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Stormarn Pendlerfrust eines Zarpeners
Lokales Stormarn Pendlerfrust eines Zarpeners
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23:53 30.06.2018
Jörg Döscher wartet auf den Zug aus Hamburg, um seine Frau abzuholen. „Diesmal ist der Zug pünktlich, aber das ist eher die Ausnahme“, so der Zarpener. Quelle: Foto: Matzen
Reinfeld

Die Bahnstrecke LübeckHamburg erfreut sich einer hohen Nachfrage. Zusammen mit der Linie RB81 Bad OldesloeAhrensburgHamburg seien hier täglich 30000 Menschen unterwegs, teilt Egbert Meyer-Lovis von der Deutschen Bahn mit. „In einen Zug passen 800 Leute. Wenn einer ausfällt, kann man sich vorstellen, wie warm und eng das darin wird“, schildert der Zarpener Pendler Döscher.

Mit den Jahren sei es immer schlimmer geworden. „Zugausfälle, Verspätungen, Weichenstörungen, Bahnübergangsstörungen, fehlende Waggons, verstopfte WCs, verschlossene Türen – all das ist an der Tagesordnung. Der Pendlerfrust ist groß“, sagt Döscher. Das erkennt auch die Deutsche Bahn an: „Für Kunden ist es immer ärgerlich, wenn ein Zug ausfällt beziehungsweise Verspätung hat“, sagt der Pressesprecher.

Wie oft fällt die Bahn aus? Jörg Döscher weiß das genau. Zumindest, wenn es um die Zeiten geht, die den Zarpener und seine Frau betreffen. Das Ehepaar hat sich die Mühe gemacht und Zugausfälle und Verspätungen von mehr als 20 Minuten notiert.

„Allein im Januar fiel achtmal der Zug auf der Strecke zwischen Reinfeld und Hamburg aus.“ Im Februar kam die Bahn sechsmal nicht. Im März waren die Döschers im Urlaub und nutzten die Bahn nicht.

April war ein guter Monat: nur ein Zugausfall während der Reisezeiten der Zarpener. Im Mai warteten sie jedoch neunmal vergeblich auf die Bahn. „Das sind allein nur unsere Verbindungen – da kommt ja noch ein Rattenschwanz hinterher“, sagt der Zarpener. Des Weiteren notierte Döscher in allen Monaten etliche Verspätungen.

Noteinsätze von Ärzten – das sei das Einzige, wofür man als Bahnfahrer noch Verständnis habe. „Alles andere kostet Lebenszeit. Wenn wir morgens Verspätung haben, müssen wir die Arbeitszeit nachholen.

Wenn abends der Zug ausfällt, kommen wir nicht nach Hause. Das ist einfach ärgerlich und dem geschuldet, dass sich die Bahn totgespart hat.“

Übergang Brauner Hirsch ist immer kaputt

So kenne jeder Bahnfahrer auf der Strecke den Bahnübergang Brauner Hirsch in Ahrensburg. „Der ist immer kaputt. Das ist schon ein Running-Gag. Ein Übergang, bei dem die Schranken nicht runtergehen. Der Zug kann nicht passieren, bevor die Schranken nicht im Handbetrieb heruntergedreht werden. Oder Triebwagen fallen aus. Türstörungen sind ja schon normal, das nimmt jeder inzwischen hin.“ Jörg Döscher ist genervt. „Wie alle anderen Pendler. Wenn mal wieder die Durchsage kommt: ,Bitte haben Sie Verständnis‘, raunt es nur so durch den Zug: , Nein, haben wir nicht!‘“ Die Stimmung unter Bahnfahrern sei mürrisch. Diejenigen, die die Prügel abbekommen, seien die Schaffner, die gar nichts dafür könnten. „Das kann es nicht sein. Da sehe ich die Politiker in der Pflicht“, sagt Döscher. Also wandte sich der Zarpener an die Landesregierung, um auf die Missstände auf der Pendlerstrecke LübeckHamburg hinzuweisen. Einmal setzte er im Februar ein Schreiben auf, ein zweites im Juni. Auch seine Übersicht über die Zugausfälle und Verspätungen reichte er ein. „Alle reden von der Sylt-Bahn – aber die Strecke LübeckHamburg hinkt nicht weit hinterher, es besteht akuter Handlungsbedarf seitens der Politik“, schrieb Jörg Döscher. Die Antwort des Verkehrsministers Bernd Buchholz folgte prompt. „Sehr gerne gehe ich diesen Missständen nach.“ Ein Teil der Probleme liege im Ursachenbereich der DB Netz, so der Minister. Diese sei dafür verantwortlich, eine funktionsfähige Schieneninfrastruktur bereitzustellen. Für diese Aufgabe erhalte sie erhebliche finanzielle Mittel vom Land. „Umso ärgerlicher ist es, wenn die Schieneninfrastruktur aufgrund von Störungen an Bahnübergängen oder Weichen nicht verlässlich zur Verfügung steht.“ Buchholz sagte in dem Schreiben zu, Döschers Beschwerde an die Nah.SH weiterzuleiten, die den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) plane und kontrolliere. Er wies aber zugleich darauf hin, dass weder Land noch Nah.SH ein Vertragsverhältnis mit der DB Netz hätten. Diese sei ein Unternehmen des Bundes und die Einflussmöglichkeiten des Landes nur begrenzt. „Ein anderer Teil der Probleme liegt im Ursachenbereich der DB Regio“, so Buchholz weiter. Diese sei im Rahmen des Verkehrsvertrags Netz Ost für den SPNV auf der Strecke LübeckHamburg verantwortlich. „Der Verkehrsvertrag definiert, welche Leistungen und welche Qualitätsstandards die DB Regio zu erbringen hat und welche Ausgleichszahlungen sie dafür erhält.“ Sofern Qualitätsstandards nicht eingehalten würden, würden Ausgleichszahlungen an die DB Regio gekürzt. Buchholz: „Dies gilt sowohl für Zugausfälle als auch für fehlende Waggons.“ Auch wenn das Pünktlichkeitsziel von 95 Prozent nicht eingehalten werde, verhänge die Nah.SH eine Vertragsstrafe gegenüber der DB Regio. „Neben diesen ,harten‘ Qualitätskriterien gibt es zahlreiche ,weiche‘ Kriterien wie beispielsweise die Sauberkeit und Schadensfreiheit der Züge inklusive der Klimaanlagen und WCs.“ Auch hier kürze das Land Beträge, wenn die Qualität nicht erbracht werde.

Minister hält Verspätungen und Ausfälle für nicht akzeptabel

Das Schreiben des Ministers erhielt Jörg Döscher im Februar. Weil sich das Bahnchaos seitdem nicht verbessert habe, hakte der Zarpener im Juni noch einmal nach – mit erweiterter Verspätungs- und Zugausfall-Liste. Die Antwort aus dem Ministerbüro: „Vielen Dank für Ihre Mail und die ausführliche – und aus Sicht des Ministers nicht akzeptable – Übersicht der Verspätungen und Zugausfälle.

Sie erhalten zu Ihren Ausführungen eine separate Rückmeldung, für die ich noch um ein paar Tage Geduld bitte.“ Jörg Döscher hofft nun, dass sich endlich was ändert.

Angesprochen auf die Probleme auf der Strecke LübeckHamburg führt Egbert Meyer-Lovis von der Deutschen Bahn das Programm „Zukunft Bahn“ an, mit dem die DB ihren Kunden vor allem dies bieten wolle:

Verlässlichkeit und Qualität. „Basis dafür sind ein leistungsfähiges Schienennetz sowie attraktive Bahnhöfe. Daher investiert die Bahn auch in diesem Jahr in Hamburg und Schleswig-Holstein rund 270 Millionen Euro in das bestehende Schienennetz und in die Bahnhöfe“, sagt der Sprecher.

Von Britta Matzen

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