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Stormarn Radfahrer gehen auf die Straße
Lokales Stormarn Radfahrer gehen auf die Straße
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21:37 22.06.2018
Eine Demo für gegenseitige Rücksichtnahme: Radler und Autofahrer müssen sich den Verkehrsraum teilen, was nicht immer konfliktfrei gelingt. Quelle: Foto: Hfr
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Bargteheide

„Critical Mass“ – kritische Menge – nennt sich eine Form der Fahrraddemo, bei der sich Radler auf ihr Zweirad schwingen, um mit einer gemeinsamen Tour durch die Stadt auf die Anliegen der Fahrradfahrer aufmerksam zu machen. In Hamburg, Lübeck und vielen weiteren Städten finden solche Aktionen regelmäßig statt. Jetzt plant der Allgemeine Deutsche Fahrradclub Stormarn (ADFC) auch eine „Critical Mass“ für Stormarn: Versuchsballon soll am Sonnabend, 30. Juni, um 11 Uhr eine Fahrrad-Demo sein, die vor dem Bargteheider Rathaus startet.

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Jürgen Hentschke vom ADFC Stormarn will möglichst viele Menschen aufs Rad bringen. Quelle: Foto: B. Albrod

Ziel ist es, das Radfahren attraktiv zu machen und gleichzeitig zu erreichen, dass Motorisierte und Nichtmotorisierte im Verkehr sensibler miteinander umgehen. „In Bargteheide haben viele Straßen keine Radwege“, erläutert Jürgen Hentschke vom ADFC Stormarn. Die Zweiräder teilen sich also die Straße mit den Autos. „Deshalb wollen wir die Verkehrsteilnehmer für ein besseres Miteinander sensibilisieren.“ Bereits seit 1997 sehe die StVO das Radfahren auf der Fahrbahn als Regelfall vor und lasse es nur ausnahmsweise zu, Radwege mit dem blauen Radwegeschild als benutzungspflichtig zu kennzeichnen.

„Die Radwegebenutzungspflicht verbot den Radfahrern das Fahren auf der Straße“, erklärt Hans-Jürgen Zimmermann vom Bereich Verkehrslenkung beim Kreis Stormarn. „Nach einem Urteil 2010 müssen Radwege jetzt nur bei besonderer Gefahrenlage benutzt werden. Daraufhin wurden die Schilder abgebaut.“ Radfahrer dürfen nun selbst entscheiden, ob sie den Radweg oder die Straße nutzen wollen. Wählen sie die Straße, müssen sich Kraftfahrzeuge und Radfahrer den Verkehrsraum teilen. Zumal sich anhand von Auswertungen zeige, dass Radler auf der Straße sicherer fahren. „Für viele Radfahrer war diese Erkenntnis jedoch nicht nachzuvollziehen“, ist Hentschkes Erfahrung. „Sie fühlen sich auf der Fahrbahn nicht sicher und benutzen ihr Rad lieber nicht.“ Grund dafür ist das Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer.

„Radfahrer werden mit zu wenig Abstand überholt“, gibt Hentschke ein Beispiel. „Der Mindestabstand von 1,50 Metern wird oft nicht eingehalten.“ Ein weiterer Fehler bei Autofahrern sei, dass sie beim Rechtsabbiegen den Blick über die Schulter vergäßen. Die Folge seien gefährliche Situationen oder sogar Unfälle. „Wenn der Abstand zu eng ist, klopfen Radfahrer beim Auto schon mal aufs Dach“, so Hentschke. „Es gibt auch Autofahrer, die Radfahrer beschimpfen und ihnen zurufen, dass sie auf dem Radweg fahren sollen.“ Die Infrastruktur sei aber so miserabel, dass viele Radwege nur schlecht zu befahren seien.

Gleichzeitig gelte es, aus Umweltschutzgründen so viele Menschen wie möglich dazu zu bringen, vom Auto aufs Rad umzusteigen. „Mit unserer Demonstration wollen wir Autofahrer und Radfahrer davon überzeugen, dass sie einander brauchen, um entspannter und mit einem sicheren Gefühl am Straßenverkehr teilnehmen zu können“, sagt Hentschke.

Dafür hat der ADFC-Stormarn einen Forderungskatalog formuliert: „Seid friedlicher im Straßenverkehr! Verzichtet auf Aggressivität! Nehmt mehr Rücksicht! Verzichtet auf Rechthaberei! Informiert euch über Rechte und Pflichten anderer Verkehrsteilnehmer!“, heißt es in dem Aufruf. Auch mehr Kontrollen durch die Polizei zwecks Einhaltung der Verkehrsregeln wären hilfreich.

„Die Demo in Bargteheide ist ein Versuchsballon“, erklärt Hentschke. „Wenn sie gut ankommt und viele Menschen mitmachen, wollen wir das auch in Bad Oldesloe, Reinfeld, Ahrensburg, Glinde und Trittau machen. In Hamburg oder Lübeck gibt es ja bereits regelmäßig eine ,Critical Mass’. Viele unserer Hinweise sind verhallt, jetzt gehen wir eben auf die Straße.“

Von Bettina Albrod