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Stormarn Grüne Kreuze gegen das schwarz-rote Agrarpaket
Lokales Stormarn Grüne Kreuze gegen das schwarz-rote Agrarpaket
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13:32 27.11.2019
Peter Kreimer (31, v.l.) aus Rondeshagen, Torben Hamester (32) aus Elmenhorst, Inken Burmester (30) aus Siebenbäumen und Frederike Hamester-Spahrbier (34) mahnen mit grünen Kreuzen auf ihren Äckern vor einem Höfesterben. Quelle: Holger Marohn
Elmenhorst/Reinfeld

Einsam mahnend steht das grüne Kreuz am Feldrand bei Elmenhorst im Kreis Herzogtum Lauenburg. Es stammt nicht aus einer Massenproduktion, sondern ist in Eigenarbeit von Jung-Landwirt Torben Hamester hergestellt worden. Denn der 32-Jährige, der vor einigen Jahren den elterlichen Hof übernommen hat, macht sich Sorgen. Und damit ist er nicht allein.

Hofnachfolger organisieren sich

Für Alarmstimmung sorgt der gerade in der Diskussion befindliche Agrarpaket der schwarz-roten Bundesregierung. Gemeinsam mit Inken Burmester (30) und Peter Kreimer (31) gehört Hamester zu den „Jungen Landwirten“ – einem Zusammenschluss von Hofnachfolgern, der sich organisiert hat, damit es auch in den nächsten Generationen noch Landwirte auf den Dörfern gibt.

Mit der Grünen-Kreuz-Aktion wollen sie ein Zeichen setzen. Mehr als 20 davon stehen bereits im Kreis. Und täglich werden es mehr. Ins Leben gerufen hat die Aktion Landwirt Dr. Willi Kremer-Schillings aus dem rheinländischen Rommerskirchen, genannt „Bauer Willi“. Dabei haben Torben Hamester und seine jungen Berufskollegen in diesen Wochen alles andere als Langeweile. Die Saat muss dringend in den Boden, die Felder müssen bestellt werden. Eigentlich wichtigere Dinge, als Bretter zusammen zu suchen und sich mit Akkubohrschrauber, Pinsel und Farbe in die Werkstatt zu stellen. Dennoch nehmen sie sich die Zeit.

Insektensterben will niemand

„Es geht uns nicht darum, zu jammern“, sagt Hamester. „Aber wir merken, dass wir von der Politik zunehmend nicht mehr verstanden werden." Statt gemeinsam mit den Landwirten Lösungen für die Herausforderung der Zukunft zu entwickeln, würden Maßnahmen beschlossen, über deren Auswirkungen sich viele offenbar gar nicht im Klaren seien. „Am Ende kommt dann etwas heraus, was eigentlich niemand will – auch diejenigen nicht, die die Forderungen ursprünglich aufgestellt haben.“ Dabei bestehe bei den Zielen oft gar kein Dissens. „Verschmutztes Grundwasser und Gewässer oder ein Insektensterben will von uns Landwirten auch keiner“, so Hamester.

Kreuze auch in Reinfeld und Westerau

Das bestätigen auch junge Berufskollegen aus dem Kreis Stormarn wie der Reinfelder Lars Wichmann mit seinem Travenhof. Insgesamt hat er fünf Kreuze gebastelt, drei stehen gut sichtbar an der Bundesstraße 75, weitere auf seinen Feldern in Westerau. In ganz Stormarn seien schon rund 50 Kreuze aufgestellt, so der Landwirt, der zu je einem Drittel Sauenhaltung, Ackerbau und Hühnerhaltung betreibt.

Grüne Kreuze stehen auch an der B 75 bei Reinfeld.   Quelle: mc

Komplexe Herausforderungen

„Außerdem gibt es neue Vorgaben für Blühstreifen und Blühwiesen, die viele von uns aber auch schon freiwillig angelegt haben.“ Nach dem Agrarpaket werden die Flächen für den Ackerbau aber laut Wichmann weiter stark dezimiert. Die Schaffung von weiteren Insektenschutzgebieten würde dazu führen, dass weitere Flächen gar nicht mehr bewirtschaftet werden können.

Beispiele für das fehlende Verständnis in der Politik gebe es zuhauf, so der lauenburgische Landwirt Hamester. Doch die Herausforderungen seien in der Regel komplex, zu komplex, um sie in Wahlkämpfen an Stammtischen zu diskutieren. Die Folge sei oft ein gefährliches Halbwissen, das verbreitet, mit dem Stimmung gemacht werde und mit dem der Bürger und Wähler dann allein gelassen bleibt.

Fehlender Raps sorgt für Sojaimporte

So schaffe die Politik Rahmenbedingungen, die unter anderem wesentlich dazu beigetragen, dass der Rapsanbau in Schleswig-Holstein deutlich zurückgeht. Die Folge sei, dass Alternativen zur Ölgewinnung vor allem zur Herstellung von Biodiesel importiert werden müssen. Und sie seien in erster Linie Soja und Palmschrot, rechnet Peter Kreimer vor. Und der steigende Bedarf von Soja auf dem Weltmarkt wird vor allem dadurch gedeckt, dass Regenwaldflächen gerodet werden. Palmschrot kommt aus Asien – mit ähnlichen Auswirkungen. Und das sei nur ein Beispiel, so die Landwirte.

Einerseits werde von der Politik gerade der Strukturwandel in der Landwirtschaft hin zu einer immer stärkeren Industrialisierung kritisiert. Andererseits würde mit den Folgen der aus den Entscheidungen der Politik resultierenden Maßnahmen gerade den kleinen Betrieben das Leben schwer und das Überleben am Ende unmöglich gemacht. „Und ein Hof, der einmal verschwunden ist, kommt nicht wieder“, sagt Kreimer. Schon jetzt gebe es Dörfer, in denen sich für keinen der noch vorhandenen Höfe mehr ein Nachfolger finde. Und das nicht, weil die Arbeit zu hart sei, sondern weil Auflagen, Bürokratie und nicht zielführende Vorschriften dafür sorgen würden, dass dort inzwischen keiner bereit sei, den Hof zu übernehmen.

Der Verbraucher entscheidet

Auch in der Diskussion um die Ökolandwirtschaft spiegele sich die mangelnde Berücksichtigung der langfristigen Folgen wieder. Was in den Supermärkten in den Regalen stehe, entscheide nicht die Politik, sondern der Verbraucher, sagt Inken Burmester. Und ein Großteil der Menschen in Deutschland könne oder wolle sich eben nicht die deutlich teureren Bioprodukte leisten. „Was passiert denn, wenn alle Landwirte in Deutschland auf einmal nur noch Bio-Produkte auf den Markt bringen würden?“, weist Inken Burmester auf die Folgen hin. Dann kämen die nachgefragten konventionell produzierten Lebensmittel eben künftig ausschließlich aus dem Ausland, produziert häufig unter niedrigeren Standards als in Deutschland und verbunden mit entsprechend langen Transportwegen.

Ein gutes Beispiel sei die Schweinefleischproduktion in Schweden, wo die Standards der Nutztierhaltung deutlich höher als im Rest der EU seien, sagt Peter Kreimer. Während die schwedische Schweinefleischproduktion nach dem Beitritt zur EU massiv eingebrochen sei, sei gleichzeitig der Pro-Kopf-Konsum gestiegen. Schweinefleischimporte aus dem Nachbarland Dänemark, wo viel geringere Umwelt- und Tierschutzvorschriften gelten würden, hätten das schwedische Schweinefleisch vom Markt verdrängt, erinnert Kreimer an die Entwicklung.

Kleine Betriebe vor dem Aus

„Wir müssen bei politischen Entscheidungen über die Landesgrenzen denken und für einheitliche EU-weite Standards kämpfen“, sagt Kreimer. Doch diese Standards müssten dann auch gleichermaßen kontrolliert werden. Derzeit bekommen Landwirte in Osteuropa teilweise die gleichen Prämien, müssten aber nicht die selben Standards einhalten wie die deutschen Landwirte.

„Wir fordern die Politiker auf, einfach mal bei uns anzufragen, sich zusammenzusetzen und dann zu diskutieren“, sagt Inken Burmester. Die Politik müsse sich der Bedeutung der kleinen landwirtschaftlichen Betriebe, wie sie die Region prägten, wieder bewusst werden. Daher würden sie als Vereinigung „Junge Landwirte“ auch keine konkreten Forderungen aufstellen. „Wir stehen für Diskussionen offen. Aber die dann bitte auch in der benötigten Tiefe“, so Burmester. „Wir bewegen uns in eine Richtung, die von keinem mehr gewollt ist – und das seit einigen Jahren immer schlimmer.“ Und das derzeit diskutierte schwarz-rote Agrarpaket sei da ein weiterer Schritt.

Auch Lars Wichmann und seine jungen Stormarner Kollegen sorgen sich um ihren Berufsstand. „Schon jetzt geben immer mehr Landwirte auf, verkaufen die Tiere und sind nur noch nebenerwerblich Landwirte“, sagt Wichmann. Das bekommen man häufig gar nicht mit. Sollte das Agrarpaket so kommen wie angekündigt, müssen – das befürchten die jungen Landwirte – viele kleinere Betriebe aufgeben.

Von Holger Marohn und Markus Carstens