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Stormarn Mit der Pferdeflüsterin zur Ruhe kommen
Lokales Stormarn Mit der Pferdeflüsterin zur Ruhe kommen
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21:52 17.11.2017
Hanna (9) entspannt hier nach Anleitung von Reittherapeutin Katrin Winkelmann auf Therapiepferd „Nischka“. Eine neue Erfahrung. Quelle: Susanna Fofana
Tralau/Nienwohld

Die Ergotherapeutin hat sich zur „Pferdeflüsterin“ ausbilden lassen. Zwei Jahre lang dauerte ihre Ausbildung zur Reittherapeutin und Reitpädagogin auf dem Gestüt Wiesenhof in Wakendorf I (Kreis Segeberg). Zudem schulte sie ihre schwarze Tinker-Stute „Happy“ zum Therapiepferd. „Die Pferde müssen entspannt sein. Das gibt viel Sicherheit“, erklärt sie.

Pferde sind wahre Meister der Körpersprache. Sie spiegeln Menschen ganz direkt ihr Verhalten. „Dadurch können Kinder und Erwachsene ihr Verhalten ändern, Selbstbewusstsein und soziale Kompetenzen verbessern“, sagt die Tralauerin Reittherapeutin Katrin Winkelmann.

PS – PferdeStärken

Infos zu der Reittherapie gibt es für Interessierte unter der E-Mail-Adresse pferde_staerken@web.de oder unter der Telefonnummer 0175/7164716.

Facebook: www.facebook.com/PSPferdeStaerken 

Der Unterricht findet auf einem Gestüt in Nienwohld, Dorfstraße 43, statt. Außer um Reittherapie geht es um pferdegestütztes Coaching. Bei der Interaktion zwischen Pferd und Mensch dreht es um persönliche Lern-Themen.

Wie sich eine Therapiestunde auf dem Pferdrücken anfühlt, probieren die „Fotomodels“ aus, die für die LN-Bilder typische Situation aus der Reittherapie nachstellen. Es sind Hanna (9) und ihre Schwester Fenja (12) aus dem Oldesloer Ortsteil Neufresenburg sowie Levi (8) aus Bad Oldesloe. Alle drei sind mit Pferden vertraut. Fenja reitet bereits seit fünf Jahren, Levi seit sechs Monaten, Hanna reitet unregelmäßig.

Die Neunjährige traut sich trotzdem, sich auf dem Pferderücken umzudrehen. Und hat dann statt des Kopfes von Therapiepferd „Nischka“ den Schweif vor sich. Nun soll sie es sich auf Anleitung von Winkelmann auf dem Pferd gemütlich machen und sich komplett entspannen. „Es fühlt sich gut an“, berichtet sie danach von ihrer Kurzentspannung auf dem Haflinger-Wallach. In der Reittherapie soll eine solche Situation Kindern mit sozialen Problemen oder Aggressionen dabei helfen, Geborgenheit und Vertrauen aufzubauen.

Die Reitpädagogin erklärt: „Durch die Ruhe und die Bewegungen des Pferdes spüren sie sich besser. Sie können sich besser zentrieren und ihre emotionalen Kompetenzen verbessern; Empathie entwickeln, was im Alltag mit anderen Menschen oftmals weniger gelingt.“

Hohe Konzentration ist nötig

Levi setzt sich gerade zum ersten Mal in seinem Leben ohne Sattel aufs Pferd. Auf den Rücken von Shetty-Wallach „Kenzo“. An der üppigen Mähne kann sich der Achtjährige jedoch gut festhalten.

Dennoch: „In engen Kurven dachte ich, ich falle runter“, berichtet er anschließend. Er habe sich stärker konzentrieren müssen. Ansonsten habe er sich „gut gefühlt“ auf dem Rücken des Ponys. Geführt wurde er durch den Parcours von Fenja. Die Zwölfjährige sagt: „Am schönsten ist es, wenn man merkt, dass das Pferd mitkommt und man eigentlich keinen Strick mehr braucht.“

Über den Parcours-Aufbau konnten die Kinder bereits verbindende Gemeinsamkeit entwickeln. Sie bauten etwas für das Pferd auf, stimmten sich ab. Winkelmann: „Über das Pferd lernen sie sozialkompetent zu handeln.“

Häufig kämen Kinder zu ihr, die Probleme in der Schule haben. Die sich beispielsweise nicht konzentrieren können. „Für sie ist eine Minute Pferdeputzen schon eine Herausforderung. Über die Arbeit am Pferd lernen sie, sich länger zu konzentrieren und eine Handlung zu Ende zu bringen. Da es Spaß macht, merken sie gar nicht, dass sie dabei lernen“, erklärt die Reittherapeutin. Selbst Schulrüpel würden mit Hilfe der Therapiepferde lernen, sich zurückzunehmen. Manches Mal reiche es einem Kind schon, ein Pferd ausgiebig zu streicheln, um wieder in die eigene Mitte zurück zu finden.

Auch Jugendliche kommen zur Reittherapie sowie Erwachsene mit neurologischen Einschränkungen. „Wenn Koordination oder Gleichgewicht gestört sind, gibt das Spüren des normalen Gangbildes des Pferdes Impulse ans Gehirn. Die Klienten haben danach ein besseres Gangbild. Das ist total faszinierend“, erzählt die Tralauerin. Bei Entwicklungsstörungen könne Reittherapie ebenso begleitend eingesetzt werden.

Gute Erfahrungen mit einem pferdegestützten Coaching hat Horst Rath gemacht. Der Hamburger war eineinhalb Jahre lang Klient von Winkelmann auf dem Wiesenhof. Sein Fazit: „Es war eine Super-Ergänzung zur Verhaltenstherapie.“ Dabei sei er am Anfang sehr skeptisch gewesen. Doch durch die Arbeit mit dem Pferd habe er mehr Selbstvertrauen und ein besseres Selbstwertgefühl bekommen. Seine Sinne seien geschärft worden. Denn der wortlose Dialog verstärke die Wahrnehmung. Winkelmann: „Pferde sind Meister der Körpersprache. Sie sind ganz klar in ihrer Kommunikation und leben im Hier und Jetzt.“ Die sanften Tiere könnten Menschen helfen, zu sich selbst zu finden und sie bei der Persönlichkeitsentwicklung unterstützen.

 Susanna Fofana