Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Kleine Beträge sorgen für große Freude
Lokales Stormarn Kleine Beträge sorgen für große Freude
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:35 10.12.2012
Anzeige
Bad Oldesloe

Ein Blick in den brandaktuellen Armutsatlas des Kinderschutzbundes macht es deutlich: Beim Thema Kinderarmut gibt es ein starkes Nord-Süd-Gefälle im Kreis Stormarn. An erster Stelle liegt wie fast immer die Kreisstadt. „In Bad Oldesloe ist jedes dritte Kind von Armut betroffen“, heißt es in einem Bericht des Kinderschutzbundes. Auf den vorderen Rängen finden sich zudem auch Reinfeld und Zarpen, gefolgt von Heilshoop, Steinburg, Klein Wesenberg und Grabau. Auch Rümpel, Hamberge, Todendorf und Badendorf liegen noch über dem Durchschnitt des Kreises. „Jedes fünfte Kind ist in Stormarn von Armut betroffen“, sagt Ingo Loeding, Geschäftsführer des Kreisverbandes.

Dass das Thema aktueller denn je ist und die Problematik eher an Schärfe gewinnt, zeigt die Statistik des Familienhilfe-Notfonds des Kinderschutzbundes Stormarn. 2006 ist dieser eingerichtet worden, seitdem sind mehr als 1000 Anträge für kleine schnelle Hilfen eingegangen. Rund 78 000 Euro sind aus diesem Topf, der sich ausschließlich aus Spenden speist, bislang ausgeschüttet worden. Allein 231 Anträge sind in diesem Jahr eingegangen und 19 300 Euro ausbezahlt worden. „Die Nachfrage ist extrem gestiegen, Ende des Jahres werden wir deutlich über 20 000 Euro liegen“, erklärt Loeding. Oft würden grundsätzliche Dinge für Kleinkinder benötigt.

Anzeige

Dabei werden die Mittel nur selten in bar ausgezahlt, sondern zum Beispiel Lebensmittel oder Windeln gekauft und den Bedürftigen übergeben. Bekämen nämlich Hartz-IV-Empfänger 20 oder 30 Euro vom Kinderschutzbund, würden die Summen sofort vom Jobcenter gegengerechnet, sprich die Sozialleistungen gekürzt werden.

Oft ist es die letzte Woche eines Monats, in der der Kühlschrank so leer ist wie das Portemonnaie und das Konto. „Einem Ehepaar, das von Hartz IV leben muss, haben wir gerade erst mit einem Lebensmittelpaket ausgeholfen“, berichtet Loeding. Einem alleinerziehenden Vater eines Neugeborenen wurde die Erstausstattung mit Windeln und Flaschen bezahlt, einer Mutter ein Pfand für eine Milchpumpe gegeben.

Die Unterstützung kann jedoch nicht nur Hunger stillen, sondern auch existenzgefährdende Bedrohungen abwenden. „Manchmal fehlt Geld für eine Geburtsurkunde oder einen Personalausweis“, so Loeding. Einer jungen Frau mit zwei kleinen Kindern, die mit ihrem Verdienst kurz über Hartz- IV-Niveau liegt, drohte sogar die Abschiebung. Ihr fehlten 160 Euro für die Aufenthaltsgenehmigung.

Dem sechsjährigen Lars aus Reinfeld wurden indes Saft und Chips spendiert, damit er seinen Geburtstag feiern konnte. „Wer keinen Kindergeburtstag ausrichtet oder zu keinem gehen kann, ist schon früh von der Gesellschaft abgekoppelt“, so Loeding. Einem anderen Jungen wurden Winterschuhe gekauft, ein von Schimmel befallenes Kinderzimmer wurde vom Kinderschutzbund renoviert. „Eine Lücke von 20 bis 30 Euro kann so existenziell werden“, sagt Loeding. Oft finanziert der Fonds auch Schulhefte und -bücher.

Derzeit gehen beim Kinderschutzbund viele Anfragen ein, die um eine Unterstützung für die immens steigenden Energiekosten bitten. „Immer mehr Familien wird der Strom abgestellt, aber das können wir einfach nicht leisten“, sagt Loeding. Er appelliert an Kommunen und die Energieversorger: „Es geht nicht, Säuglinge in kalten Wohnungen frieren zu lassen.“

Loeding geht sogar noch weiter und fordert vom Kreis die Einrichtung eines Notfonds. „Wir müssen gucken, wo wir Geld herbekommen, die Dimension der Armut ist inzwischen enorm“, so der Geschäftsführer, der deshalb das Gespräch mit dem Kreis suchen will.

KASTENDIV