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Stormarn Mindestlohn belastet den Erdbeeranbau
Lokales Stormarn Mindestlohn belastet den Erdbeeranbau
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21:37 07.05.2015
Enno Glantz präsentiert die ersten Erdbeeren. Quelle: Bettina Albrod
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Delingsdorf

Die Erdbeere wird zum Politikum: Zwar sind die Erdbeeren nach dem milden Winter und viel Sonne so süß wie lange nicht, für Enno Glantz, der zwei Erdbeerhöfe in Delingsdorf und in Hohen Wieschendorf in Mecklenburg-Vorpommern besitzt, haben sie aber dennoch einen bitteren Beigeschmack.

„Die Gesetzeslage macht es Obst- und Gemüsebauern mit den neuen Bestimmungen zu Mindestlohn und Arbeitszeitbegrenzung schwer“, erklärte Glantz gestern während der Eröffnung der Erdbeersaison in Delingsdorf. „Mit 15 Bundestagsabgeordneten habe ich korrespondiert und Ministerin Andrea Nahles eingeladen, aber sie hat abgesagt.“

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Wenn die Arbeitsministerin aus Berlin gekommen wäre, hätte sie aus erster Hand erfahren, dass es bei den Saisonkräften zwei Lohnmodelle gibt. Eines mit und eines ohne Sozialabgaben im Falle der kurzfristig Beschäftigten aus Polen. Obwohl netto Lohngleichheit bestehe, sollte auch deren Lohn bis 2018 auf 8,50 Euro pro Stunde angehoben werden, klagt Glantz. „Das sind 40 Prozent Lohnerhöhung in drei Jahren, die der Mittelstandsunternehmer finanzieren muss.“

Der Blick nach Frankreich zeige, dass ein ähnliches Modell dort viele Unternehmer zum Aufgeben gezwungen habe. Nicht genug damit: Nun wird auch noch die Arbeitszeit begrenzt. „Erdbeeren müssen gepflückt werden, wenn sie rot sind, auch am Sonntag“, so Glantz. „Die Arbeitszeit ist aber jetzt auf 60 Stunden die Woche begrenzt, die Überstunden müssen dann genommen werden.“

Wo Saisonkräfte bisher ranklotzten, um mit vielen Stunden viel Geld zu verdienen, müssten nun zwei Schichten von Saisonkräften eingestellt werden, denn nach zwölf Wochen à 48 Stunden Arbeit müssen die Pflücker zurück in ihre Heimat. Der Verwaltungsaufwand steige damit immens — insgesamt wird Glantz in dieser Saison 1200 Erntehelfer beschäftigen. „Der Lohn ist der höchste Kostenfaktor“, erläutert Glantz.

Der Kunde wird davon nichts merken, denn die Preise, so seine Prognose, werden wegen der großen Konkurrenz weitgehend unverändert bleiben. 3,80 Euro kostet derzeit ein Pfund „Flair“, bei gutem Wetter könnte der Preis unter 2,50 Euro fallen: „Wenn das Angebot groß ist, sinkt der Preis.“

„Flair“ ist eine Sorte, die unter Glashausbedingungen in Stoff-Tunneln in Hohen Wieschendorf reift und die bereits Anfang Mai gegessen werden kann. „Damit kann die Erdbeersaison künftig immer schon Anfang Mai beginnen“, verkündet Glantz. In Delingsdorf sucht man rote Früchte noch vergebens.

„Hier werden sie in 14 Tagen so weit sein“, schätzt Glantz. Gefolgt von „Honeoye“, „Sonata“ und „Malwina“ erstreckt sich die Erdbeerzeit mittlerweile bis in den Spätsommer. Jedes Jahr sind zehn bis 15 Sorten Neuzüchtungen im Versuch: „Hauptkriterium ist der Geschmack“, betont Glantz.

Für den hat er mit Marc Brenner einen zusätzlichen Koch eingestellt, der mit Waffeltütchen mit Lachsfüllung, Erdbeer-Smoothie, Spargel-Wrap oder Minilabskaus mit Wachtelspiegelei moderne Küche bietet und auf regionale Zutaten setzt, wenn man von der Wachtel mal absieht.

Neu ist auch die Zusammenarbeit mit Sommelier Remigio Poletto, dem Ex-Mann von Cornelia Poletto und anerkanntem Weinkenner. Er wird in der neuen Erdbeer- und Wein-Bar dafür sorgen, dass der Gast unter anspruchsvollen Weinsorten wählen kann.

Kerngeschäft bleiben die Erdbeeren, gefolgt von der zweitgrößten Kultur, den Himbeeren. 170 Erdbeerhäuschen aus Delingsdorf und 100 aus Hohen Wieschendorf sind schon am Straßenrand erschienen und werden bis Ende des Sommers dort bleiben.

Hoffest im August
Der Sturm hat die Delingsdorfer Erdbeeren verschont — es war kein Hagel, so dass die empfindlichen Früchte nicht zerschlagen wurden. Damit steht dem traditionellen Hoffest am 8. und 9.
August nichts mehr im Wege. Neben dem Springreiten um den Glantz- Erdbeercup wird es außerdem eine Auktion von Fohlen, einen Fackelzug und ein Feuerwerk geben. Dazu locken ein Kinderprogramm und natürlich die Erdbeeren.

Bettina Albrod