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Stormarn Jüdische Friedhöfe sind für die Ewigkeit
Lokales Stormarn Jüdische Friedhöfe sind für die Ewigkeit
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18:10 30.08.2014
Ahrensburg

Der jüdische Friedhof in Ahrensburg ist ein idyllischer Ort. Umgeben von einer Mauer stehen drei Reihen von Grabsteinen inmitten blühender Wildblumen und alter Bäume.

Vögel singen, es ist ruhig, und der Ort wirkt abseits der Zeit. Hier liegen überwiegend Menschen mit dem Namen Lehmann, die zur alten jüdischen Gemeinde in Ahrensburg gehörten. 1788 kam der erste jüdische Bürger nach Ahrensburg, schreibt der ehemalige Kreisbaudirektor Burkhard von Hennigs in einem Beitrag zum „Tag des Denkmals“ 2005. 1822 wurde in der Schlossstadt die jüdische Gemeinde mit 20 bis 30 Menschen gegründet.

„Die jüdische Gemeinde damals war eine sehr arme Gemeinde“, berichtet Antje Rudolph, zehn Jahre lang Vorsitzende der neuen jüdischen Gemeinde in Ahrensburg. „Die Juden in Ahrensburg durften nur untereinander heiraten. Ihr Gebetshaus war ein altes Reetdachhaus in der Kastanienallee, wo die gute Stube als Gebetsraum diente.“ 1823 fand auf dem jüdischen Friedhof die erste Beerdigung statt, 100 Jahre später die letzte. „Jüdische Friedhöfe sind für die Ewigkeit“, sagt Antje Rudolph. 23 Grabsteine stehen auf 840 Quadratmetern und erzählen auf Hebräisch und Deutsch, wer hier liegt. „Die Grabsteine stammen aus den 60er Jahren“, erläutert Antje Rudolph, „damals wurden die alten Steine erneuert.“

Sie besitzt Bruchstücke der ursprünglich schwarzen Steine, die der Sohn des Pfarrers der Gemeinde übergeben hat. Mancher Grabstein ist von Efeu bewachsen oder im Unterholz versteckt. „Im Judentum gibt es keine Grabpflege“, sagt Antje Rudolph, „wer in der Erde gräbt, stört die Totenruhe.“ Nach jüdischem Glauben warten die Verstorbenen darauf, wieder ins Leben geholt zu werden.

Einmal im Jahr wird auf dem Friedhof das jüdische Totengebet für die Verstorbenen gesprochen. „Wir überlegen, den Friedhof wieder zu öffnen“, erklärt Antje Rudolph, „aber das geht nur, wenn wir wissen, wo hier überall Gräber sind.“ Sie forscht noch nach dem Belegplan, denn Grabstellen dürfen nicht doppelt belegt werden. Antje Rudolph und die jetzige Vorsitzende Natalia Reschetnikov wünschen sich, dass der Friedhof erst dann endgültig geschlossen wird, wenn die jüdische Gemeinde in Ahrensburg aus Altersgründen nicht mehr existiert. „Das wäre ein besseres Ende.“

Die Historikerin Dr. Martina Moede hat über die Geschichte der Juden in Ahrensburg gearbeitet. Demnach gab es 1788 aufgrund einer Sondererlaubnis einzelne jüdische Bürger in Ahrensburg. Meyer Hirsch Lehmann wurde damals Vorsitzender der ersten jüdischen Gemeinde in Stormarn. Er lebte 1830 bis 1892 und war ein Kornhändler, der mit Rebecca Lehmann verheiratet war, ihr Sohn Otto liegt auf dem jüdischen Friedhof unter Bäumen begraben.

Damals bestand die jüdische Gemeinde im Wesentlichen aus sieben Familien. Nach Meyer Hirsch Lehmanns Tod führte der Sohn Harry das Korngeschäft weiter. In der Reichspogromnacht 1938 wurde der Friedhof geschändet und die Trauerhalle auf dem Grundstück niedergebrannt. Schon 1933 kam es in Ahrensburg zu einem Boykott jüdischer Läden, hiervon betroffen war unter anderem die Schwanen-Apotheke von Siegfried Riess. Auch die Apotheke der Jüdin Gertrud Eickhorst wurde zwangsversteigert. Als die Nazis dem Ahrensburger Arzt Dr. Rath verboten zu praktizieren, weil er mit einer Jüdin verheiratet war, wählte seine Frau Veronika den Freitod. „Ihr Grab soll auf dem alten Kirchenfriedhof sein“, sagt Rudolph.

Andere Juden wurden verhaftet und ins KZ gebracht oder zogen in die Großstädte, um anonym leben zu können. „Einzelnen wie dem Ehepaar Eickhorst gelang es, das Dritte Reich im Versteck zu überleben“, schreibt von Hennigs. 1941 wurde der letzte Jude aus Ahrensburg deportiert. Angesehene jüdische Familien, die sich zuvor einen Namen als Wohltäter in der Stadt gemacht hatten, verschwanden ohne großes Aufsehen, später auch alle Unterlagen, die Auskunft über die Zeit damals hätten geben können.

Nach dem Krieg hatten die meisten Juden Deutschland verlassen. Eine Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein gründete sich 1960, löste sich aber acht Jahre später wegen Mangels an Mitgliedern wieder auf. Erst 2003 entstand in Ahrensburg wieder eine jüdische Gemeinde. Zusammen mit Bad Segeberg, Kiel, Elmshorn und Pinneberg bilden die fünf Gemeinden den Landesverband. In der Ahrensburger Gemeinde blickt man nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. „Man muss den Lebenden helfen“, sagen Antje Rudolph und Natalia Reschetnikov. „Den Kern der jüdischen Gemeinde bilden viele Bürger aus Russland und der Ukraine, die ihr Judentum dort verstecken mussten.“

Viele von ihnen haben erlebt, dass ihre Religion als Makel empfunden wurde. In Ahrensburg hilft ihnen die jüdische Gemeinde dabei, zu einem religiösen Selbstverständnis zurück zu finden, die Sprache zu lernen und Sicherheit zu empfinden. „Einmal im Monat kommt ein Kantor zum Gottesdienst nach Ahrensburg“, so Natalia Reschetnikov, „wir treffen uns aber zweimal die Woche.“ Junge Menschen sind selten in der Runde, viele sind mit Beruf und Familie beschäftigt. „Wir vertrauen aber auf die Jugend“, sagen Antje Rudolph und Natalia Reschetnikov, „ihre Generation ist besser integriert. Aber bis wir wieder jüdisches Leben haben, wird es noch ein bisschen dauern.“

Ahrensburg setzt sich allmählich mit der Geschichte der Juden aus ihrer Mitte auseinander. 2005 stand der jüdische Friedhof im Mittelpunkt des Tags des offenen Denkmals, 2007 wurde der Lehmannstieg in Erinnerung an die jüdische Familie Lehmann eingeweiht. Schon 2003 wurde ein Stolperstein für die neunjährige Anneliese Oelte verlegt, die 1943 deportiert und zwei Jahre später umgebracht wurde.

2009 wurde mit einem Stolperstein des jüdischen Bürgers Magnus Lehmann gedacht, der 1941 nach Minsk deportiert und dort umgebracht worden war.

Bettina Albrod

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