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12:07 18.12.2018
Roga Hagen, Klaus Jaschinski, Sabine Tiedtke, Birthe Thelen, Christian Paulsen, Jörg Lelke und Christa Knorr. (v.l.) nahmen an einer außergewöhnlichen Veranstaltung auf den Oldesloer Friedhof teil. Quelle: Dorothea von Dahlen
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Bad Oldesloe

Sterbebegleitung – ein Thema, das ans Herz geht. Sabine Tiedtke und die Mitglieder des Fördervereins Lebensweg haben sich dieser Aufgabe verschrieben. Seit Jahren setzen sie alles daran, ein stationäres Hospiz in Bad Oldesloe einzurichten. Jetzt wird ihre Vision wahr. Am Donnerstag, 20. Dezember, wird um 13 Uhr im Sandkamp 28 in Bad Oldesloe der Grundstein für den Bau gelegt.

Ein Hospiz für Jung und Alt

„Wir haben es tatsächlich in diesem Jahr noch geschafft“, jubeln die Bauherren der Hospiz Lebensweg gGmbH. Am Donnerstag, 20. Dezember, um 13 findet die Grundsteinlegung für das Hospiz Lebensweg am Sandkamp 28 in Bad Oldesloe statt. Der erste Spatenstich für die Einrichtung war am 21. September 2018. Nun wird aus der grünen Wiese eine Baustelle. 3,5 Millionen Euro soll das Projekt insgesamt kosten. An der Finanzierung beteiligt ist die von der Sparkasse Holstein gegründete Hospizstiftung mit einer Million Euro sowie andere Stiftungen der Sparkasse Holstein. „Die Deutsche Fernsehlotterie hat bereits 300 000 Euro zugesagt, außerdem hoffen wir auf Fördermittel vom Land“, sagt Sabine Tiedtke. Das Hospiz ist auch künftig auf Spenden angewiesen.

Diesen Erfolg können sich Sabine Tiedtke und die Vereinsmitglieder auf die Fahne schreiben. Sie haben dafür gesorgt, dass das Hospiz-Projekt inzwischen fast jedem Stormarner ein Begriff ist. In den vergangenen Jahren haben sie dafür ordentlich die Werbetrommel gerührt. Und sie tun es noch. Auch das sinnvollste Engagement bringt schließlich wenig, wenn keiner davon weiß. Öffentlichkeitsarbeit ist das A und O. „Wir wollen ja nicht nur das stationäre Hospiz bauen. Es geht vor allem auch darum, Sterben, Tod und Trauer ins Leben zu holen und zu enttabuisieren. Wir wollen den Menschen ihre Berührungsängste nehmen, damit sie sich trauen, über das Thema zu reden und sich damit zu befassen“, sagt Sabine Tiedtke. Um dieses Ziel zu erreichen, ließen sich Tiedtke und ihre Unterstützer schon einiges einfallen.

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Sektbar im Aufbahrungsraum

  „Neue Wege, offene Türen“ lautete im April 2016 das Motto einer Veranstaltung beim Oldesloer Bestatter Christian Paulsen, um dem Abschied den Schrecken zu nehmen. „Wir haben die Friedhofskapelle, die seit mehr als 20 Jahren nur für Trauerfeiern genutzt wurde, über zwei Tage geöffnet.

Das Galli-Theaterduo sorgte bei „Neue Wege, offene Türen“ für fröhliche, aber auch tiefgründige Unterhaltung. Quelle: HFR

Das Galli-Theaterduo und zwei Gospelchöre waren dabei, im Aufbahrungsraum war eine kleine Sektbar aufgebaut, Palliativeinrichtungen stellten sich vor, der Betreuungsverein hielt Vorträge über Vorsorgevollmachten und Ähnliches. Rund um die Auferstehungskapelle des Oldesloer Friedhofes war einiges los. „Christian Paulsen hat uns seinen neuen Beerdigungswagen vorgeführt und jeden seiner Räume für uns geöffnet. Es war richtig gut und hat allen sehr gefallen “, schwärmt Sabine Tiedtke. Sie glaube, dass diese Feier den Besuchern ein wenig die Angst genommen habe. „Ich denke, sie gehen jetzt anders in eine Kapelle, wenn sie eine Trauerfeier haben, weil unsere Veranstaltung ein Stück weit die Schwere und Beklemmung genommen hat. Wir haben den Raum einfach mit anderer Energie gefüllt.“

Das letzte Fest

„Das letzte Fest“ hieß im vergangenen Jahr ein Event, das die Gäste als wunderbar international, berührend und fröhlich empfanden. „Ich habe die Angolanerin Juliana Gombe kennengelernt, die in Berlin die Goldene Henne für ihr Engagement in der Flüchtlingsarbeit verliehen bekommen hat. Sie sagte zu mir: ,Ihr habt ein wunderbares Land. Aber euch fehlt die Sterbe- und Trauerkultur. Wenn ich mal gehen muss, sollen mich meine Kinder nach Hause bringen. Ich lebe gerne in Deutschland, aber sterben möchte ich in Afrika.“ Gombe bot Tiedtke an, nach Bad Oldesloe zu kommen und von den afrikanischen Sterberituale zu berichten. „Das war für mich der Anlass, andere Kulturen einzuladen“, so Sabine Tiedtke.

Leben und Sterben rund um die Welt – darum ging es bei der Veranstaltung „Das letzte Fest“, bei der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen von den Beerdigungsritualen in ihren Ländern berichteten. Quelle: Dorothea von Dahlen

Mit fröhlich-bunten Plakaten machte sie auf „Das letzte Fest“ aufmerksam. Im Oldesloer Bürgerhaus fand die Party statt, Gäste aus allen Teilen der Welt waren zu Gast. Frauen und Männer aus der Türkei, Afghanistan, Peru, Indien, Mexiko und Angola - sie alle berichteten, wie in ihren Ländern die Menschen verabschiedet werden.

Diese Baumkekse hatte ein Mitglied des Vereins Lebensweg gebacken. Sie sollten als Give-away dienen auf Veranstaltungen, bei denen für das stationäre Hospiz in Bad Oldesloe geworben wird. Quelle: Dorothea von Dahlen

Auch eine junge Bestatterin aus Hamburg war gekommen, die sich gerade selbstständig gemacht hatte und ihre Erfahrungen teilen wollte. Tiedtke: „Wichtig für uns ist, dass die Menschen über das Sterben ins Gespräch kommen und so ihre Angst und Unsicherheit verlieren. Man kann heute so viel machen, sogar seine eigene Urne gestalten. Das wissen viele gar nicht.“

Charity-Spektakel mit getunten Autos

„Tuner mit Herz“ hieß ein nicht alltägliches Charity-Spektakel zugunsten des Hospizes im Mai dieses Jahres.

Bei Tuner mit Herz konnte man auf dem Famila-Parkplatz in Ahrensburg zahlreiche aufgemotzte Autos bewundern. Quelle: Britta Matzen

Tarek Younes rief mich an. Der junge Mann sagte, er würde gerne eine Tuner-mit-Herz-Veranstaltung für uns machen. Ich wusste gar nicht, was das ist“, meint Tiedtke lachend. Tuner sind Liebhaber PS-starker, aufgemotzter Autos. „Die haben auf dem Famila-Parkplatz in Ahrensburg eine riesen Veranstaltung gemacht mit Hundert Autos und sie haben alles für unser Hospiz gespendet. Mehr als 7000 Euro kamen zusammen.

Tuner mit Herz: Tarek Younes (l.) hat für das Hospiz eine große Aktion mit getunten Autos gestartet. 7000 Euros sind dabei für die Einrichtung zusammen gekommen. Quelle: Britta Matzen

Die jungen Autobesitzer, die das bisschen Geld, was sie haben, sonst nur in ihre Fahrzeuge stecken, haben unsere Dose gefüllt – das war unfassbar und toll.“ Sogar eine Tombola hätten sie für das Hospiz veranstaltet. „Die jungen Leute waren so offen für unsere Einrichtung, sie haben ganz viel nachgefragt – das war einfach fantastisch.“

Der Tod trifft uns überall

Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit versuchen Tiedtke und ihre Unterstützer vor allem auch Menschen anzusprechen, die einem nicht sofort beim Thema Sterben, Trauer und Tod in den Sinn kommen. „Wir wollen nicht nur Ältere, sondern einfach alle ansprechen. Weil der Tod uns überall trifft. Es kann immer passieren, dass man aus dem Leben gerissen wird. Deswegen sind unsere Veranstaltungen auch so wichtig“, betont die Geschäftsführerin des Hospiz-Projektes.

„Es hilft, wenn man nur da ist“

Weitere Ziele der Öffentlichkeitsarbeit seien der Umgang mit dem Sterbenden ebenso wie mit den Hinterbliebenen. „Früher hat man ein Jahr schwarze Kleidung getragen. Heute in unserer schnelllebigen Zeit soll man gleich wieder funktionieren. Aber Trauer braucht eben seine Zeit“, weiß die gelernte Krankenschwester. Man müsse sich wieder mehr auf Rituale besinnen, so ihr Wunsch. „Die können sehr heilsam sein.“ Das Zusammenrücken sei zudem wichtig. „Auch wenn man keine Worte hat. Es gibt ja nicht einmal Worte und Erklärungen dafür. Es ist einfach schlimm und traurig, wenn jemand gestorben ist. Aber trotzdem hilft es, wenn man nur da ist und jemandem die Hand hält und ihm zeigt, dass er nicht allein ist.“ Wenn das Hospiz errichtet ist, müssen Sabine Tiedtke und ihr Team weiter Unterstützer, Spender und Sponsoren gewinnen. „Wir werden nur zu 95 Prozent von den Kassen finanziert und brauchen jedes Jahr viele Tausende Euro Spenden, um die Arbeit überhaupt machen zu können. Deswegen ist es auch wichtig, dass wir in der Öffentlichkeit bleiben.“ Sabine Tiedtke hat auch die leise Hoffnung, die PR-Arbeit helfe, dass die Menschen bewusster mit ihrem Leben umgingen. „Wenn wir uns mit unserem Tod beschäftigen, wird uns doch klar, dass wir nur endlich auf der Welt sind.“

Britta Matzen

Stormarn Late-Night-Aktion in Bad Oldesloe - In Oldesloe liegt Musik in der Luft
17.12.2018