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Stormarn Gewalt gegen Frauen: Ärzte stehen Opfern bei
Lokales Stormarn Gewalt gegen Frauen: Ärzte stehen Opfern bei
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18:55 21.11.2018
Bürgermeister Jörg Lembke unterstützt die Aktion „Gewalt kommt nicht“ auf dem Oldesloer Wochenmarkt, hier mit Marion Gurlit, Gisela Bojer, Martina Afheldt, Daniela Fröb und Antonia Fitzek. Quelle: Dorothea von Dahlen
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Bad Oldesloe

Es geschieht im Verborgenen, dort, wo die Öffentlichkeit ausgesperrt ist. Es setzt Schläge, Tritte, Beschimpfungen und nicht zuletzt sind viele Frauen in Ehen oder anderen Beziehungen roher sexueller Gewalt ausgesetzt. Wenn die Attacke vorbei ist, atmen sie auf, ja schämen sich sogar für die gerade erfahrene Erniedrigung. Die Angst, alles vor Fremden erzählen zu müssen, tut ihr Übriges, um sie von einer Anzeige abzuhalten. Dass selbst unter diesen Umständen allein im Vorjahr 82 misshandelte Frauen den Weg zur nächsten Polizeistation fanden, lässt erahnen, dass die Zahl der nicht aktenkundigen Fälle weitaus höher liegt.

Weg aus der häuslichen Zwangslage

Die Oldesloer Gleichstellungsbeauftragte Marion Gurlit und Gisela Bojer vom Netzwerk „Frauen für Frauen“ (KiK) sind angetreten, weiblichen Gewaltopfern den Rücken zu stärken, auf dass sie es schaffen, sich aus ihrer Zwangslage zu befreien. Wie viele andere Engagierte in Stormarn und anderen Kreisen in Schleswig-Holstein beteiligen sich Gurlit und Bojer deshalb seit vielen Jahren an der Aktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte“. Gestern zeigten sie mit einem Stand Präsenz auf dem Oldesloer Wochenmarkt und machten auf ein bis dato in Stormarn weitgehend unbekanntes Hilfsangebot des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) aufmerksam. Es kommt insbesondere jenen Frauen zugute, die noch unter starkem seelischen Stress leiden oder aus anderen Gründen zögern, die Gewalttat gleich der Polizei zu melden.

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Vertrauliche Spurensicherung in der Uni-Klinik

„Wir führen bei Opfern von Gewalt oder Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung eine vertrauliche Spurensicherung durch, ohne dass dies gleich zur Anzeige kommt“, erklärte Dr. Daniela Fröb vom Institut für Rechtsmedizin der UKE, die das Projekt gemeinsam mit ihrer Kollegin Antonia Fitzek betreut. Die Frauen würden gründlich auf äußere und innere Verletzungen untersucht, Blutergüsse und andere sichtbare Blessuren zudem fotografisch festgehalten. Gerade in Fällen, da Geschädigte nicht gleich in der Lage seien, sich gegenüber der Polizei zu äußern, sei es wichtig, die Spuren der Misshandlung genau zu dokumentieren. Sonst mangele es später an Beweisen, wenn sie ihren Peiniger letztlich doch noch anzeigen wollten. Während sich Schläge etwa noch nach vier bis fünf Tagen nachweisen ließen, stelle das bei Sexualstraftaten ein größeres Problem dar. Die Spuren seien nur bis zur Dauer von 24, im Höchstfall 72 Stunden nachweisbar, da sie durch Duschen und Toilettengänge verwischt würden. Im Detail würden DNA-Proben sichergestellt, in Fällen, da der Verdacht bestehe, dass K.o.-Tropfen verabreicht wurden, auch die Ergebnisse von Urin- und Blutuntersuchungen.

Nach sexuellen Übergriffen ist Eile angesagt

„In sofern ist es schon sehr wünschenswert, wenn die Frauen so schnell wie möglich zu uns kommen. Die Gynäkologen und Unfallchirurgen sind 24 Stunden erreichbar“, sagte Antonia Fitzek. Da das Projekt vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung in Kiel finanziert werde, seien die Untersuchungen für die Frauen kostenlos. Sie könnten sich im Übrigen auch an Außenstellen im Umkreis wenden, die mit dem UKE kooperierten. Das seien die Notaufnahmen der AK Segeberger Kliniken GmbH und der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg sowie das Reinbeker Krankenhaus St.-Adolf-Stift. Die anonymisierten Akten, die später nur von Patientinnen mittels eines speziellen Codes angefordert werden könnten, würden in der UKE fünf Jahre lang aufbewahrt.

Bäckerei unterstützt Anti-Gewalt-Kampagne

Als ehemaliger Polizeibeamter zeigte auch Bürgermeister Jörg Lembke Interesse an dem Hilfsprojekt. „Das ist eine gute Sache. Das Opfer hat selbst die Mittel der Beweisführung in der Hand und kann in Ruhe überlegen, ob es die Tat anzeigen will“, sagte er und mischte gleich bei der öffentlichkeitswirksamen Aktion mit. Gemeinsam mit Marion Gurlit, Gisela Bojer und den Rechtsmedizinerinnen reichte er Passanten mit knusprigen Brötchen gefüllte Tüten, bedruckt mit den wichtigsten Kontaktdaten für Frauen im Notfall. Die Backwaren nebst informativer Verpackung stellte die Reinfelder Bäckerei Rohlfs zur Verfügung. Sie unterstützt das Hilfsprojekt schon seit vielen Jahren.

Erfolgreiche Kampagne

Seit 15 Jahren gibt es die Kampagne „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ in Stormarn schon. Gleichstellungsbeauftragte, Frauenfacheinrichtungen sowie das Projekt „KIK Stormarn – Netzwerk bei häuslicher Gewalt“ sowie die Bäcker-Innung Holstein Stormarn wirken mit. Schirmfrau ist Dr. Sabine Sütterlin-Waack, Ministerin für Justiz, Europa, Verbraucherschutz und Gleichstellung.

Weitere Aktionen rund um den Internationalen Tag „Nein zu Gewalt an Frauen“ gibt es am Freitag, 23. November, von 13 bis 15 Uhr sowie 19 Uhr am Bargteheider Rathaus sowie auf dem Reinfelder Wochenmarkt in der Zeit von 10 bis 12 Uhr.

Die Ergebnisse der vertrauliche Spurensicherung des Instituts für Rechtsmedizin in Hamburg liefert im Übrigen gerichtsfeste Beweise, die bei einem späteren Strafverfahren verwertet werden können. Auch für die Beweisführung in einem Zivilprozess, bei dem es um Schadenersatz- oder Schmerzensgeldansprüche geht, oder bei Scheidungsverfahrens sind sie wichtige Indizien. Weitere Details zum Projekt "Opfer von Gewalt"

Dorothea von Dahlen