld auch die Empfänger von Wohngeld, Kinderzuschlag, Sozialhilfe und Leistungen für Asylbewerber.

Loeding: „Nach unseren Erhebungen und eigenen Recherchen haben wir berechnet, dass ein Aufschlag von 75 Prozent gerechnet werden muss, um eine realitätsnähere Vorstellung zu erhalten, wie viele Kinder im Kreis Stormarn tatsächlich in Armut leben. So kommt der Kinderschutzbund auf mehr als 7200 Kinder.

Die meisten Kinder in Armut im Kreis Stormarn leben demnach sowohl prozentual (33 Prozent) als auch in absoluten Zahlen in Bad Oldesloe. 1453 Kinder in der Kreisstadt gelten nach Definition des Kinderschutzbundes als arm. In Ahrensburg sind es 1045 Kinder (18,5 Prozent), in Glinde 905 (29,6 Prozent). Auffällig: Mehr als jedes fünfte Kind ist in Heidekamp, Heilshoop, Reinfeld und Badendorf auf Sozialleistungen angewiesen.

„In großen Teilen der Bevölkerung ist inzwischen angekommen, dass Kinderarmut im wohlhabenden Deutschland ein echtes Problem ist“, schreibt Birgitt Zabel im Vorwort des Armutsatlasses. So werden jedes Jahr zum Beispiel fast 550 Saisonkarten von Bargteheidern für Kinder für das Freibad gespendet. Kostenpunkt pro Karte: etwa 40 bis 50 Euro.

Aber auch in der Politik habe sich mittlerweile einiges getan, sagt Ingo Loeding. Von Reinfeld über Bad Oldesloe bis Barsbüttel: In vielen Gemeinden gibt es mittlerweile Arbeitskreise, die sich ganz konkret mit der Problematik beschäftigen und nach Lösungen suchen.

Jedes sechs Kind betroffen

Im Kreis Stormarn erhält laut Kinderschutzbund jedes sechste Kind staatliche Unterstützung wie Wohngeld, Kinderzuschlag, Sozialhilfe, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder Sozialgeld, also Hartz-IV-Leistungen.

„Was Armut für diese Kinder bedeutet, sehen wir unter anderem bei denen, die wir mit unserem Familienhilfe-Notfonds unterstützen“, berichtet Ingo Loeding. Im Jahr 2018 wurden auf diese Weise allein aus Spenden Familien mit insgesamt 56 000 Euro unterstützt. „Das Familienbudget ist so knapp bemessen, dass selbst Kosten für notwendige Dinge wie den Schulausflug, die eigene Geburtstagsfeier, der Kauf eines Weihnachtsbaums oder für die Windeln für viele Familien unerschwinglich sind“, erklärt Loeding.

Gerade bei den Zuzahlungen und Kosten, die in und für die Schule anfallen, reiche das sogenannte „Bildungs- und Teilhabepaket“ nur für einen Bruchteil der tatsächlich anfallenden Kosten. In dem Teilhabepaket werden lediglich 100 Euro im Jahr für Schulmaterialien zur Verfügung stellt.

Kinderschutzbund-Geschäftsführer Ingo Loeding mit dem Spielmobil. Die Angebote sind für die Kinder kostenfrei. Quelle: Bettina Albrod

Markus Carstens

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