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Stormarn Klaus Klingner: Der Rote mit dem blauen Parteibuch
Lokales Stormarn Klaus Klingner: Der Rote mit dem blauen Parteibuch
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18:10 10.12.2016
Bad Oldesloe

Als Klaus Klingner in die SPD eintrat, waren die Parteibücher der Sozialdemokraten noch hellblau statt rot. „Man durfte auch noch nicht wieder ,Genosse‘

sagen“, erklärt der heute 80-Jährige, der seiner Partei – trotz vieler politischer Schwenks – seit nunmehr 50 Jahren treu ist.

Klingner war somit bereits 30, als er der SPD beitrat. Allerdings war der Oldesloer auch vorher bereits alles andere als unpolitisch. Da genügt ein Blick in seine Vita: In Potsdam geboren, erlebte er als Kind den Zweiten Weltkrieg und die ersten Jahre der DDR hautnah mit. Weil er aufgrund seiner Unangepasstheit der Stasi negativ aufgefallen war, wurde Klingner nicht zum Studium zugelassen – und ging 1954 in die BRD. „Ich weiß also genau, wie es als Flüchtling ist“, sagt der ehemalige Justizminister des Landes Schleswig-Holstein (1988–1996), der in diesen unruhigen Zeiten als Sprachpate für Vertriebene tätig ist.

Über Hamburg kam er nach Kiel, wohin er eigentlich nur für ein Sommersemester wollte, wo er dann aber sein Jura-Studium inklusive Promotion beendete und beruflich für einige Jahrzehnte blieb.

Zwischendurch kam er als Richter ans Amtsgericht in Bad Oldesloe und zog auch mit Ehefrau Elke in die Kreisstadt.

Sich parteipolitisch zu engagieren, sei dann eine „Bilanzentscheidung“ gewesen. „In meinem Beruf war ich immer die Putzkolonne. Ich wollte jedoch weiter vorne ansetzen und selbst aktiv werden“, erklärt Klingner mit wachem Blick und kontrollierten Gesten. Im LN- Gespräch umspielt auch immer wieder ein Lächeln seine Lippen. Diese Einstellung, Sachen anzupacken und wenn nötig selbst das Fahrzeug des ASB mit einer Hilfslieferung für Tschernobyl-Opfer zu steuern, zeigt sich auch an Klingners vielen Ehrenämtern. „Da kann man noch direkter Dinge gestalten als in der Politik mit ihrem parlamentarischen Geschehen.“

Trotzdem ruft der 80-Jährige gerade in der heutigen Zeit mit seinen Wutbürgern dazu auf, sich politisch zu engagieren. „Die Leute müssen Politik wieder als Chance begreifen und nicht als Gefahr.“ Das Grundvertrauen in die Politik sei dahingeschmolzen.

Das war 1966 anders. Zunächst war Klingner bei den Jusos aktiv, machte sich schnell auf Landes- und Bundesebene einen Namen. Klar, dass die SPD Bad Oldesloe einen so jungen und engagierten Mann mit offenen Armen aufnahm. Zur Bundestagswahl 1969 managte er schon für den Stormarner Kreisverband den Wahlkampf für Willy Brandt. „Dafür gab es damals sechs Wochen Extra-Urlaub.“

Mit seinem VW-Bus fuhr Klingner durch die Lande und informierte per Lautsprecher über Veranstaltungen. Der Kleisterpott für Plakate war natürlich auch an Bord.

Willy Brandt wurde Bundeskanzler, und Klaus Klingner zog schon zwei Jahre später in den Landtag ein – und blieb dort 25 Jahre lang Abgeordneter beziehungsweise Minister. 1988 und 1992 gewann er direkt seinen Wahlkreis. Seine ersten parlamentarischen Schritte machte er – und das passt zu seinem sozialen Engagement – im Eingabenausschuss des Landtages. An den können sich Bürger wenden, wenn sie sich von staatlichen Stellen ungerecht behandelt fühlen. Zudem engagierte er sich stark in der Verkehrspolitik, sorgte dafür, dass die Straßen sicherer wurden. „Es gab damals bundesweit 20 000 Unfalltote im Jahr.“

Klingner war stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, Vorsitzender des Innenausschusses und schließlich sogar Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zur Barschel-Pfeiffer-Affäre. „So kam ich von der letzten in die erste Reihe“, erzählt Klingner. „Der Gipfel war das Jahr 1988.“ Hinter Björn Engholm und Gisela Böhrk stand Klaus Klingner auf Listenplatz drei für die Landtagswahl und wurde dann Justizminister. Auch mit Uwe Barschel hatte er natürlich viele Gespräche in der Zeit, er äußert sich aber heute nicht mehr zu der Affäre. „Ich gucke auch keine Filme darüber und lese keine Bücher dazu.“

In den folgenden Jahren erwarb sich Klingner große Verdienste im Justizwesen: weg von den Massenzellen, dafür Besucherräume, mehr Werkstätten, Alternativen zum Freiheitsentzug wie gemeinnützige Arbeit („schwitzen statt sitzen“), Täter-Opfer-Ausgleich. „Mir ging es darum, zukünftige Straftaten zu verhindern. Zu oft werden in der Haft weitere Verbrechen produziert.“

Auch der Abschied von der Atomenergie war und ist Klingner ein wichtiges Anliegen Dafür protestierte er nicht nur selbst in Brokdorf, sondern hat auch eine Solaranlage auf seinem Dach und fährt ein Hybridauto.

Und die SPD in all den Jahren von Willy Brandt bis Sigmar Gabriel? „Nicht jede Maßnahme war richtig, aber ich habe immer zur Partei gestanden“, sagt der überzeugte Sozialdemokrat. Die Agenda 2010 von Gerhard Schröder, an der die SPD bis heute kaue, sei schlecht gemanagt gewesen. Klingner: „Die sozialen Härten werden der SPD angelastet, die ökonomischen Erfolge heimst Frau Merkel ein.“

Auch mit blauem Parteibuch ist Klingner also weiterhin ein Roter.

Markus Carstens

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