Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Profilerin half bei einem Mordfall
Lokales Stormarn Profilerin half bei einem Mordfall
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:10 05.05.2018
Sabrina Rizzo (oben) hat geholfen, einen Mord zu lösen. An der Brücke wurde das Kind gefunden. Eine Polizistin (u.) stellte in Jena einen Blumenstrauss unter das Foto des Opfers. Quelle: Fotos: Albrod/dpa
Anzeige
Bargteheide

Im März hat die Jenaer Polizei nach 27 Jahren einen Mord aufgeklärt. Die zehnjährige Stephanie wurde beim Spielen im Park weggelockt und sexuell missbraucht. Das Mädchen kam später durch einen Sturz von einer Autobahnbrücke zu Tode. Der Tatverdächtige wurde nun in Berlin festgenommen und hat die Tat gestanden.

Ein winziges Zucken im Gesicht, die geballte Faust, das Hochziehen eines Mundwinkels, und Sabrina Rizzo weiß, was ihr Gegenüber denkt. Sie ist Expertin für „Private Profiling“, das heißt, sie kann Menschen lesen. Jetzt hat sie bei Ermittlungen dazu beigetragen, einen Mordfall zu lösen.

Durch das richtige Interpretieren nonverbaler Zeichen im Bereich des Mimiklesens und der körpersprachlichen Signale konnte Sabrina Rizzo ihren Teil dazu beitragen, den Täter in der entscheidenden Vernehmung zu einem Geständnis zu bewegen. „Es gibt Mikrobewegungen von Mimik und Gestik, die ein Indiz einer Lüge darstellen“, erklärt Sabrina Rizzo. „Die echten Reaktionen des Körpers können im ersten Moment nicht kontrolliert werden.“

Anzeige

Ganz kurz zeigt ein Mensch sein wahres Gesicht, ehe die Kontrolle einsetzt. Das zu erkennen, ist ein wichtiger Sicherheitsfaktor, deshalb schult Sabrina Rizzo nicht nur in Unternehmen oder bei Behörden, sondern begleitet Mitarbeiter von Firmen auch bei Bewerbungsgesprächen oder wird wie in diesem Fall von der Polizei als Coach und Beraterin hinzugezogen.

Dafür braucht es den geschulten Blick, den die Profilerin in Workshops und Seminaren vermittelt. „Ich habe eine Menschenlese-Kybernetik entwickelt“, sagt sie. Dazu gehören die vier Bausteine Emotionen sehen, Manipulationen wahrnehmen, Fragetechniken beherrschen und Lügen erkennen.

Emotionen verraten sich in Stimme, Mimik und Gestik. „Daran erkennt man, was ein Mensch gerade fühlt, ob er wütend ist oder Angst hat.“ Um die Manipulation zu erkennen, gibt es deutliche Signale, mit denen das Gegenüber zum Beispiel Sympathie wecken will. Dazu kommen die richtige Fragetechnik und die Lügenerkennung. „Mein Ziel ist es aufzuzeigen, was alles möglich ist, damit Menschen einander besser verstehen lernen“, sagt die Profilerin, die lange in Tremsbüttel gewohnt hat.

„Das Profiling ist relativ schnell zu erklären“, so Sabrina Rizzo, „nach zwei Tagen Workshop hat man die Methode verstanden.“ Wie in der Befragung bei Tätern, ist es auch bei Bewerbungsgesprächen und in der Auseinandersetzung mit dem Partner, Klienten oder Patienten wichtig zu wissen, was das Gegenüber fühlt. Nur dann kann man im richtigen Moment die richtige Frage stellen, um Reaktionen richtig zu interpretieren. „Worauf reagiert der Gesprächspartner, wann ist der richtige Moment, ihn reden zu lassen, wo ist sein Defizit?“

Sabrina Rizzo setzt sich in schwierigen Fällen zunächst mit der Person auseinander und studiert ihre Vorgeschichte. „Jeder Mensch handelt aus einem Defizit heraus“, so die Expertin. „Das Defizit verlangt Befriedigung, die man sich auf die eine oder andere Art holt.“

Um Defizite zu erkennen, gebe es bestimmte Triggermethoden, die eindeutige Reaktionen auslösten. Beispielsweise gebe es Menschen, die darunter leiden, dass die Eltern zu distanziert waren. „Solche Menschen suchen sich immer Partner, an die sie schlecht herankommen. Wenn wir solche Bedürfnisse erkennen, können wir gezielt handeln. Wenn ich in der Sprache des Gegenübers sende, erreiche ich ihn besser, er beginnt zu reden. Das ist der goldene Moment.“

Die Arbeit mit einem Verbrecher hat sie gefordert und bestätigt, dass ihre Methode funktioniert. Wegen des großen Bedarfs möchte sie bundesweit Personen ausbilden, um ihre Methode zu multiplizieren.

Das Arbeiten mit nonverbalen Zeichen ist noch eine Lücke in Kommunikationstrainings. „Die Menschen sehen einander nicht mehr an“, hat Sabrina Rizzo beobachtet, „dadurch entgeht ihnen viel.“ Alles lasse sich in Gestik und Mimik ablesen; elf Millimetern bewusster Ebene stünden 15 km unbewusste Ebene gegenüber. „Das heißt, wir können unser Wissen reaktivieren. Dazu sollten wir uns für die Signale sensibilisieren.“

 Von Bettina Albrod