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Stormarn Kunstwerke als Werkkunst
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18:00 03.07.2019
Ein Kunstwerk aus den Materialien des Betriebs: Hans-Joachim Gohl (v.l.), Bettina Thierig, Sebastian Schröder und Mario Schreiber. Quelle: Bettina Albrod
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Bad Oldesloe/Bad Segeberg

Wie wird aus einer Straßenreinigungsmaschine Kunst? Dieser Frage ist der Leipziger Künstler Sebastian Schröder jetzt bei der Firma „Hako“ in Bad Oldesloe nachgegangen. Parallel hat der Berliner Künstler Thomas Rentmeister sich beim Bauzentrum „Hass + Hatje“ in Bad Segeberg mit deren Materialien beschäftigt. Eingeladen hatte sie dazu die Lübecker Bildhauerin Bettina Thierig, die vor drei Jahren zusammen mit der IHK zu Lübeck das Projekt „KunstBetriebe“ entwickelt hat. Dabei arbeiten verschiedene Künstler in unterschiedlichen Betrieben in Norddeutschland und erstellen während des Arbeitsalltags ein Kunstwerk aus den Materialien, die in dem jeweiligen Betrieb verwendet werden. Bis Ende des Jahres werden elf Künstler in elf Betrieben Skulpturen erarbeiten, die in zwei Ausstellungen in Eutin und Lübeck zu sehen sein werden.

Über Kunst ins Gespräch kommen

„Ziel des Projekts ist es, über die Kunst mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die sonst eher nicht mit Kunst in Berührung kommen“, erläutert Bettina Thierig. Denn der künstlerische Prozess in den Werkshallen bringt Künstler und Belegschaft zusammen, die teils in den Entstehungsprozess eingebunden sind. „Am Ende sind auch die Mitarbeiter stolz über die Beteiligung“, hat Bettina Thierig die Erfahrung gemacht. In Bad Oldesloe hat Hans-Joachim Gohl, Leiter der Vorfertigung, mit seinem Team und dem Künstler zugearbeitet. „Es ist interessant, wenn Menschen kommen und Kunst machen“, findet er, „alle haben sich dabei gut eingebracht.“ Denn Schröder, der in Leipzig Museologie, Medienkunst und Fotografie studiert hat, hat seine Skulpturen aus den Böden der Reinigungsmaschinen entworfen, während das Team bei Hako ihm zugearbeitet und die Teile an der Lasermaschine nach Wunsch fertig gestellt hat.

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Sebastian Schröder hat bei Hako künstlerisch gearbeitet. Quelle: Bettina Albrod

Drei abstrakte Metall-Skulpturen mit dem Titel „Postament“ stehen auf drei Kunststoffsockeln. „Das sind die beiden Hauptmaterialien, die bei uns verwendet werden“, erläutert Geschäftsführer Mario Schreiber. Gohl lobt den Künstler: „Wenn man es nicht auf den ersten Blick versteht und ein Fragezeichen bleibt, ist es Kunst, weil man anfängt, Fragen zu stellen.“ Auch Schreiber findet das Projekt sehr spannend. „Hier wird die Symbiose von Kunst und Betrieb mit unterschiedlichen Ideen beleuchtet. Was wir fertigen, wird so mal aus einem anderen Betrachtungswinkel gesehen.“ Gleichzeitig werde damit etwas bewahrt, denn die Vorfertigung solle demnächst nach Polen ausgelagert werden, so dass die Skulpturen dann an das erinnerten, was nicht mehr da sei.

Skulptur wird Denkmal

„Das Thema Polen hat in der Belegschaft eine große Rolle gespielt“, hat Schröder während der Arbeit gemerkt. Deshalb habe er die Werke mit einer Patina versehen, die schon das Historische beinhalte. Da er sonst zweidimensional mit Fotografie und Film arbeite, sei das bildhauerische Projekt für ihn doppelt spannend gewesen: „Die Arbeitsform war neu, und der Rahmen im Betrieb auch. Das war für alle ein Experiment.“ Das Ergebnis seien drei Skulpturen als kleine Denkmale der Arbeit.

Thomas Rentmeisters Denken hat seinen Ursprung in der Kunstrichtung „Minimal-Art“. Die Arbeit, die er bei Hass+Hatje erstellt hat, ist eine Art Kubus, dessen strenge Form durch eine leichte Bewegung aufweicht. „So entstehen eine Dynamik, neue Deutungen und assoziative Möglichkeiten, die den Rahmen der Minimal-Art überschreiten“, sagt Rentmeister. Schaut ein Betrachter den Kubus genau an, sieht er, dass es ein aus vielen kleinen Einzelteilen bestehender, durchlässiger Körper ist.

Künstler Thomas Rentmeister, KunstBetriebe-Projektleiterin Bettina Thierig und Marvin Drews, Leiter Bauzentrum Hass+Hatje GmbH in Bad Segeberg (von links). Quelle: IHK/Tietjen

Bei der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Künstler geht es zwar um die Auseinandersetzung mit den Materialien der Firma, vor allem aber geht es um die Begegnung der Beschäftigten und Besucher mit Kunst allgemein. „Meine Affinität zur Kunst ist definitiv gewachsen", sagt Marvin Drews, Prokurist und Niederlassungsleiter bei Hass+Hatje in Bad Segeberg. „Auch bei der dritten Auflage haben wir uns wieder an diesem schönen Projekt beteiligt. Wir waren wieder fasziniert, wie man die Kunst mit unseren Baustoffen verbinden kann und was für Skulpturen entstehen können, wenn Baustoffe aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet werden. Für unsere Mitarbeiter und Kunden eine spannende Erfahrung.“

Zwei Ausstellungen

Alle Arbeiten, die im Rahmen des Projekts in diesem Jahr entstehen, werden in zwei Ausstellungen öffentlich präsentiert: Eröffnung Schloss Eutin: Freitag 27. September 2019. Ausstellungsende: 17. November 2019. Eröffnung Kunsthalle St. Annen, Lübeck: Freitag, 29. November 2019. Ausstellungsende: 12. Januar 2020.

Finanziert wird das Projekt KunstBetriebe durch verschiedene Stiftungen sowie durch die Kulturstiftung des Landes Schleswig Holstein.

Die Industrie- und Handelskammer will mit dem Projekt erreichen, dass Wirtschaft sich Kunst öffnet und umgekehrt, so IHK-Sprecher Dr. Can Özren. „Auf diese Weise können wir Verständnis für Kunst und Kultur wecken.“ Unternehmensprofile würden zudem dadurch attraktiver, dass sie sich auch durch Kultur definierten.

Bettina Albrod

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