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Stormarn Kirchen suchen ihre verlorenen Schafe
Lokales Stormarn Kirchen suchen ihre verlorenen Schafe
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18:34 23.02.2015
Die Kirche in Bad Oldesloe ist nicht immer leer — aber die Mitgliederzahlen sinken auch hier. Quelle: Fotos: Bettina Albrod/Archiv
Bad Oldesloe

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus: „Die Zahl der Austritte aus den Landeskirchen hat im vergangenen Jahr teilweise dramatisch zugenommen“, meldete die Evangelische Nachrichtenagentur Idea Ende Januar. Zwar lägen noch nicht die Angaben aller 20 Mitgliedskirchen der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) vor. „Aber die bisherigen Zahlen deuten darauf hin, dass 2014 mit über 200 000 Austritten ein Rekordjahr war“, heißt es.

Als Grund wird das neue Einzugsverfahren auf Kapitalerträge vermutet, das die Kirchensteuer jetzt direkt über die Banken abführt. „Dabei bedeutet das keine Erhöhung der Kirchensteuer, sondern nur ein anderes Abrechnungsverfahren“, erklärt Remmer Koch, Pressesprecher beim Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Hamburg-Ost.

Dennoch gibt es viele Austritte, auch in Stormarn. Hier teilt sich der Landkreis in zwei Kirchenkreiszugehörigkeiten: Südstormarn gehört mit 15 Kirchengemeinden zum Kirchenkreis Hamburg-Ost, Nordstormarn zum Kirchenkreis Plön-Segeberg. Lag die Austrittsrate in Stormarn im Bereich des Kirchenkreises Hamburg-Ost in 2013 noch bei 1,4 Prozent, so stieg sie 2014 auf 2,1 Prozent an.

„In Zahlen bedeutet das, dass 919 Personen im Jahr 2013 ausgetreten sind und 1381 Personen 2014“, sagt Koch. Da die Zahlen bundesweit angestiegen seien, werde dies im Zusammenhang mit der Veränderung des Einzugsverfahrens gesehen.

Auch die Kirchenmitgliederzahlen im Kirchenkreis Plön-Segeberg sind gesunken: „Aktuell sind es 1700 Austritte im Kirchenkreis. Der Kirchenkreis hat insgesamt 126616 Kirchenmitglieder“, teilt Micaela Morgenthum, Pressesprecherin beim Kirchenkreis Plön-Segeberg, mit.

Beispielsweise in Bad Oldesloe habe es 215 Austritte und 22 Eintritte gegeben, in Reinfeld stünden 102 Kirchenaustritten drei Eintritte gegenüber.

Der Kirchenkreis klärt mittlerweile auf seiner Homepage über das neue Einzugsverfahren auf. „Geändert hat sich nur das Verfahren“, heißt es da, und an anderer Stelle: „Auch die Höhe der Kirchensteuer von neun Prozent der Lohn- und Einkommensteuer bleibt unverändert.“

„Bisher ging man durchschnittlich von einem Prozent Kirchenaustritten im Jahr aus“, so Remmer Koch. „Im Moment ist es mehr. Deshalb stellt sich die Frage, woran das liegt und was man tun kann.“ Die Frage sei: Was erwarten die Menschen? Oft seien sie nicht kirchenkritisch, sondern hätten einfach gar keine Einstellung zur Kirche. „Vielen ist es egal, bundesweit gilt der Trend: Raus statt rein. Hier muss man suchen, was man tun kann, um das Interesse der Menschen an Kirche zu wecken.“

Auch wenn die Schäfchen weniger werden, bleiben die Kirchensteuereinnahmen noch unverändert. „Das ist der guten Konjunktur zu verdanken“, erklärt Remmer Koch. In den beiden zurückliegenden Jahren hätten die Kirchensteuereinnahmen mit rund 2,5 Millionen Euro ungefähr gleich hoch gelegen. „Aber die Konjunktur wird nicht auf einem Hoch bleiben und die Mitglieder werden weiter schwinden“, warnt Remmer.

Die Kirchengemeinden hätten über die Jahre Rücklagen gebildet, beispielsweise in Form von Landbesitz, um auch bei rückläufigen Kirchensteuereinnahmen reagieren zu können, ohne handlungsunfähig zu werden. Denn die Kirchen sind für ihre Arbeit auf die zahlenden Mitglieder angewiesen.

„Die Kirchensteuer wird für die gemeindlichen Aufgaben eingesetzt“, erläutert Remmer. „Dazu kommen die Verwaltungskosten und der Gebäudeunterhalt.“ Die Einnahmen würden nach einem Schlüssel in den Gemeinden verteilt. „Es geht nach dem Solidarprinzip nach Zahl der Menschen im Bezirk.

Jugendkreise oder Suppenküchen stehen auch Nichtkirchenmitgliedern offen.“

Um Kosten zu sparen, werden einzelne Kirchen entwidmet. In Ahrensburg ist die St.-Johannes-Kirche, die jetzt von einem Förderverein betrieben wird, ein Beispiel, auch in Witzhave wurde ein Gotteshaus entwidmet. „In den 50er-Jahren gab es einen Kirchenbauboom“, so Koch. „Heute sind die Gebäude veraltet und oft energetisch nicht saniert.“

Dadurch werde der Unterhalt zu teuer. „Im Kirchenkreis Hamburg-Ost sind keine weiteren Entwidmungen geplant.“

Pastor Roßmanek: Sichtbar bleiben
Pastorin Duncker: Sensibler Umgang
Pastorin Dr. Christina Duncker, Reinfeld: „Das Problem ist, dass die Kirchengemeinde erst Monate später erfährt, dass jemand ausgetreten ist, weil das über das Amt läuft. Dadurch ist der Punkt, wo man ins Gespräch kommen könnte, überschritten.“ Es habe in anderen Gemeinden schon Versuche gegeben, über Anrufe und Briefe den Kontakt zu suchen, aber der Austritt sei dann schon zu lange her.
„Meine persönliche Strategie ist es, mit den Menschen, mit denen ich zu tun habe, sensibel umzugehen.“ Bei Ärger sollten die Menschen das Gespräch mit ihr suchen, um Ärgernisse aus der Welt zu schaffen. Zudem gebe es im Gemeindebrief ein Wiedereintrittsformular.
Propst: Wir müssen uns prüfen
Propst Dr. Daniel Havemann vom Kirchenkreis Plön-Segeberg: „Die verstärkten Austritte 2014 haben sicher mit der Verunsicherung in Bezug auf die Kirchensteuer zu tun. Hier hätte die Kirche klarer machen müssen, dass die Kirchensteuer nicht erhöht wurde, sondern bei der Kapitalertragssteuer nur anders eingezogen wird“, sagt er.
„Wir nehmen die Austritte aber auch als Anfrage an unsere kirchliche Arbeit sehr ernst. Sind wir da, wo wir gebraucht werden? Sprechen wir die Sprache der Leute von heute, so wie Luther es in seiner Zeit getan hat, oder haben wir uns unsere eigene Welt gebaut? Das müssen wir immer wieder überprüfen“, mahnt der Geistliche. ba
Pastor Schark: Das ist der Trend
Pastor Diethelm Schark, Bad Oldesloe: „Es sind diesmal etwa 60 Menschen mehr aus der Kirche ausgetreten als im Vorjahr. Die Gründe für den Austritt kennen wir nicht, sie sind vielleicht in einer persönlich schwierigen Situation. Die Kapitalertragssteuer betrifft die meisten gar nicht.“ Damit passiere in den Kirchengemeinden nur das, was auch allen anderen Institutionen widerfahre. „In Parteien, Vereinen oder bei den Feuerwehren treten überall die Leute aus. Das ist der Trend der Zeit. Die Leute binden sich nicht mehr.“ Auf der anderen Seite bedeute das, dass 99 Prozent der 15000 Kirchenmitglieder geblieben seien, und für die wolle man weiter gute Arbeit leisten. ba

Bettina Albrod