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Stormarn Reinfeld: Traditionsfirma schließt nach 118 Jahren
Lokales Stormarn Reinfeld: Traditionsfirma schließt nach 118 Jahren
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18:36 30.04.2019
Bis Ende Mai drechselt Fritz-Heinrich Bruer noch Holzwerkzeuge in seiner Reinfelder Fabrik. Danach schließt er die Tore, und Reinfeld hat einen Traditionsbetrieb weniger. Quelle: Britta Matzen
Reinfeld

Die Reinfelder Holzwarenfabrik Bruer schließt für immer. „Aus Altersgründen und wegen fehlender Nachfolge werde ich meinen Betrieb aufgeben“, sagt Fritz-Heinrich Bruer, der die Firma in dritter Generation leitet. Der Reinfelder ist 75. Seine beiden Töchter Barbara und Merle haben andere Berufe erlernt, und ihm fällt die harte körperliche Arbeit mittlerweile doch immer schwerer. Riesige Holzbohlen schleppen, zehn Stunden am Tag an den Maschinen stehen, um die hochwertigen Holzhammer, Klopfhölzer, Schreiner- und Bildhauerklüpfel oder Sprossen und Antrittspfosten für Treppen aus heimischer Hainbuche zu fertigen. Zeit, um den Ruhestand einzuläuten. Bruer: „Ich möchte einfach kürzertreten.“

Drechslerei wurde am 1. Mai 1901 gegründet

Die Holzwarenfabrik Bruer gehört zu den ältesten Unternehmen in Reinfeld. Der Großvater von Fritz-Heinrich Bruer, Fritz Bruer, gründete den Familienbetrieb am 1. Mai 1901. Bruer stammte aus Osterode im Harz. Während seiner Wanderschaft als Drechslergeselle kam er nach Schleswig-Holstein. Nachdem er in Lütjenburg seine Frau Maria kennengelernt hatte, war die Entscheidung schnell gefallen: Bruer blieb im Norden und ließ sich mit der frisch angetrauten Ehefrau in Reinfeld nieder. „Meine Großeltern bezogen eine Wohnung im Kirchsteig. In einem Schuppen auf dem Hinterhof haben sie zunächst die Werkzeuge produziert“, berichtet Fritz-Heinrich Bruer. Doch bald wurden Werkstatt und Grundstück zu klein. Es wurde ein Bauplatz auf dem Weg nach Bischofsteich gekauft und dort neu gebaut. Ein großes Wohnhaus mit Werkstatt. Nach und nach wurde der Betrieb erweitert – um Lagerhalle, Stallungen für zwei Pferde, drei Kühe und Schweine.

Ein Reinfelder Traditionsbetrieb schließt für immer: die Holzwarenfabrik Bruer. Von den Anfängen bis heute: Hier sind Erinnerungen aus 118 Jahren Firmengeschichte.

Dampfmaschine war bis 1959 im Einsatz

1911 wurde die Dampfmaschine geliefert. Für Reinfeld eine kleine Sensation. Über eine Hauptwelle trieb sie alle Maschinen der Reinfelder Holzwarenfabrik an: die sieben Drehbänke, zwei Bandsägen, zwei Kreissägen und zwei Hobelmaschinen. „Bis 1959 arbeiteten wir noch mit der Dampfmaschine“, erinnert sich Fritz-Heinrich Bruer. Ein Mann war einen halben Arbeitstag damit beschäftigt, die Dampfmaschine mit Hobelspäne und Holzabfällen in Gang zu halten. Auch heute noch werden der Betrieb und das Wohnhaus der Bruers mit Holzspänen beheizt.

Familienbetrieb in dritter Generation

Nach dem Tod des Großvaters übernahm Heinrich Bruer 1959 die Führung. „Das waren die Wirtschaftswunderjahre. Mein Vater hat damals viel für die Möbelindustrie gefertigt, vor allem Stuhl- und Tischfüße“, berichtet der jetzige Firmenchef. 1972 ging der Betrieb in die dritte Generation über. Ende der Siebziger führte Fritz-Heinrich Bruer Gespräche mit der Stadt, die dringend neuen Wohnraum schaffen wollte. „Heraus kam die Aussiedlung ins Gewerbegebiet an der Feldstraße“, so Bruer.

Entlassungen bei Bruer

Wenig später ein schwerer Schlag für die Firma: „1981 stürzte die Möbelindustrie in eine schwere Rezession. Da habe ich ungefähr 150 000 Mark an Pleiten verloren und musste den letzten Mann entlassen, weil ich nichts mehr zu tun hatte.“ Aufgeben – das kam für Bruer dennoch nicht in Frage. Er besann sich wieder auf die Wurzeln der Firma. Er holte das Programm seines Großvaters hervor und ging mit den Qualitätswerkzeugen für Handwerker und Heimwerker auf die Messe nach Köln. „Da habe ich meine großen Kunden bekommen, die ich auch heute noch habe.“

Gürtelhalter für Tchibo

Einige Aufträge wird Bruer wohl nie vergessen. „Eines Tages brachte ein Mann einen kleinen Gürtelhalter vorbei. Wie ein Kegel sah der aus, oben mit einem Bügel, unten vier Haken. Der Kegel war aus amerikanischer Rotzeder, die riecht ganz stark und vertreibt Motten.“ Bruer sollte einen Kegel als Muster anfertigen. Der Reinfelder lieferte anscheinend eine gute Arbeit ab, denn er bekam den Zuschlag. Der Auftraggeber hieß Tchibo. 150 000 Stück sollte er drehen, und zwar innerhalb von drei Monaten. Bruer leaste eigens eine Maschine, um den Großauftrag zu erfüllen. „Da war Zunder hier, die Maschine lief von morgens bis abends. Einen Mann als Hilfe habe ich eingestellt, allein hätte ich das gar nicht geschafft.“

Der Duft der Zeder

Aus Amerika wurde ein Container Zedernholz angeliefert. „Ich habe das Holz auf Länge geschnitten, gedreht, in der Schleifmaschine geschliffen und ein Loch hineingebohrt. In den Behindertenwerkstätten von Mölln wurden die Bügel und Haken angebracht.“ Den Duft der Zeder hat Bruer heute noch in der Nase. „Das kann man sich nicht vorstellen, wie das hier gerochen hat.“ Der starke, herbe Holzduft habe über Monate im ganzen Betrieb gehangen. Im Folgejahr orderte Tchibo weitere 130 000 Stück: eines von vielen Erfolgsprojekten der Reinfelder Holzwarenfabrik.

Kunden tätigen Hamsterkäufe

Dass es keinen Nachfolger geben wird, wusste Bruer schon länger. Er hatte noch versucht, jemanden zu finden, der den Betrieb übernimmt. Vergeblich. Als er jetzt seinen Kunden mitteilte, dass er aufhört, waren sie traurig. „Die haben daraufhin bestellt wie verrückt. 6000 Werkzeuge muss ich jetzt noch machen.“ Dabei wollte er eigentlich schon vor ein paar Wochen die Tore schließen. „Jetzt verarbeite ich noch alles Holz, was ich habe, und dann bin ich damit durch.“

Zeit für Kinder und Enkel

Fritz-Heinrich Bruer ist froh, dass der Stress bald vorbei ist. Auch Ehefrau Waltraud, die immer mit im Betrieb geholfen und die Werkzeuge von Hand lackiert hat, freut sich auf den gemeinsamen Ruhestand. Beide wollen mehr Zeit mit Kindern und Enkeln verbringen, den Garten und einfach das Leben genießen.

Britta Matzen

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