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Stormarn Jungbauer aus Schlamersdorf bringt die Gerste unter Dach und Fach
Lokales Stormarn Jungbauer aus Schlamersdorf bringt die Gerste unter Dach und Fach
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18:48 18.07.2019
Landwirt Marcus Babbe erntet Gerste auf einer Pachtfläche beim Oldesloer Ortsteil Seefeld. Quelle: Dorothea von Dahlen
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Seefeld

Ohne seine Wetter-App wäre Marcus Babbe wohl aufgeschmissen. Doch selbst sie liefert zuweilen nicht die zuverlässigen Daten, die ein Landwirt braucht, um den günstigsten Zeitpunkt für die Ernte zu ermitteln. Denn zu feucht darf es keinesfalls sein. Aber dieses Mal duldet die Gerste keinen Aufschub. Auch die letzten Hektar wollen rasch gedroschen sein. Und so schwingt sich der Schlamersdorfer auf den Bock seines Mähdreschers und arbeitet sich Streifen für Streifen durch die Flächen, die er bei Seefeld gepachtet hat. Alles in allem bewirtschaftet er 200 Hektar, auf 60 Hektar wächst Gerste.

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„Ganz optimal sind die Bedingungen heute zwar nicht. Aber die Gerste ist reif und wir müssen jetzt schnell ernten. Wenn die Ähren erst ganz auf dem Boden liegen, bekommt man sie nicht mehr zu fassen“, übertönt Babbe das Brummen und Rattern des Mähbalkens, den der imposante Claas Lexion 660 mit seinen 400 PS vor sich herschiebt. Und in der Tat, an einigen Stellen haben Wind und Niederschläge schon ganze Arbeit geleistet und richtige Dellen ins Feld gedrückt.

Normale Strohernte nach Katastrophenjahr

Aber der Jungbauer hat alles im Griff. Er bekommt selbst arg in Schräglage geratene Gerste zu fassen und befördert sie in den Hordenschüttler. Dort trennt sich gewissermaßen die Spreu vom Weizen. Über eine Schnecke werden die Gerstenkörner nach oben befördert, das Stroh wiederum fällt nach unten zurück auf den Boden, um später mit dem Mähbinder zu große Ballen gepresst zu werden. „Dieses Mal können wir wieder etwas aufatmen. Wir werden eine halbwegs normale Strohernte haben. 2018 war die Katastrophe, ein richtiges Dürrejahr. Es gab kaum Futter für die Tiere. Deshalb sind wir alle sehr froh, dass sich das nicht wiederholt hat. Die Anbaubetriebe können ihre Reserven jetzt bis zur Maisernte auffüllen“, sagt Babbe, während sich das 7,50 Meter breite Schneidwerk etwas hochfährt, um eine Bodenwelle auszugleichen.

Je weiter sich der Mähdrescher durchs Feld frisst, desto höher steigt der Füllstand des Korntanks, wie sich vom Fahrerhaus gut beobachten lässt. Von Zeit zu Zeit stoppt Babbe und entlädt seine Fracht in einen Hänger. Das Getreide wird über ein Auswurfrohr hineingepustet. „Das gibt gutes Schweinefutter. Unsere Böden hier sind nicht schwer genug, um Brotgetreide herzustellen. Dazu reicht der Proteingehalt nicht“, sagt der Landwirt. Er rechnet in diesem Jahr mit einem Ertrag von 78 Doppelzentnern (7,8 Tonnen) pro Hektar. „Das ist nicht spitze, aber es wird langen“, sagt er.

Rüssler und Mücken killen Schoten in Tateinheit

Sorgen bereitet dem Jungbauern da schon eher die Rapsernte. Bis zur Blüte ging ihm zufolge noch alles gut, dann taten sich reichlich Insekten an der Blattfrucht gütlich, angefangen vom Rapsglanzkäfer über den Erdfloh bis hin zum Kohlschotenrüssler, der meist in Tateinheit mit der gleichnamigen Mücke agiert. „Er bohrt die Löcher in die Pflanze, und sie legt später ihre Larven darin ab. Deshalb haben sich kaum Schoten ausgebildet. Das ist das dritte schlechte Jahr in Folge“, erklärt Babbe.

Dabei seien Blattfrüchte wie der Raps so wichtig, um den Boden aufzulockern und den Stickstoff an die Wurzeln zu binden. Denn das alles schaffe optimale Bedingungen für den anschließenden Getreideanbau. Und mit der neuen Düngeverordnung sei es noch wichtiger, eine solch gute Vorfrucht zu haben. Aber Probleme stellen sich, um gelöst zu werden und so überlegt Babbe schon, ob sich Raps durch Erbsen oder Ackerbohnen ersetzen lassen. Dem steht zurzeit noch entgegen, dass es für den Anbau dieser Blattfrüchte kaum Abnehmer und somit nur spärliche Erlöse gibt. Hinzu kommt, dass sich der Schlamersdorfer erntetechnisch voll auf den Raps eingestellt hat. Für eine andere Blattfrucht müsste er in neue Maschinen investieren.

Bauer Marcus Babbe aus Schlamersdorf ist mit seinem Mähdrescher auf dem Feld unterwegs.

Extreme Wetterlagen bereiten Probleme

Dass Landwirtschaft stets mit einem gewissen Risiko behaftet ist, war Babbe schon früh bewusst. Es hielt ihn jedoch nicht davon ab, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, um zunächst einen Teil seiner Flächen zu pachten und den Betrieb späterhin ganz zu übernehmen. Dennoch sieht sich der Jungbauer einer ganzen Reihe von Unwägbarkeiten ausgesetzt, die ihm das betriebswirtschaftliche Planen nicht gerade erleichtern. Gut gemeinte Rezepte von Laien rufen da nur Kopfschütteln bei ihm hervor. „Viele Leute geben jetzt Tipps, doch etwas anderes anzubauen, das hitzebeständiger ist. Sie glauben, durch den Klimawandel wird es immer wärmer. Aber das stimmt so nicht. 2017 war es so nass, dass wir ohne Zwillingsreifen nicht auf die Felder gekommen sind. Das Jahr danach das komplette Gegenteil. Das Problem sind die extremen Wetterlagen“, sagt Babbe.

Wetterkapriolen zwangen viele Betriebe in die Knie

Die Wetterkapriolendes Vorjahrs haben dem Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, Peter Koll, zufolge viele Tierhalter in Stormarn zum Aufgeben gezwungen. Beim heißen Dürresommer seien die Futtererträge so gering ausgefallen, dass sie ihre Vorräte schon vorzeitig aufgebracht hätten. Viele Betriebe im Kreis hätten daraufhin die Rinder- und Schweinebestände entweder massiv reduziert oder sogar ganz aufgegeben. Letzteres treffe auf drei bis vier Prozent der Viehbetriebe zu. Während es etwa 2010 noch 139 Milchviehhalter gegeben habe, sei die Zahl inzwischen auf 95 geschrumpft.

Erfreulich nennt Koll hingegen die ersten Ergebnisse der Wintergerstenernte. Zum Glück werde dieses Jahr ein gutes Durchschnittsniveau von rund acht Tonnen pro Hektar erreicht, wobei es regional wohl aber große Unterschiede gebe. Im Juni habe es nicht überall gleich viel geregnet, was auf den Feldern auch am ungleichmäßigen Pflanzenwuchs erkennbar sei.

Als „Wundertüte“bezeichnet der Verbandsgeschäftsführer dagegen die diesjährige Ernte des Winterraps’. Das habe mit den schwierigen Bedingungen beim Bestellen der Felder aufgrund knochentrockener Böden im Herbst begonnen und sich dann mit dem starken Befall von Schädlingen fortgesetzt.

Sonne und Regenin ausgewogenem Maße, mehr Akzeptanz bei der Bevölkerung und die Bereitschaft, regionale Produkte einzukaufen und dafür ruhig etwas mehr auf den Tisch zu legen – das alles steht laut Koll auf dem Wunschzettel der Stormarner Bauern. Wer hiesige statt ägyptische Kartoffeln kaufe, tue schon viel für den Klimaschutz und die regionale Landwirtschaft, sagt er.

Babbe: Mercosur-Abkommen begünstigt Umweltschäden

Gereizt reagiert der 31-Jährige aber, wenn er wieder einmal hört, dass deutsche Landwirte selbst verantwortlich für den Klimawandel sein sollen. „Das ist so einfach: Die Tierhaltung hierzulande ist Schuld daran. Dabei haben wir hohe Standards, auch was das Tierwohl anbelangt“, sagt er. Verärgert verweist er darauf, dass die EU Anfang Juli ein Freihandelsabkommen mit der Marktgemeinschaft der südamerikanischen Staaten (Mercosur) abgeschlossen hat.

Dies eröffne Staaten wie Brasilien oder auch Argentinien, ihre landwirtschaftlichen Produkte ohne größere Auflagen nach Deutschland zu exportieren. Babbe: „Dabei dürfte inzwischen bekannt sein, unter welch prekären Bedingungen argentinische Rinder gehalten werden. Die Gefahr besteht auch, dass noch mehr Regenwald abgeholzt wird, um neue Anbauflächen zu schaffen. Das nenne ich Doppelmoral. Unsere Landwirtschaft wird geopfert, nur damit europäische Firmen Industriegüter in Südamerika absetzen können.“

Ernte mit Adebar im Schlepptau

Während der Bauer weiter seine Bahnen zieht, schwebt ein Storch am Mähdrescher vorbei. Die riesige Maschine scheint den Vogel überhaupt nicht abzuschrecken. Vielmehr hält er in der Fahrspur Ausschau nach aufgescheuchten Mäusen oder plattgedrückten Käfern. „Die Störche begleiten uns ständig, sobald wir den Boden bearbeiten. Sie wissen, da gibt’s was zu fressen“, sagt Babbe lachend.

 

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Dorothea von Dahlen

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