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Stormarn Pilgern in Stormarn: Jugendliche unternimmt Reise zu sich selbst
Lokales Stormarn Pilgern in Stormarn: Jugendliche unternimmt Reise zu sich selbst
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17:16 16.04.2019
Seit sechs Wochen sind Sarah* und Sonja Janzer auf dem Jakobsweg unterwegs. Dabei haben die beiden schon viel durchgemacht: Sturm, Regen, Frostnächte und ein paar Krisen. Quelle: Britta Matzen
Klein Wesenberg

Faszination Pilgern. Immer mehr Menschen sind auf Pilgerpfaden unterwegs. Nach einer Trennung, einer schweren Krankheit, wenn sie einen geliebten Menschen verloren haben oder in einer Art Lebenskrise stecken. Die 16-jährige Sarah (Name geändert) ist seit sechs Wochen auf der Via Baltica unterwegs – der nördlichsten Ost-West-Verbindung unter den deutschen Jakobswegen. Begleitet wird die Jugendliche aus Münster von ihrer Sozialpädagogin Sonja Janzer. In Klein Wesenberg haben die beiden Frauen Station gemacht. Dort befindet sich im Gemeindehaus die Pilger-Herberge.

Jugendliche auf Sinnsuche

Sarah: „Das Jugendamt meinte, dass die Pilgerreise eine Chance für mich sein könnte. Ich habe ziemlich viel Blödsinn verzapft, es gab auch eine große Stresssituation zu Hause. Deshalb sollte ich eigentlich in eine Wohngruppe kommen. Aber ich habe mich so was von geweigert.“ Jetzt ist die Schülerin auf Sinnsuche – zu Fuß erwandert sie den Jakobsweg. „Ich möchte auf jeden Fall nach Hause zurück. Aber wenn das nicht klappt, erarbeite ich mir durch die Reise, dass ich eine eigene Wohnung beziehen darf.“

Gestartet sind die beiden Frauen, die sich am Tag vor ihrer Abreise zum ersten Mal begegnet sind, Mitte Februar in Greifswald. Sarahs Rucksack brachte anfangs bestimmt 15 Kilo auf die Waage. „Weil ich die Sicherheit von zu Hause nicht habe, habe ich alles eingepackt, was ich finden konnte. Vier Hosen, ganz viele Oberteile. Dazu zwei Schlafsäcke, zwei Paar Schuhe und Körperpflege-Artikel.“ Gepäck schultern, und los ging’s. Mit dem schweren Rucksack zwischen drei und fünf Stunden wandern am Tag, draußen schlafen bei Sturm, Regen und Kälte, für Sarah waren das alles komplett neue Erfahrungen. Sie hatte bis dahin noch nicht einmal eine Nacht im Zelt verbracht.

Sozialpädagogin Sonja Janzen begleitet Sarah auf ihrem Weg. „Für mich ist diese Pilgerreise auch ein Geschenk“, sagt die 46-Jährige. Quelle: Britta Matzen

Nordwind – Hilfe für Kinder und Jugendliche

Nordwind ist eine gemeinnützige Kinder- und Jugendhilfe GmbH, die 2003 gegründet wurde. 115 sogenannte individualpädagogische Reiseprojekte hat Nordwind bisher durchgeführt. „Die Idee und das Konzept stammen aus unserem Haus. Wir haben uns ein Beispiel an Erwachsenen genommen, die sich oftmals nach Stresssituationen und bestimmten Lebenslagen sogenannter Auszeiten bedienen“, sagt Nordwinds Geschäftsführer Björn Beck. „Benachteiligte und hilfsbedürftige Kinder und Jugendliche benötigen aus unserer Sicht genau solche Chancen.“ Während ihrer Auszeiten hätten sie die Möglichkeit, einfach mal eine Zeit ohne Schule, ohne Eltern, ohne Probleme innerhalb der Peergroup zu verbringen, um sich auf Wesentliches zu beschränken, Kraft zu sammeln und neu aufzustellen. Dies erfolge lediglich in Begleitung von professionell ausgebildeten Fachkräften.

Nordwind ist bundesweit aktiv und ist spezialisiert auf individuelle Einzelfallhilfen. Nordwind bietet sowohl individualpädagogische Reiseprojekte an als auch Möglichkeiten, wo Kinder allein oder in Kleinstgruppen leben.

Kontakt: Nordwind, Gemeinnützige Kinder- und Jugendhilfe GmbH, Am Feldrain 3, 27308 Kirchlinteln, 04230 980 -9000, www.nordwind-jugendhilfe.de

„Die erste Zeit war richtig blöd. Zu den Regeln gehört, dass kein Handy erlaubt ist. Nur mittwochs und sonntags darf ich mit meinen Eltern telefonieren. Ich habe sonst jeden Tag mit meinen Freunden geschrieben und telefoniert, wir haben uns in der Schule gesehen – das war auf einmal alles weg. Das war sehr schwer am Anfang“, erinnert sich die junge Pilgerin. Ob es die Anstrengung war, der Stress oder doch eher Heimweh? Nach den ersten Nächten bekam Sarah Schmerzen im Bauch und fühlte sich sehr schlecht. Sie wurde ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie eine Woche bleiben musste.

Manch anderer hätte die Pilgerreise danach abgebrochen und aufgegeben. Aber nicht Sarah. Der Weg ist schließlich ihr Ziel. Nach ihrem Klinikaufenthalt erholte sie sich für ein paar Tage bei einer Familie, die Pilgern auf dem Jakobsweg Unterkunft gewährt. Von Stralsund wanderten Sarah und Sonja schließlich weiter. Diesmal war der Rucksack der Jugendlichen um einiges leichter. „Ich habe ausgemistet und Klamotten nach Hause geschickt.“ Nur die wichtigsten Dinge hat Sarah behalten. Auch das Foto ihrer Eltern und ein rosafarbenes Armband, das ihre Mutter für sie geknüpft hatte. Beides trägt sie ganz nah bei sich.

Stressig sind die Zickenanfälle

Vieles haben die beiden Wanderschwestern bisher auf ihrer Reise erlebt und gesehen. „Travemünde war bisher das Schönste. Letztes Jahr war ich mit meiner Familie in Travemünde, das war so wunderschön. Auch wenn ich nicht weit weg von meiner Mama wohnen will, da würde ich hinziehen“, schwärmt Sarah. Stressig werde es hingegen, wenn sie ihre Zickenanfälle bekomme. „Dann lasse ich nicht mehr mit mir reden, das wird für mich selbst auch anstrengend.“ Sie sei ein Mensch mit viel Temperament, das mache das Miteinander manchmal schwierig. „Feurig wird’s dann“, ergänzt Sonja und grinst Sarah wissend an.

Noch vier bis sechs weitere Wochen haben die beiden Pilgerinnen vor sich, bis sie in Münster ankommen. Dort ist Sarahs Familie zu Hause. „Das Projekt ist auf acht bis zwölf Wochen angelegt, und im Moment denken wir, dass wir Ende April fertig sein werden“, so die Sozialpädagogin. Individuelle sozialpädagogische Einzelmaßnahme nenne sich das Projekt, das über das Jugendamt beauftragt worden sei. „Die Maßnahme würde sicherlich vielen Jugendlichen guttun. Aber nicht jeder bekommt sie bewilligt“, weiß Sonja Janzer. Sarah habe viel Glück gehabt. „Das Schöne an dem Projekt ist, dass es sehr maßgeschneidert ist und durch eine 1:1-Betreuung auch individuell geguckt werden kann, wie man dem Jugendlichen am besten helfen kann.“

„Ich empfinde die Pilgerreise als Geschenk“

Sonja Janzer arbeitet schon lange mit Heranwachsenden, vor allem bei Draußen-Projekten. „Aber in dieser Form ist es für mich auch das erste Mal. Ich empfinde diese Pilgerreise tatsächlich als Geschenk. Jemanden so intensiv ein Stück begleiten zu dürfen und sehen zu können, was für Veränderungen passieren, ist etwas Besonderes. Wenn es auch manchmal anstrengend ist, vor allem diese Zickigkeitsmomente sind nicht ohne.“

Das Gute am Pilgern sei, dass sie zur Ruhe komme und viel Zeit zum Nachdenken habe, meint Sarah. „Kann ich mir vorstellen, wieder nach Hause zu gehen? Oder will ich doch einen anderen Weg wählen?“ Darüber grübele sie oft nach. „Es kommen ganz viele Gedanken in mir hoch, die mich fragen, was das Richtige für mich ist. Ich denke darüber nach, was ich wirklich für mich will.“ Das ist für die 16-Jährige ebenfalls eine neue Erfahrung. „Ich bin ein Mensch, der gar nicht an sich denkt. Alle anderen können alles von mir haben. Ich schau immer, ob es für die anderen gut passt, auch wenn es mir damit nicht gut geht. Ich selbst komme immer an letzter Stelle. Deshalb meinte ich zum Jugendamt, dass ich versuchen werde, zu mir zu finden und mich zu fragen, wer wirklich bei mir an erster Stelle steht und was ich für mich möchte. Aus diesem Grund mache ich die Reise.“ Ein Selbstfindungstrip sozusagen.

Glücklich ist Sarah auch darüber, dass ihre Freunde zu ihr halten. „Sie wissen von meinen Problemen, und sie haben gesagt, dass sie stolz auf mich sind. Sie sind sicher, dass ich den Weg schaffe. Und wenn ich nach Hause zurückgehe, hat Mama schon gesagt, dass ich neues Zimmer bekomme. Mit rosa gestrichenen Wänden.“

Britta Matzen

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